Monatsarchiv: Januar 2015

Von mir ist nichts mehr zu erwarten.

Ich habe etwas sehr Schlimmes getan. Ich habe ein Gespräch belauscht. Ja, ich weiß schon, das tut man nicht, aber die Leitung war offen geblieben, und es ging um mich. Ich hab einfach nicht widerstehen können.

Es unterhielten sich meine beiden Cousinen. Sie sind eigentlich nicht meine beiden Cousinen, denn ich bin adoptiert, und irgendwie erscheint mir die familiäre Zuordnung deshalb falsch. Nur, in Ermangelung einer echten, fühlt sich diese seltsam für mich an.

Meine beiden Cousinen sind deutlich älter als ich.  Das sind schon so um die fünfzehn Jahre. Meine beiden Cousinen sind gestandene Frauen. Verheiratet, die statistischen zwei Kinder, ein Ehemann mit guter Karriere und großem Auto.

Für meine beiden Cousinen bin ich ein schwarzes Buch mit etlichen Siegeln, geschrieben in einer geheimen Sprache mit unsichtbarer Tinte. Und nichts, was ich versuche zu erklären, und ich muss immer alles erklären, kann ihnen meinen Lebensentwurf irgendwie normaler erscheinen lassen.

Seit ich krank geworden bin sind sich meine beiden Cousinen einig: von mir ist ohnehin nichts mehr zu erwarten. Sie versuchen auch nicht mehr, irgend einer Erklärung zu meinem merkwürdigen Leben zu folgen. Sie haben sich ihr Bild von mir gemacht und lassen es so.

Ich kann sie verstehen, meine beiden Cousinen. Mein Lebenslauf ist ein Lückentext, ein unvollständiger Satz mit drei Fragezeichen, eine mysteriöse Metapher des Schicksals. Und je mehr ich versuche, normal zu wirken, desto unnormaler erscheine ich. Meine Nachbarn wissen das und leben damit.

Ich hab mir das so nicht ausgesucht.  Hätte ich eine Wahl gehabt, ich wäre auch lieber normal geworden.  Es lebt sich einfach leichter,  wenn man nicht immer jeden Lebensumstand umständlich erklären muss. Aber ich hatte das nicht in der Hand.

Dabei ist es in Wahrheit gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Es braucht lediglich etwas guten Willen und ein wenig Interesse, um zu verstehen, wie ich dahin gekommen bin, wo ich jetzt stehe.

Sicherlich, ich stehe nicht gerne hier. Aber solange ich meine Bröckchensuppe auch selbst auslöffle? Und das tue ich. Jeden Tag. Leidenschaftlich.

Meine beiden Cousinen können mich nicht einfach löffeln lassen, sie müssen mein Leben episch durchkommentieren. Meine beiden Cousinen nutzen ihre gemeinsame Redezeit, um mein Leben zu beurteilen. Sie zeigen mit spitzem Finger auf Fehler und Schwächen in einem System, das sie gar nicht kennen. Denn es ist mein System,  und das hat noch nie nach irgendwelchen gesellschaftlich akzeptierten Regeln funktioniert. Mein System macht, was es will. Auch mit mir.

Meine beiden Cousinen einigen sich darauf, dass sie mir nicht helfen können. Sie beschließen, dass sich das auch nicht lohne, denn von mir sei ohnehin nichts mehr zu erwarten.

Ich hätte nicht mithören dürfen, ich weiß. Das ist nicht nur moralisch verwerflich sondern auch dumm. Denn so erfährt man, was man lieber nicht erfahren hätte.

Aber irgendwie war wohl von mir auch nichts anderes zu erwarten.

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Und nun schneit es doch.

Lautlos schwebt der Schnee und verwandelt die Ansicht in ein Winterwunderland.

Ich brauche die Kälte im Winter ebenso wie im Sommer die Wärme. Der saubere Schnee deckt alles zu, das triste Braun der Äcker und das hässliche Grau der Straßen, die toten Zweige der Bäume. Er wirkt dämmend gegen die Welt. Wenn es richtig kalt wird und so dicht, dass nichts mehr hereinkommt und nichts heraus, wenn Autos nicht fahren können und Menschen nicht laufen, dann falle ich in meinen Winterschlaf.

Ich träume wilde Bilder von wilden Leben, die nicht meine sind, es aber bequem hätten sein können. Eine Entscheidung anders getroffen, einmal abgebogen, statt geradeaus  gefahren, ein sanfter Flügelschlag des Schicksals nur.

Ich weiß nichts über parallele Welten. Aber ich habe mir sagen lassen, dass auch Physiker nichts darüber wissen. Dass es drei mögliche Erklärungen gibt und eine Vierte, wenn man die drei miteinander kombiniert. Nichts davon lässt sich bisher beweisen, es bleibt pures Gedankenspiel mit den mathematischen Möglichkeiten.

Wie mein Winterschlaf. Der ist auch nicht zu beweisen. Während ich einkaufe, koche, den Chaosprinzen mit einem ferngesteuerten Rennwagen amüsiere, während des Abendessens und beim Singen des Nachtliedes träume ich von meinen parallelen Existenzen. Ich beobachte sie dabei, wie sie Freunde treffen, die ich aus meinen Träumen kenne. Ich schaue dabei zu, wie sie alles richtig machen oder alles falsch. Und manchmal sehe ich sie, wie sie mich beobachten, durch die verschneiten Fenster ihres eigenen Winterschlafs.

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Pünktlich

bin ich über das Neue Jahr gestolpert und in WordPress gelandet.

Der Erste lässt sich freundlich an, in der Sonne ist es fast September. Nur die brüchige Eisschicht, die auf dem Teich im Licht glitzert, verrät, dass ich noch im tiefsten Winterschlaf stecke.

Heute Nacht träumte ich von einem stillen Jahresanfang, von Nordlicht über dem Horizont und bunt angemalten Gänsen auf dickem Schnee.

Vielleicht ist sie ein gutes Zeichen, die Stille des ersten Jahrestages, die Wärme einer trügerischen Wintersonne, der Seelenfrieden auf dem geborgten Balkon.

Denn das Jahr wird anstrengend. Lauter gute Vorsätze, die zumindest versucht sein wollen, bevor man sie in hohem Bogen aus dem Leben tritt.

Morgen werde ich einen Plan fassen. Gleich morgen werde ich eine Liste schreiben. Morgen beginne ich… morgen… gleich morgen…

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