Erinnern heißt Vergessen

Wie die Zeit vergeht, in riesigen Sprüngen hüpft sie davon, wie die Hasen auf den vor einigen Tagen gemähten Feldern vor dem Haus. Große Heuballen Zeit blieben darauf zurück, sie blenden sich mit ihrer Farbe ins Feld, bis ein Traktor sie irgendwann fortfährt.

Heute Morgen im Bett zeigte mir mein Handy an, ich hätte nicht mehr genug Speicher. Das Handy ist kurz vor seiner Pensionierung, es hat einen guten Job gemacht und eigentlich bräuchte es einen Nachfolger. Und so beginne ich, unnötige Daten davon zu löschen, alte Notizen, schnelle Schnappschüsse und überholte Chatverläufe. In den vergangenen sechs Jahren gab es einige kurze Begegnungen, die getrost gelöscht werden können. Eine davon schleppe ich nun seit fast zwei Jahren durch jede Löschaktion, weil ich sie bis heute aufbewahren musste. Damit ich mich erinnere, bevor ich vergessen kann. Denn Erinnern heißt Vergessen, sagt man. Das liegt daran, dass im Gedächtnis das eigentliche Ereignis mit jeder neuen Erinnerung daran überschrieben wird. So verändert sich das ursprüngliche Geschehen, wird reduziert auf das Wesentliche, Gedächtnislücken werden aufgefüllt mit dem nächstliegenden, es entstehen Geschichten und daraus werden Legenden. Mit dem ursprünglich Geschehenen haben die meist nicht mehr viel zu tun.

Es ist ein sehr individueller Prozess, scheint mir, das Erinnern. Wenn ich mich mit Bekannten an alte Zeiten erinnere, haben wir immer ganz verschiedene Entwürfe von dem gemeinsam Erlebten. Vor einigen Jahren schrieb mich eine alte Schulkameradin auf Facebook an. Mit einiger Vorsicht las ich ihre Nachricht, antwortete unverbindlich, denn in meiner Schulzeit war ich ein gemobbtes Kind. An guten Tagen wurde ich ignoriert, doch wenn es unvermeidbar war, dass man auf mich traf, dann nutzte man die Gelegenheit, um mich zu ärgern, beleidigen und zu erniedrigen. Deshalb ist mir meine Schulzeit in keiner guten Erinnerung geblieben.

Es ist natürlich ein anderes Thema, aber es dient der Vollständigkeit und ist ja auch kein Geheimnis mehr, wenn ich erwähne, dass Mehrheitsgesellschaften noch nie mein Ding waren. Bis heute habe ich keinen blassen Schimmer, woran das liegen könnte, aber irgendwie falle ich den Menschen immer ins Auge wie ein bunter Hund. Als hätte ich eine Plakette mit der Aufschrift „Ich gehöre nicht dazu!“, meiden sie mich, sobald ich sie nur grüße. Ein anderes Thema, natürlich.

Jedenfalls hatte besagte Schulkameradin unsere gemeinsame Schulzeit ganz anders in Erinnerung als ich. Auf meine vorsichtige Antwort auf ihre Nachricht ergoss sich eine Lobeshymne auf unsere Freundschaft. Es fielen Sätze, die nahelegten, wie gut wir uns verstanden hätten, wie hilfreich ich ihr bei der Bewältigung der Herausforderungen des Erwachsenwerdens gewesen sei, wie nett wir es doch hatten. Tja, und da stehst du jetzt mit deinen eigenen Erinnerungen an diese gruselige Zeit und fragst dich, ob du deine Horrorszenarien nicht getrost überschreiben könntest mit ihren Schmetterlingsregenbogengeschichten. Die Versuchung dazu ist groß.

Ein weiteres, großes Zitat lautet: „Alles, was vergangen ist, ist schön!“ Keine Ahnung, wo ich es gehört habe, ich meine, es wird einem russischen Autor zugeschrieben, aber seit ich es kenne, denke ich darüber nach. Ich frage mich, ob es wirklich so ist, dass man seine Vergangenheit nur deshalb verklärt, weil sie vergangen ist. Weil es einfacher und auch viel angenehmer ist, sich nur an das Schöne zu erinnern statt an das Furchtbare. Damit überschreibt die Freude das Leid jedes Mal aufs Neue, bis man sich nicht mehr so genau erinnern kann, bis nur noch der Sonnenschein vom Sommer bleibt und der Regen vergessen ist. Was waren das für schöne Zeiten damals.

Eine Hypothese, nach der das persönliche Empfinden von Leid zu einer Frage der Zeit wird. Je näher die Vergangenheit, desto seltener ist sie freundlich überschrieben worden, desto präziser erinnern wir sie. Je weiter die Vergangenheit sich entfernt, desto öfter ist sie überschrieben worden mit Freude und Sonnenschein. Deshalb war früher wohl auch alles besser und nicht etwa, wie angenommen, der bloßen Tatsache geschuldet, dass wir das Früher überlebt haben, also kann es so schlimm ja nicht gewesen sein. Kompliziertes Gehirn.

Im Falle der bisher noch nicht gelöschten Kommunikation aus meinem Handy ist die Erinnerung noch frisch. Einzelheiten wurden vergessen, das gebe ich zu, aber das Wesentliche ist noch vorhanden. Aus Wut und Enttäuschung ist mit der Zeit ein Wundern geworden, darüber, wie einfach ich vertrauen konnte und wie leichtfertig mein Vertrauen missbraucht wurde. Ich habe mich immer schon darüber gewundert, wie Vertrauen funktioniert. Es ist, als würde ich selbst mir gar nicht aussuchen können, wem ich vertraue. Aus einer Flut von Begegnungen taucht plötzlich jemand auf, der mir vertrauenswürdig erscheint und zu dem ich dann ganz selbstverständlich Vertrauen fasse. Als Kind habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass derjenige mein Vertrauen gar nicht wollte, seitdem bin ich vorsichtiger geworden, wenn es darum geht, jemandem zu vertrauen.

