Und alles biegt sich

und es bricht sich. Ein Kaleidoskop von Schwierigkeiten, die im Zentrum zu einer einzigen Aufforderung zusammenfließen. Meine Welt verändert sich in rasendem Tempo, viel zu schnell für gut durchdachte Pläne.

„Du bist nicht der rettende Engel von Belgrad“, sagt die Suppenfreundin und meint damit, dass sie meinen unbändigen Wunsch, jetzt an jeder der sieben Ecken in die Bresche zu springen, gut verstehen kann. Und ihn trotzdem für schwachsinnig hält.

‚Sie hat Recht‘, denkt mein Kopf und argumentiert. Das Für und Wider lässt sich kaum noch abwägen, wenn man sich im Ungleichgewicht befindet. Denn seit Wochen schon wackle ich wie ein Milchzahn. Selbst nicht fest im Sattel bin ich bereit loszureiten. Ziel: Retterin von Belgrad. Motiv: schlechtes Gewissen. Ergebnis: ungewiss.

Gewiss ist lediglich, dass jemand sterben wird. Wer zuerst, das entscheidet ein Anderer für uns. Einen bindenden Vertrag gibt es da nicht. Und die Katastrophen jagen einander um den Block.

Zwischen Wollen und Können liegt ein ganzes Tränenmeer. Zwischen hier und Belgrad 1483 km. Wenn man über Ungarn fährt. Fliegen käme nicht in Frage.

„Ich wünschte, die Mama wäre wieder gesund“, sagt der Chaosprinz der Kindergärtnerin, während die Kleinen Mittagsschlaf halten.

Und das sollte das Einzige sein, was jetzt für mich zählt.

 

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Was vom Tage übrig blieb

Es ist schon längst dunkle Nacht, der verhangene Himmel lässt kaum den Mond durchscheinen, und das einzige Licht kommt von elektrischen Quellen in der Nachbarschaft.

Im geliehenen Zimmer ist es stockfinster. Das einzige Geräusch sind hin und wieder vorbei bretternde Fahrzeuge auf dem Weg in die Stadt. Und das, was mein Kopf seit Stunden produziert, ein tiefes, unzufriedenes Gebrummel, ähnlich einer Bowlingkugel, die über den Holzboden rollt.

Ich sitze aufrecht im Bett, das nicht meines ist, und denke über diesen Tag nach. Über das, was außerhalb von mir passiert, Vorbereitungen auf die Einschulung im nächsten Jahr, Planung des nahenden Geburtstags, das Chaos im Haus, und wer es beseitigen könnte. Darüber, wie plötzlich eine alte Schulfreundin ganz hier in der Nähe sich zu einem Kaffee angemeldet hat, und wie wenig Interesse ich daran habe.

Sie hat mich nicht gemocht, die alte Schulfreundin. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, jemals näheren Kontakt zu ihr gehabt zu haben. Ich war ihr wie den meisten braven Mädchen mit großen Ambitionen wohl einfach zu laut, zu schrill, zu anders.

Dabei wollte ich doch so gern dazu gehören. Zu diesen Mädchen, die sorgsam ihre Hausaufgaben erledigten und dunkelblaue Pullover mit V-Ausschnitt trugen. Ich wäre gerne weniger aufgefallen, hätte gern öfter geschwiegen und dadurch klüger gewirkt. Aber wenn ich nervös werde und unsicher, dann fange ich an zu plappern. Meist völlig zusammenhanglose Belanglosigkeiten, aber nie über das Wetter. Ich habe schließlich auch Prinzipien!

Meine Schulzeit war eine Kette langer Tage, die von Unsicherheit geprägt waren. Kein Wunder also, dass die anderen Mädchen nicht viel mit mir anfangen konnten. Ich nehme es ihnen ja auch gar nicht übel.