Natürlich hat das viel zu tun mit der Angst vor Ablehnung, mit der Überzeugung, dem Gegenüber nicht zumutbar zu sein, mit dem Selbstbewusstsein darüber, wer ich bin, und dem Selbstwertgefühl, was ich kann. Als ich klein war, gab ich mich gern der sehnsüchtigen Illusion hin, dass jeder Mensch das Kind von jemandem sei. Dass jeder Mann ein Vater und jede Frau eine Mutter ist. Ich dachte mir aus, dass Familie immer selbstverständlich ist, wenigstens einer da, der liebt und einer, der geliebt wird. Ich wusste auch damals schon, dass das so nicht stimmt, aber diese Vorstellung gab dem Dasein doch irgendwie einen Sinn.

An diesem Sinnbild hat sich bis heute nicht viel geändert, ich habe es lediglich etwas überarbeitet. Würde ich jetzt spirituell werden wollen, so würde ich behaupten, dass, wenn wir alle aus dem Einem hervorgehen und zu dem Einen zurückkehren, der einzige Grund unserer Menschwerdung, unserer Manifestation in einer materiellen Welt, die Begegnung ist. Wir werden einander kurzfristig zum Gegenüber, bevor wir in der Summe dann wieder Eins ergeben. So oder so ähnlich vielleicht, jedenfalls kann man sich nur auf einem Spielfeld begegnen. Und mir gefällt diese Vorstellung, weil sie den Raum offen lässt für alle möglichen Spielarten. Auch wenn ich eigentlich genug von Begegnung habe, weshalb ich meist versuche, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Und doch sind trotzdem ab und an immer wieder welche da, manche gewaltig wie ein Orkan und manche unscheinbar fast. Begegnungen, die mich lehren, verändern, prägen, und wenn sie lange genug her sind, dann ist die Erinnerung an sie auch immer schön.

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Regretting Motherhood

Stell dir vor, du hättest keine Kinder, sagt sie, wofür würdest du dann leben wollen?

Ich bemühe mich sehr, mir das vorzustellen, aber der kleine Rotschopf neben mir im Bett des Ferienhauses schläft heute Nacht unruhig. Wälzt sich, drückt die Matratzen auseinander, schlägt mit den Händen in mein Gesicht und tritt mir in die Bandscheiben.

Stell dir vor, du hättest kein Kind. Unvorstellbar, wie viel zusätzliche Zeit ich dann hätte, nur womit würde ich sie füllen wollen?

Gestern Abend in der Badewanne sieben Tage Feriendreck abgewaschen. Er lacht, als ich versuche, den Schmutz von seinen Fußsohlen zu kratzen, es kitzelt. Frisch gebadet ins gemachte Bett. Um drei Uhr dann Pipialarm. Im fremden Haus lässt die Toilette sich nicht ohne Mama finden.

Seitdem liege ich wach und starre abwechselnd auf Möbel aus den frühen Achzigern und zufällige Artikel auf der Facebook Seite.

Regretting motherhood ist das Schlagwort, das seit einigen Jahren die Runde in den sozialen Medien macht. Dabei geht es nicht um das Kind, betonen betroffene Mütter. Das Kind liebt man, das richtet die Natur ganz automatisch so ein, es ist wohl mehr die Mutterrolle, die nicht so recht passen will.

Ich fühle mich furchtbar egoistisch. Denn bevor ich mir mein Kind gewünscht habe, habe ich mir gewünscht, Mutter zu sein. Es war eine Lifestyleentscheidung, könnte man sagen. Ich sah mich Betten machen und Butterbrote schmieren, Dreck abkratzen und Geschichten vorlesen. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, Rotznasen zu putzen und Apfelstücke zu schneiden. Letzteres habe ich sogar geübt, damit die Stücke auch mundgerecht werden.

Viele Dinge in meinem Leben haben erst einen Sinn ergeben, als ich Mutter wurde. Ich durfte ungehemmt Lego kaufen, alte Kinderbuchklassiker nochmal lesen und um halb neun Uhr abends erschöpft neben ihm einschlafen. Ich durfte die Grundrechenarten neu lernen und Wissenslücken in Sachkunde auffüllen. Endlich lohnt es sich, Mittagessen zu kochen und Kuchen zu backen, sich im Elternbeirat zu engagieren und eine Meinung zum Umweltschutz zu haben.

Der Wertereset im Moment der Geburt eines Kindes ist erstaunlich, plötzlich wird man zum Vorbild, mal schnell bei Rot über die Straße huschen, ist dann nicht mehr drin. Das macht einen zu einer besseren Version von sich selbst.

Stell dir vor, sagt sie, aber ich will mir das gar nicht vorstellen, ich wollte ganz unbedingt eine Mutter sein. Dass das Kind, das ich bekommen habe, so großartig sein würde, so inspirierend, immer überraschend und ständig voller verrückter Ideen, das ist eine Zugabe, mit der ich gar nicht gerechnet hatte.

Es ist wundervoll, eine Mutter zu sein, ganz genauso großartig hatte ich es mir vorgestellt. Aber die größte Freude ist es, seine Mutter zu sein.

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3-2-1 FERIEN

Die letzten Wochen der Grundschulzeit sind ereignisreich und in emotionaler Abschiedsstimmung zu Ende gegangen. Zurück bleibt eine enorme Erleichterung und eine Spur Nostalgie, wie sie sich über alles legt, was unwiederbringlich vergangen ist. Nun sind die herbeigesehnten Sommerferien endlich da und was machen die Jungs? Sie spielen Schule.

Ich schlafe lange. Dann stehe ich auf und mache nichts. Ich genieße das Tun von nichts, das Fehlen von Dringlichkeiten, obwohl sie doch reichlich vorhanden wären, aber das scheint mir im Augenblick alles Kür zu sein. Die Grundschulsachen sind im Keller gut in Kisten verstaut und warten auf eine spätere Revision, wenn der Abstand groß genug ist, um zu entscheiden, was einer Aufbewahrung würdig ist.

Geschrieben habe ich in den letzten Wochen kaum, ich habe mich verunsichern lassen, traute meinen eigenen Worten nicht mehr und ließ sie deshalb links liegen. Wenn man keine eigenen Worte findet, borgt man sich fremde, und deshalb ließ ich mir vergangene Woche die diesjährigen Bachmanntexte vorlesen. Wie immer war es reichlich durchmischt, konzentrisch kreisen mehr oder weniger junge Autoren mehr oder weniger eng um die eigene Existenz. Hängen blieb mir eine Ein-Zeilen-Definition von Menschheit und die Erkenntnis, dass wir, wenn wir über Menschheit sprechen, immer nur Teile davon meinen. Eine Begrenzung findet dieser Begriff immer mit den Grenzen des eigenen Horizonts, da kann Mensch sich noch so sehr um Inklusion bemühen, sie gelingt trotzdem immer nur in dem Rahmen des eigenen Erlebens.

Es ist auch nicht so, als wären in den vergangenen Wochen nicht genug Themen aufgetaucht. Jedes einzelne wäre seitenfüllend gewesen, nur hätte nichts davon zu einem zufriedenstellenden Ergebnis geführt. Es ist, als könne ich lediglich konstatieren, und manchmal sieht es mir so aus, als seien mit der reine Aufzählung dessen, was ist, die Grenzen meiner Sprache schon erreicht. Dabei müsste Sprache doch so viel mehr können. Aber in einer Welt, die unablässig Informationen produziert, um sie zu verkaufen, weiß ich schon längst nicht mehr, welche ihr Geld wert sind. Als hätte ich mich irgendwo in der Postmoderne verlaufen, an einer Gabelung falsch abgebogen vielleicht, und jetzt finde ich den Ausgang nicht mehr.

In einer Woche fahren wir weg. Für eine Woche in einem freundlich geliehenen Ferienhäuschen irgendwo in der Eifel, nicht weit weg von uns. Der Chaosprinz und sein bester Freund aus der mongolischen Hochebene haben sich das sehr gewünscht. Mir scheint aber, dass für sie der Ortswechsel nur bedingt einen Unterschied machen wird, denn die Jungs haben seit Freitag Nachmittag das Kinderzimmer einzig zum Pinkeln verlassen. Dreimal am Tag schieben wir Teller mit Essen unter der Tür durch, ansonsten ist unsere Gesellschaft gerade unerwünscht.

Der erste Tag von sechs langen Wochen liegt vor mir, er präsentiert sich in einem trüben deutschen Grau. Ich sollte jetzt im Süden sein, denke ich, am Meer, irgendwo an einem Strand, an dem ich jeden Felsen kenne. Ich sollte mir entspannt und glücklich von der heißen Sonne große Löcher in mein dickes Winterfell brennen lassen und alte Bekannte treffen. Es ist so falsch, denke ich, dass ich alles, was ich jemals an Ressourcen besessen habe, in ein Leben investiere, welches ich abgrundtief verabscheue, an einem Ort, an dem ich lieber sterben als leben wollte.
Aber auch dieses sechs Wochen werden verfliegen, wie es der Zeit zu eigen geworden ist, und dann kommt die weiterführende Schule und mit ihr die ungeliebten Notwendigkeiten und das Rad dreht sich unaufhaltsam, als wäre der Weg nur noch abschüssig und kurvenreich.
Was übrig bleibt, ist Hoffnung, die immer noch da ist, auf Veränderung, auf ein erträumtes Wunder, und die Sehnsucht nach dem Süden.

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Sprechblasen

Ein kurzer Sommerregen, dann ist es wieder warm. Ein Schauer nur, der die Welt verdunkelt und die Luft abkühlt, einmal alles bereinigt, um dann wieder neu Anlauf zu nehmen. Die Wolken ziehen vorüber und geben die Sonne wieder frei. Und so geht es weiter in einem Stillleben mit Sprechblasen: was machst du, ich mache nichts, lass uns etwas zusammen machen, in Ordnung, aber was wollen wir machen? Keine Ahnung. Und so machen wir zusammen nichts.

Ich werde vergesslich für alles, was in der nahen Vergangenheit liegt. Welchen Tag haben wir heute, was ist auf dem Kalender für ein Jahr angegeben und weshalb werde ich in allem, was ich tue, immer langsamer? Was vierzig und mehr Jahre zurückliegt, taucht dafür plötzlich und ungefragt auf, eine Erinnerung zieht die nächste nach sich, aus Assoziationsketten gebildete Sequenzen, die zusammenhanglos zeigen, woher ich komme und wie ich zu der wurde, die ich heute bin. Was war, ist ein Teil von mir und bleibt bis zum Schluss, die Vergangenheit verlässt mich nicht, sie bleibt hartnäckig und richtet mich in meinem Leben und Handeln aus.