Interessanterweise ergaben aber sporadische Gespräche mit Schulkameradinnen, dass sie mich offenbar gar nicht mehr so in Erinnerung haben. Genau genommen scheinen sich die wenigsten an die vielen typisch zickigen Gemeinheiten an meine Adresse gar nicht mehr zu erinnern. Es ist aber auch schon ein Viertel Jahrhundert her. Das muss man fairerweise dazu sagen.

Besagte Schulfreundin entdeckte wohl eher zufällig, dass ich jetzt in ihrer Nähe wohne, und nimmt das zum Anlass, sich einzuladen. Einen konkreten Grund dafür habe ich ihr nicht geboten. Vielleicht ist sie einfach neugierig oder möchte alte Zeiten erinnern. Wo wir eigentlich kaum etwas mit einander zu tun hatten, sollen jetzt also gemeinsame Erinnerungen wach werden.

„Alte Gedanken“, so nennt der Chaosprinz Erinnerungen, und nie fand ich das passender als jetzt. Es sind alte Gedanken, die durch meinen Kopf rollen, an längst vergessene Tage aus einem völlig anderen Leben. Das Damals hat mit meinem Heute nicht mehr viel zu tun.

Zumindest wünsche ich mir, dass es so ist. Viel zu häufig fühle ich mich noch so unsicher wie damals, das kleine Mädchen mit dem runden Gesicht, unordentlich geflochtenen Zöpfen und abgetragener Kleidung. Das morgens als erste durch die Pforte ging und fast eine ganze Stunde vor Unterrichtsbeginn frierend in einer Ecke des Schulhofs auf kalten Steinen saß und darauf wartete, dass vielleicht irgendwann irgend jemand auftauchen würde, um sie aus diesem falschen Film zu holen.

Manchmal fühle ich mich immer noch, als sei ich im falschen Film. Aber immer öfter entdecke ich winzige Kleinigkeiten an mir, in denen ich diejenige erkennen kann, die ich immer sein wollte, und das ist doch auch schon mal was.

Wenn der Gedanke an diese Winzigkeiten vom Tage übrig  bleibt, wenn es mir gelingt, das Rollen der Bowlingkugel zu übertönen, bevor der neue Tag anbricht, dann wird die Nacht ruhig und ich kann traumlos schlafen.

 

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Eigentlich

Eigentlich schreibe ich täglich. Ich bin eine Morgenseiten-schreiberin, führe Tagebuch, schreibe bei Facebook meine Gedanken auf, ungeachtet dessen, dass sie meist unverstanden bleiben, führe ein Glückstagebuch, ohne dabei glücklich geworden zu sein, und manchmal, viel zu selten, bemühe ich den Blog.

Ich schreibe. Manchmal offen wie ein aufgeschlagenes Buch, manchmal fest verschlossen mit sieben Siegeln, immer dann, wenn ich zwar schreiben muss, aber nicht gelesen werden möchte.

Ich habe genau genommen nie etwas Anderes getan. Denn, selbst wenn ich nicht schreibe, formuliert mein Kopf unaufhörlich Sätze. Die meisten vergesse ich sofort wieder, in manche verliebe ich mich, die sind dann für die Ewigkeit.

Ich schreibe nicht mehr für Andere. Zumindest bemühe ich mich, es nicht zu tun. Es ergibt wenig Sinn, für Andere schreiben zu wollen, wenn man nicht dem Gespür dafür folgt, was Andere lesen möchten. Ich schreibe nicht für Andere, aber ich schreibe nicht für Niemanden.

Vielleicht sollte ich mich wieder dem Blog anvertrauen. Dieser gesicherten Anonymität des weltweiten Netzes, die mir erlaubt, ehrlich zu sein, auch und vor allem mit mir selbst.

Ich bewundere Menschen, die etwas Anderes zum Thema machen, aber in Wahrheit schreiben wir doch alle über uns selbst. Und wenn wir es noch so gut hinter einer erdachten Geschichte verstecken.

Ich schreibe über mich selbst. Über den Chaosprinzen und meinen Hund. Über die seltsame Herde, in der ich mich bewege.

Ich habe keine Leser. Ich schreibe einfach.