Dabei wäre es so einfach, würde ich noch an irgend etwas glauben. Zum Beispiel daran, dass es Ideen gibt, für die es sich gemeinsam zu kämpfen lohnt. Aber alles, was ich tue, mache ich wie zum ersten Mal. Verwundert beobachte ich mich dabei, meine Routine in den einzelnen Handgriffen, zwei links, zwei rechts, eine abheben. Als könnte ich nicht zugeben, dass ich in Wahrheit keine Ahnung habe. Sonnenstrahlen, auf denen der Hausstaub sein Lied spielt. Und überall nur Sprechblasen. Wie sie entstehen, wie sie zerplatzen und neue entstehen, um zu zerplatzen. Eine Ansammlung von belanglosen Alltäglichkeiten in den immergleichen Worten. In jedem Haushalt in jeder Generation. Das alles hat es lange vor mir schon gegeben, daran wird sich auch nichts ändern. Aber für mich ist heute trotzdem alles neu.

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Apfelmännchen

Wer bist du?, fragt mich heute jemand, und ich denke nach. Mir fällt ein, was ich alles bin, und was alles nicht, aber nichts davon wäre etwas, von dem ich sagen würde, dass es mich ausmacht. Eine Ansammlung von Erfahrungen, guten und schlechten, eine Fusion der Erinnerungen an zufällige Begegnungen, ein Ergebnis aus Entscheidungen, richtigen und falschen. Wer bin ich, wenn ich alles wegnehme, was der Strom der Zeit ohnehin zermahlen wird. Was bleibt von mir, wenn ich alles wegnehme, was mir heute anhaftet.

Mühsam ist die Zeit, wenn sie kaum vergeht. Die Tage ziehen sich wie Gummi und flitschen unerwartet fies zurück, wenn man es am wenigsten erwartet. Morgen, Mittag, Abend, der Alltag in Struktur, an der man sich festhalten möchte, um nicht den Boden zu verlieren. So aufgeteilt kann doch nichts schiefgehen, denkt man, aber dann wird es trotzdem Nacht und die bringt eine Dunkelheit, so zeitlos wie hundert Stunden Stille. Ein neuer Tag wird gewiss bereits erwartet, aber es zieht sich alles endlos hin, Tag um Nacht und Nacht um Tag, und nur die Kinder wachsen, der Rest bleibt, wie er ist.

Martin Suter beschreibt in seinem Roman „Die Zeit, die Zeit“ einen Zeit-Nihilisten, der Zeit als Konstrukt ablehnt und lieber an die Veränderung glaubt. Und tatsächlich ist Veränderung der Zeit so immanent, dass man leicht dem Glauben verfallen könnte, Zeit sei nur das Ticken der Uhren, der Wechsel vom Tag zur Nacht, ein Alterungsprozess der Zellen bis zum geplanten Tod. Ich koche einen Tee und er kocht mich. Ich koche einen Tee, aber das lohnt sich gar nicht. Denn ich werde ihn erst trinken, wenn er kalt ist, weil ich über den Tee die Zeit vergesse und über die Zeit den Tee, und dann muss ich den Tee kalt trinken. Dann kocht nichts mehr.

Wer bist du?, frage ich mich und denke nach. Wer bin ich, wenn ich wegnehme, was andere Menschen in mir sehen. Etiketten, die mir anhängen, die mich beschreiben, charakterisieren, kategorisieren sollen. Eine Projektionsfläche zur Identifikation einer Gruppenzugehörigkeit, Gleiches zu Gleichem in die gleiche Schublade. Ich verstehe das gut, es ist der überaus menschliche Wunsch nach Ordnung in einer chaotischen Welt, der diese Zuordnung vornimmt. Mathematiker wissen aber, dass das Universum in Wahrheit gar nicht chaotisch ist, sondern dass jedem vermeintlichen Chaos eine perfekte Ordnung zugrunde liegt, so vollkommen logisch und aufgeräumt, dass es in den schönsten Fraktalen malt.

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Wertereset

Über die Tage habe ich immer wieder am Laptop gesessen und getippt. Ich wollte einen bedeutsamen Blogeintrag schreiben, jetzt sind etwa sechs Entwürfe in den virtuellen Papierkorb geflogen. Denn irgendwie komme ich in keinem so richtig zum Punkt. Und bedeutsam ist das alles ohnehin nur für mich.

Kriegst du eigentlich Geld dafür, fragt der Chaosprinz, oder machst du das einfach so?
Ich versuche zu erklären: Für mich ist es ein Hobby, sage ich, es gibt aber auch Menschen, die damit ihr Geld verdienen. Die schreiben dann für Zeitungen oder Magazine oder auch Bücher.
Und wie viel verdient man so damit?, fragt er weiter.
Das wird meist pro Wort bezahlt, sage ich, aber viel ist es nicht.
Und wenn alle Wörter richtig geschrieben sind?, fragt er.

Man muss in einem Blog auch nicht unbedingt zum Punkt kommen. Meiner ist da eher ein Sammelbecken für Gedanken und Gefühle, ein Tagebuch des Alltags, ein unvollendetes Manifest meines Daseins. Dabei erklärt es mir oft etwas, was ich schon längst über mich wusste, aber noch nie in Worte gefasst hatte. Das macht es vielleicht aus, sich immer wieder aufs Neue vor die leere Blogmaske zu setzen und von den eigenen Gedanken überraschen zu lassen. Eine Nachlese alter Blogeinträge mache ich aus Zeitgründen viel zu selten. Ich wäre sicher noch überraschter, was ich vor einigen Jahren noch so alles gedacht habe.

Beim Lesen in Nachbarblogs stolpere ich über die Manifeste anderer Leben, manchmal ganz nah dran, manchmal lieber in angemessenem Abstand. Viele Anregungen, die mich fragen, wie ich das sehe. Meine Meinung drängt sich mir geradezu auf, dagegen kann ich nichts machen, ich bilde mir meistens ganz automatisch eine Meinung, selbst zu Angelegenheiten, zu denen ich eigentlich nichts zu sagen hätten. Dabei sind es selten die ganz großen Themen, sondern mehr die kleinen Gedanken dazu, solche, die ich selbst gern in Nebensätzen verstecke. Andere schreiben sie in Hauptsätzen und manchmal finde ich das in seiner unmaskierten Ehrlichkeit fast schon obszön. Oft bin ich voller Bewunderung, fast schon neidisch, denn laute Hauptsätze kann ich nicht.

Eine starke Geschichte braucht eine starke Sprache, denke ich dann manchmal. Klare Worte in Hauptsätzen ohne Nebensatz. Keine Ablenkung vom Wesentlichen, keine Andeutungen, denn die sind viel zu schwer zu verstehen. Nur so, denke ich, kommt die Botschaft klar an, auch wenn sie schon hundertmal gehört wurde, ein hunderterstes Mal erreichst du nur, wenn du den Empfänger förmlich anschreist. Starke Hauptsätze benennen die großen Gefühle, plakative Metaphern fügen sich zur wortgewaltigen Collage, und dann erscheint eine bekannte Geschichte in neuem Licht. Und erfährt Wahrnehmung. Soweit die Theorie.

Gibt es denn eigentlich irgend etwas, was noch nicht gedacht wurde? fragt der Chaosprinz heute am Frühstückstisch. Es gibt uns jetzt über 5000 Jahre und alles, was ich mir ausdenke, das wurde schon mal gedacht. Frustriert bleibt er unter diesem Gedanken hocken. Der Chaosprinz ist ein Künstler in großen Gedanken. Unablässig durchkämmt seine Inspiration das weite Feld der Ausdrucksmöglichkeiten. Er bringt seine Sicht auf die Welt mit einer Leichtigkeit ins Leben, die mich manchmal denken lässt, ich müsse das doch irgendwie fördern. Dabei ist für ihn und seine Generation alles noch so neu. Wie ein Schwamm nimmt er die Welt auf, verwertet das Erleben und spuckt es dann in hohem Bogen freudig in die Luft. Der Chaosprinz hört sich in Filmen und Büchern mit Begeisterung Geschichten über die großen Themen unseres Daseins an und erzählt mir dann, was er darüber erfahren hat, während ich die Mythen des Lebens meist gähnend mit dem Finger fortwische. In ungezählten Variationen zu oft gehört. Irgendwann mit zunehmendem Alter kann mich da einfach nichts mehr überraschen.

Braucht eine starke Geschichte wirklich laute Hauptsätze? Muss alles, was zur Kunst wird, auch verstanden werden? Irgendwo las ich kürzlich, dass Kunst heute versucht, die Perzeption ihres Betrachters zu antizipieren und sich bei diesem Versuch an der Mainstreammasse orientiert. Will man seine Kunst verkaufen, setzt man lieber auf Sicherheit, und damit stellt sich nicht mehr die Frage, wie das Kunstwerk als solches angenommen und nach welchen Kriterien es betrachtet werden sollte, sondern vielmehr, nach welchen es betrachtet werden könnte. Damit büßt die Kunst als solche einen Großteil ihrer Fähigkeiten ein – zugunsten des vermeintlichen Tugendterrors einer politisch korrekten Gesellschaft. Das ist furchtbar traurig und erschreckend zugleich, verhält es sich mit der Kunst also heute wie im Medianwählertheorem, um einer möglichen öffentlichen Ächtung zu entgehen.

Um es auf den Punkt zu bringen, obwohl ich nach wie vor finde, ich müsse hier gar nichts auf den Punkt bringen: Für Kunst braucht es manchmal eine Menge Mut und Großes entsteht dabei ganz zufällig. Oft aus Nebensätzen, einem Versuch, den man wieder ausradiert, weil er dem eigenen Anspruch nicht genügt. Der Chaosprinz macht sich keine Gedanken darüber, wie seine Kunst erfahren wird. Er schafft sein Werk ganz unabhängig von einem Blick auf den Betrachter aus den Augen eines Kindes, das sich völlig frei von gesellschaftlichen Konventionen oder Verkaufsmöglichkeiten über das Leben wundert, in dem es gelandet ist. Daraus entsteht ein Kunstwerk, das einen Blick aus seinen Augen erlaubt, auf eine Welt, von der man geglaubt hatte, sie könne einen mit gar nichts mehr überraschen.

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Stressige Zeiten

Manchmal frage ich mich am Ende einer Woche, wie wir das eigentlich alles hinbekommen. Den Wahnsinn, der aus der Schule kommt, den Wahnsinn, der aus dem Alltag kommt, den Wahnsinn, den wir dann auch noch zu Hause haben. Im Augenblick drückt sich das alles gleichzeitig in unser Leben. Und so verbringe ich meinen Morgen wieder einmal im Homeoffice. In meiner Funktion als Assistentin meines Schulkindes beantworte ich E-mails, lege Termine um und suche Selbstlernwebsites auf. Ich ordne den Papierkram von den gestrigen Hausaufgaben, fülle Evaluationsbögen der Grundschule aus, arbeite die Materialliste fürs neue Schuljahr ab und plane die Stoffwiederholung für die morgige Klassenarbeit.

Irgendwann muss ich das Papier aus der Hand legen und zu meinem Zweitjob hetzen. Als Mutter mache ich jetzt die Betten, koche das Mittagessen, räume die Flächen frei und die leeren Pizzakartons aus dem Zimmer. Wenn der Chaosprinz aus der Schule kommt, essen wir zu Mittag, dann beginnt mein Aushilfsjob als Lehrerin. Wir sichten zusammen alle neuen Unterlagen, machen eine Umfrage zum Thema „Rauchen“ mit dem Nachbarn, versuchen, die Elemente eines förmlichen Briefes herauszuarbeiten und üben schließlich noch das Kopfrechnen. Am Nachmittag packen wir seine Tasche für den Campingausflug am Wochenende.