Irgendwann wird es Jemand lesen, der so ähnlich ist wie ich. Der sich unverstanden fühlt, weil er sich hinter komplizierter Semantik versteckt.

Und das, genau das ist es wert.

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In manchen Nächten ist an Schlaf nicht zu denken.

Da liege ich dann wach, die Augen weit zur Dunkelheit hin geöffnet, und möchte geliebt werden.

Manchmal ist mir nicht nach Schlafen, dann will ich luzide träumen und den Moment festhalten. Manche Augenblicke sollten nicht vorübergehen dürfen, man müsste sie festhalten können, konservieren für die Ewigkeit.

Wie den Anblick dieses zauberhaften Wesens. Eine Begegnung mit der guten Fee aus längst vergessenen Märchen. Wie sie lieben, was sie tun. Und dafür werden sie geliebt.

Der Fotograf ist Wiener alter Schule. Er beugt sich herab und küsst die Hand, gnädige Dame. Ich ziehe meine schnell zurück. Ich bin nicht gnädig und eine Dame schon gar nicht,  und mir die Hand küssen zu lassen, erscheint mir in Anbetracht meiner Erscheinung vollkommen unangemessen.

Wie sie sich versammelt haben, um ihre Arbeit zu feiern,  und man darf meinen, sie sei wenig kunstvoll gefertigt, und doch ringt einem das feierliche Ambiente zwischen Sekt und Selters den nötigen Respekt schon ab.

Und in der Mitte des Kreises der leuchtende Stern, ein kaum hörbarer französischer Akzent, charmant wie ein scheues Lächeln.

Manchmal ist die Nacht zum Träumen gemacht. Von Möglichkeiten und dem Unmöglichen.  Von Fotografen mit antiquierten Gesten und leuchtenden Sternen der Szene. Von Lieblingsmenschen und bestechender Ästhetik.

Manchmal muss man sich nachts die Welt erträumen, um den Tag zu überstehen.

 

 

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Ich bin ein Jemand.

In der Anonymität des Warteraums bin ich eines von hundert Gesichtern. Gespeicherte Daten auf einem Computerchip. Ich habe Angst.

Jedes Mal, wenn die Schiebetüren des Warteraums sich lautlos öffnen geht ein Jemand hinaus, ein anderer Jemand kommt herein. Man lächelt kurz und schweigt. Irgendwann schaut niemand mehr auf. Hilflosigkeit überschwemmt den Raum.

Ich habe Schmerzen. An etwas anderes kann ich nicht mehr denken. Man schiebt mich zum Röntgen und stellt mich dort ab. Sie müssen jetzt doch nicht weinen. Es tut weh. Ach so. Man schiebt mich zurück und stellt mich dort ab.

Es vergehen Stunden. Jemand bekommt einen Gips. Jemand Tabletten. Freundlich wird ausgerichtet, es dauere noch etwas. Ich bekomme einen Schmerztropf.

Auf dich hat die Welt gewartet. Zumindest deinem festen Schritt nach zu urteilen, als du dynamisch den Behandlungsraum betrittst. Du bist Mitte Dreißig und hast nicht promoviert, also kein Grund für die Schwester, dich ständig „Doktor“ zu nennen. Du gibst dich souverän. Zuversichtlich beleuchtest du das Röntgenbild. Und erkennst nichts.

Ganz professionell hast du die Maske des milden Interesses aufgesetzt, während du mir zuhörst. Und deine Stimme klingt seltsam einstudiert, während du mir die Schmerzen zu rechtfertigen versuchst. Meinen Namen konntest du dir nicht merken. Acht Stunden habe ich auf dich gewartet. Du widmest mir zwölf Minuten.

Für jemanden bin ich jemand. Für dich bin ich ein Niemand. Hereinspaziert, herausspaziert. Schließen Sie die Tür, wenn Sie gehen, Dankeschön. Man ist höflich.