Manchmal frage ich mich, wie das alles in ein Leben passt. Dann versuche ich inne zu halten und bewusst zu atmen. Einatmen: acht Klassenarbeiten in einem Monat, Ausatmen: was auch immer er schreibt, der Schulplatz ist schon zugeteilt. Einatmen: Am Wochenende will die Klasse campen gehen und der Chaosprinz will unbedingt mit, Ausatmen: S. kann uns eine Isomatte leihen. Einatmen: was für ein völliger Irrsinn um mich herum, Ausatmen: das kriege ich alles schon irgendwie hin.

Ich bin eine Hausfrau. Manchmal langweilt mich dieser Zustand heftig und mir fehlt jede intellektuelle Herausforderung. Dann will ich einen ordentlichen Beruf, in dem ich für ein paar Stunden das Schachtelhaus gedanklich verlassen und mich irgendwelchen, völlig unwichtigen Wirtschaftsanalysen widmen kann. Blöde Daten auswerten, die keinen Hund interessieren, damit ich sie hernach in sauber beschriftete Ordner heften kann, in die niemand mehr reinguckt. Das klingt irgendwie befriedigend.
Ich bin aber nur Hausfrau. Ich sorge dafür, dass der Chaosprinz kein weiterer Stein in der eintönigen Mauer des modernen Pyramidenbaus wird. Dass die finite Fremdbetreuung seine Kreativität nicht völlig erstickt und die gesellschaftliche Zwangsnorm ihm nicht mehr Schaden zufügt als unvermeidbar ist. Das ist mein Job. Als Personal Trainer eines Chaosprinzen bemühe ich mich darum, nicht die gleichen Fehler zu machen wie meine Mutter. Ich mache dafür andere, das lässt sich nicht ändern.

Die Freude auf die Sommerferien steigt derzeit mit jedem Tag. Nicht, weil wir irgend etwas besonderes vorhätten. Auch dieses Jahr ist an Urlaub gar nicht zu denken. Aber wir haben uns fest vorgenommen, uns nichts weiter vorzunehmen. Wir erteilen den Alltagspflichten einfach eine Absage, denn das haben wir uns wirklich verdient. Wir hätten uns noch so viel mehr verdient, aber das Leben ist nun mal nicht gerecht. Und auch das lässt sich leider nicht ändern.

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Tagesthemen

Pädagogischer Ganztag nennen die Lehrerinnen und Lehrer den unterrichtsfreien Tag heute, an dem die immergleichen Fragen diskutiert werden sollen. Auf der Agenda steht wie in den letzten vier Jahren das Thema „digitale Schule“ – weit scheinen sie damit nicht gekommen zu sein. Vermutlich treffen sich die Pädagogen vormittags in der Schule und genießen einen Schüler freien Tag bei Kaffee und Brunch.
Für den Chaosprinzen sind solche Tage nicht unterrichtsfrei, er muss Hausaufgaben machen, nur ohne vorangegangenen Unterricht. Das ist in einer Schule, die auf Selbstlernhefte und Arbeitsblätter statt auf ordnungsgemäßen Unterricht setzt, ohnehin die Regel. Morgen schreibt er dann über das, was er heute lernen sollte, eine Lernerfolgskontrolle. Er pfeift drauf und geht lieber schwimmen. Ich habe keine validen Gegenargumente und packe das Mittagessen in seinen Rucksack.

Ganz traditionell beginnt heute auch unsere persönliche Eurovisionswoche. In dieser Woche finden am Dienstag und am Donnerstag die beiden Halbfinale des Songcontests statt, am Samstagabend dann das Finale. Ich bin ein Fan, seit ich denken kann. Nicht nur des ESC, sondern der Idee, die hinter dem Konzept steht. Geografisch zufällig zusammengekommen bilden wir einen Kontinent, der aus vielen einzelnen, wunderbaren Nationen besteht. Der Gedanke hinter den römischen Verträgen war, Grenzen zu überwinden und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu schaffen, in dem die nationalen Eigenheiten respektiert werden. Auch wenn sich diese Utopie zerschlagen hat, Europa vom Brüsseler Wasserkopf reichlich desillusioniert wurde und trotz aller Bemühungen wieder einmal Krieg in Europa herrscht, auch dieses Jahr kommen die Länder Europas zusammen, um in einem Liederwettbewerb den einen europäischen Song zu wählen. Jenseits aller nationalen oder anderer Vorurteile geht es hier um ganz unterschiedliche Unterhaltung aus vierzig Nationen. Und wir sind mit großem Eifer dabei, hören uns die Favoriten an, bilden uns selbst eine Meinung und drücken unseren eigenen Favoriten fest beide Daumen und Zehen.

Es sind heute auch genau 21 Jahre, seit mein Vater starb. Es war ein warmer Frühlingstag und ich hatte Erdbeeren für ihn mitgebracht. Eigentlich wollte ich nur kurz reinschauen wie jeden Tag und dann weiter zur Vorlesung fahren, aber dann nahmen die Dinge ihren dynamischen Lauf und ich blieb. Die letzten Stunden meines Vaters hatten sie ihn mit Morphium komplett weggeschaltet. Hilflos saß ich am Bettrand des großen, starken Mannes, den ich meine ganze Jugend durch nur sporadisch getroffen hatte, und der mir deshalb fremd geworden war. Seine neue Familie war nach Hause gefahren, um sich frisch zu machen und Wäsche für die Nacht zu holen, als die Atmung meines Vaters aussetzte. Zwei Ärzte und zwei Schwestern standen in gebührendem Abstand in der Tür des Zimmers, während mein Vater sich aufbäumte, die Augen aufriss und angestrengt in die Ferne starrte. Als er wieder in die Kissen zurücksank, war er tot. Draußen fuhr ein Bus vorbei. Ich drehte mich fragend zu den Ärzten um, sie nickten. Der Tod ist eben manchmal der beste Kollege des Arztes.
Ich ließ die Erdbeeren an der Garderobe des Krankenhauszimmers hängen und floh, bevor die neue Familie wieder zurück war. Seitdem habe ich nie wieder Erdbeeren gekauft.

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Kreative Kinder

Der Samstagmorgen hat seine ganz eigene Qualität. Aus der Woche heraus, aus fünf Tagen frühem Aufstehen, Morgenhetze, Hausaufgabenstress und Arbeitsvorbereitungen stolpere ich in einen freien Tag, als hätte ich ihn nicht erwartet. Heute wäre ein Ausschlafen zwar möglich, aber spätestens um halb Acht wirft der Biorhythmus uns kollektiv den Motor an. Gewohntermaßen ist der Dischingis Khan des Nordens schon am Freitag Nachmittag im Schachtelhaus angekommen und hat sich im Kinderzimmer beim Chaosprinzen eingerichtet. Die beiden Jungs haben an Wochenenden viel vor und wir Erwachsenen würden mit unseren eigenen Plänen nur stören. Wir beschränken uns an Wochenenden also darauf, sie nicht völlig verdrecken oder verhungern zu lassen, und ziehen die Notbremse, wenn mal wieder zu viel Bildschirmzeit und zu wenig Frischluft drohen. Irgendwo dazwischen werden die Hausaufgaben gefertigt, denn diese Pflicht muss auch am Wochenende sein.

Heute Morgen geselle ich mich bei einer Tasse Billigkaffee zur Suppenfreundin ins Separee. Dort bleiben wir, bis ihr Magen die Jungs daran erinnert, dass sie etwas zu essen brauchen. Im Separee wälzen wir die Woche, bis sie so flach wird wie ein Pizzateig. All die unausgesprochenen Dinge, zu denen man im Alltag nicht kommt, finden Samstag morgens ihren Platz. Das kann manchmal richtig umfangreich sein, denn meistens wechseln wir schnell von der Woche aufs Stöckchen.

Gestern hat der Chaosprinz eine Installation für seine momentane Lieblingskünstlerin gebastelt. Durch Zufall stellte sich heraus, dass meine Schwester sie persönlich kennt, und ich bat sie, ein Foto des Werks an sie weiterzuleiten. Sie zeigte sich begeistert und kurze Zeit später fand das Foto sich auf ihrer Website wieder. Der Chaosprinz freute sich grenzenlos darüber und mit ihm natürlich auch wir.
Es dauerte nicht lange, da hatten auch andere Verwandte das Bild gesehen und gratulierten dem Chaosprinzen zu seinem Erfolg. Viele Telefonate also gestern, die dem Chaosprinzen galten, die dann aber früher oder später doch von mir geführt wurden. Man gratulierte mir zum kreativen Kind, während dieses im Garten ausprobierte, ob es wohl zweckmäßig sei, verblühte Löwenzahnblüten in den Mund zu stecken, bevor man pustet, und dabei selbstredend einen heftigen Hustenanfall bekam.

Ein kreatives Kind kann furchtbar anstrengend sein. Getrieben von einer Mischung aus natürlicher Neugierde und dem konsequenten Leugnen universeller Gesetzmäßigkeiten probiert es sich bis an die Grenzen aus, sucht nach Antworten auf Fragen, die so fantastisch sind, dass man sie überhaupt nicht erst stellen würde, und setzt die außergewöhnlichsten Gedanken mit der unerschöpflichen Energie, die nur Kindern zur Verfügung steht, ohne eingehende Planung in die widersinnigste Tat um. Ein kreatives Kind ist die größte Herausforderung für seine Eltern.

Vor etlichen Jahren, als im Siebengebirge ausnahmsweise einmal Schnee gefallen und liegengeblieben war und ich noch zum Spazierengehen hinausging, lief ich einmal auf einem Feld hinter dem Haus dem kleinen Chaosprinzen nach und versuchte, ihn davon abzuhalten, sich Händeweise Schnee in den Mund zu stecken. Eine ältere Dame, die mit ihrem Jack Russel an der Leine spazieren ging, berührte mich sanft am Arm, so dass ich erstaunt herumfuhr. Sagen Sie, fragte sie mich, wissen Sie eigentlich, wie frisch gefallener Schnee schmeckt? Ich suchte kurz in meinen Erinnerungen und nickte dann mit unverhohlenem Unverständnis im Blick. Und jetzt, sagte die Dame, überlegen Sie mal, woher Sie das wissen.

Es ist wunderbar, ein kreatives Kind zu haben. Die meisten Kinder haben ihre Kreativität zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits im Kindergarten zugunsten von erwünschtem, weil leicht zu lenkendem Verhalten eingebüßt. Was man alles tut und vor allem, was man auf gar keinen Fall tun darf, weil es ein endloses Chaos verursachen könnte, das für Erwachsene dann wieder in endloser Arbeit mündet, wird von Kindern früh erlernt. Als der Chaosprinz zu essen begann, haben wir auf das Füttern vollständig verzichtet. Nach den ersten Versuchen, bei denen die Küche einer unvorstellbaren Essensschlacht zum Opfer gefallen war und wir den Brei aus allen Ritzen und Ecken kratzen mussten, setzten wir den Chaosprinzen fortan zum Essen nackt bis auf die Windel in ein aufgeblasenes Planschbecken, das wir hinterher im Garten einfach mit dem Schlauch abspritzen konnten. Später im Kindergarten erhielt er dann von der Kindergärtnerin den ersten Preis für die besten Tischmanieren.