Wirklich etwas für mich tun konntest du nicht. Dazu reichte die Zeit nicht, und außerdem ist das ja auch nicht dein Job. Ich bin betäubt. Gute Besserung. Und ein gewinnendes Lächeln. Wehenden Kittels eilst du den langen Flur hinunter. Deine Zeit ist kostbar.

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Und so beginnt…

…einer meiner häufigsten Albträume:

Ein Haus mitten im Nirgendwo zwischen zwei dünn besiedelten Straßendörfern an der Landstraße unmittelbar hinter einem Stück Wald.

Hohe Zypressen säumen den Vorgarten und verdecken die Fassade, lediglich die Eingangstür ist von der Straße aus gut einsehbar. Neben dem Hauseingang wuchert ausladend eine Tanne.

Das Haus ist innen größer, als es von außen den Anschein hat. Ein offener Wohnbereich, nur vereinzelte Spots beleuchtet, ein kurzer Blick auf den offenen Kamin, in dem ein Feuer glimmt.

Rechts davon führt eine breite Treppe in einen Kellerraum, der als Lager für Medikamente dient. Hier ist alles laborweiß und gut ausgeleuchtet. Grelle Kastenstrahler wie auf Krankenhausfluren.

Auf hunderten von weißen Regalböden lagern tausende von Großpackungen mit komplizierten Namen drauf. Mehrere Labortische mit Equipment ausgestattet, das ich aus dem Chemieunterricht kenne, unterteilen den riesigen Raum und geben ihm einen professionellen Anstrich.

Ich bin kein Kind mehr, irgendwo zwischen Grundschule und Pubertät, ich bin allein, und es ist still. Ich fühle mich verloren zwischen all dem Gift, aber fasziniert von der professionellen Ordnung, die hier herrscht. Langsam gehe ich an den offenen Regalen vorbei, ich erkunde einen Labortisch mit blütenweißem Abfluss an der Seite. Ich habe unendlich viel Zeit. Mir ist leicht schwindelig von dem grellen Licht auf den weißen Kacheln, zu kalt, um die Jacke auszuziehen, zu warm, um sie anzulassen.

So beginnt einer meiner größten Albträume, in einem Haus mit Tanne im Vorgarten, in einem Ort, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, mit diesem klinisch reinen Medikamentenlager im Keller.

Ich habe keine Ahnung, wie er endet.

 

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Nachmittags

In der Welt um mich herum herrscht ein einzigartiges Chaos. Jeden Augenblick verändert sich dessen Qualität, und ich bin dem schutzlos ausgeliefert. Etwa 20.000 Mal am Tag freue oder ärgere ich mich, bin enttäuscht, verängstigt oder wütend. Ich liebe und hasse nur Sekunden später, dann wiederum werde ich so müde, dass ich wie betäubt wahrnehme und mir alles gleichgültig wird.

Das Chaos um mich herum nimmt keine Rücksicht. Donnernd fährt der Bus vorbei, nervöse Autofahrer hupen die empörten Fußgänger an. Ein Mann brüllt ihnen ein Schimpfwort hinterher, irgendwo weint ein Kleinkind. Für die Welt bin ich genauso wenig geeignet, wie die Frau mittleren Alters, die sich Plastikblumen ins Haar gesteckt hat und vorsichtig langsam auf Plateauschuhen beeindruckender Höhe die Straße überquert.

Ich bin aus der Welt gefallen, wie ich so da sitze in diesem Italiener neben dem Aldi, mitten in einen hitzigen Frühsommertag, vor mir der schwarze Espresso, an den ich mich erinnern werde, wenn ich heute Nacht nicht schlafen kann.

Der Moment ist so vollkommen, dass er aus der Werbung stammen könnte. Für einen kurzen Augenblick kommt kein Auto vorbei, mein Gehirn blendet die lauten Geräusche hastender Menschen aus und ersetzt sie durch einen lange schon vergessenen Song.

Der Chaosprinz kommt aus dem Aldi gestürmt.

“Komm mit, Mama!“

Das Chaos um mich herum ist perfekt.

 

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