Seltsam, wie wenig wir von den Reglementierungen, die wir unseren Kindern bedenkenlos auferlegen, für uns selbst akzeptieren würden. Unseren Kindern muten wir zu, vielmehr erwarten wir sogar freimütig von ihnen, sich an die von uns aufgestellten Regeln zu halten, die manchmal nicht einmal wir, geschweige denn sie überhaupt kognitiv erklären können. Soziale Akzeptanz ist keine Rechtfertigung für geistlose Regeln. Diese Haltung macht mich jetzt bei weitem nicht so entschieden zu einem Gegner des Behaviorismus, wie es eventuell klingen mag. Vielmehr bin ich sehr wohl zu überzeugen von operanter Konditionierung, wenn die Mittel zum Zweck in ihrer Wahl frei bleiben dürfen.

Der Dame mit dem Jack Russel im Schnee bin ich meinen Dank bis heute schuldig geblieben, denn ich habe sie nie wieder gesehen. Damals habe ich viel von dem losgelassen, von dem ich glaubte, es unbedingt durchsetzen zu müssen, und der Chaosprinz erhielt seinen hier verwendeten Spitznamen.
Denn er ist tatsächlich der Prinz seiner eigenen chaotischen, kosmischen Ordnung. Er sucht sich seinen Weg durch den Schneesturm seiner Zukunft. Sein kreatives Denken ist dabei das göttliche Geschenk, das uns zum Zeitpunkt unserer Geburt allen gemacht wird, und das es von uns Erwachsenen für unsere Kinder zu verteidigen gilt, jenseits gesetzter Konventionen einer Gesellschaft, die im ewigen Wandel der Zeiten ohnehin nicht mit Bestimmtheit sagen kann, wohin sie sich bewegt.

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Exzentrischer Egozentrismus

Schreib doch nicht immer nur über dich selbst, findet die Suppenfreundin beim Frühstück heute morgen. Immer schreibst du nur über dein Leben und den Chaosprinzen, das wirkt irgendwie reichlich egozentrisch.
Ich schreibe aber doch auch über dich, antworte ich, reicht dir das vielleicht nicht? Möchtest du mehr Erwähnung im Blog?
So meine ich das nicht, sagt die Suppenfreundin düpiert, ich finde nur, du hättest so viel, über das du schreiben könntest, aber du schreibst immer nur über dich selbst.

Egozentrismus, so belehrt mich das Lexikon, ist eine kindlich-kognitive Geisteshaltung, die davon ausgeht, dass der subjektiven Sicht ein objektiver Status zukommt. Abgesehen davon, dass Definitionen die Dinge immer so schön präzise auf den Punkt zu bringen verstehen, klingt mir diese Sicht auf die Welt und auf sich selbst in ihr zunächst einmal sehr gesund. Ein Mensch kann nur aus seiner Mitte berichten, wenn es authentisch werden soll. In den Schuhen eines anderen kann man nicht laufen, durch dessen Augen nicht sehen. Nicht umsonst steht in jedem, jemals publizierten Schreibratgeber, man soll über das schreiben, was man kennt.

Eigentlich schreiben doch alle immer nur über sich selbst. Auch wenn es nicht so wirkt, weil sie sich bis zur Unkenntlichkeit maskieren. Es ist nicht verwerflich, in seinem Leben die Hauptrolle spielen zu wollen, im Gegenteil, wir bewundern Menschen, die die Fähigkeit besitzen, in allem, was sie tun, ganz bei sich selbst zu bleiben. Und ja, man fühlt sich dabei manchmal egozentrisch und wurde einem nicht lange Jahre erzählt, das sei etwas schlechtes?
Ich konnte sehr lange nicht über mich selbst schreiben. Ich konnte nicht einmal über mich selbst sprechen. Im Schreiben versuchte auch ich, mich bis zur Unkenntlichkeit zu maskieren, und scheiterte immer wieder daran, dass ich die Erzähler meiner eigenen Texte dann nicht mehr erkannte. Wenn ich heute über mich selbst schreibe, packe ich meine wichtigsten Gedanken, also die, auf die es mir besonders ankommt, häufig in Nebensätze. Ich habe dafür keine gute Erklärung anzubieten, vielleicht ist das ein Kompromiss mit mir selbst.

Vor einigen Jahren stolperte ich beim Durchkämmen des Internets über einen Blogbetreiber, der täglich ein Foto seiner Fäkalien hochlud. Also buchstäblich einen Haufen Kacke, der sich in der Kloschüssel kringelt. Jeden Tag einen neuen Haufen Scheiße. Ich weiß nicht, ob es den Blog noch gibt, ich hab nicht gegoogelt, aber ich erinnere mich, dass es damals in der Internetgemeinde gefeiert wurde. Die Fotos waren sich alle ähnlich, manchmal kringelte die Scheiße nach rechts, manchmal nach links, manchmal hinterließ sie eine leichte Schleifspur, manchmal plumpste sie auch nur spurlos ins Wasser.
Wie viel Selbstbewusstsein braucht man, um sowas zu machen? Und ist das dann noch Kunst für die Kunst oder soll es vielmehr eine Kritik an der postmodernen Kunst sein?
In jedem Fall kann es wohl weg, sobald das Foto hochgeladen ist.

Schreibe über das, was du kennst.
Wenn du dabei täglich einen Haufen Scheiße produzierst, das macht nichts, es liegt in der Natur des Menschen, jeden Tag einen Haufen Scheiße zu produzieren. Offenbar und glücklicherweise ist das Internet mit seinem unbegrenzten digitalen Speicher genau der richtige Ort dafür.


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