Nullpunkt

Wenn morgens alles hektisch das Haus verlässt, wenn ich dann allein in der Stille des Dorfes zurückbleiben und die Reste des Frühstücks vom Boden gekratzt habe, das Haus in Leere gähnt, wie ein freier Platz, der gefüllt werden will und doch immer leer bleibt, wenn also alles erst einmal zur Ruhe kommt und die letzten Staubkörner sich gelegt haben, dann bleibt offene Zeit.

Völlig unbemerkt ist aus dem Sommer ein eisiger Winter geworden. Heute früh kratzten wir die Autoscheiben frei. Der Chaosprinz, warm eingepackt in Mamas Strick, bestand darauf, das Eis vom Kratzer zu lecken. Und man ließ ihn, dachte an den Straßendreck und die Reste toter Insekten und erinnerte sich daran, dass man es als Kind genauso gemacht hatte.

Eigentlich ist alles in Ordnung. Die meisten Dinge sind auf den Weg gebracht, manche Termine stehen noch aus, ich kratze meine Zuversicht zusammen für den Winter, der da kommt, und hoffe auf einen besinnlichen Jahresausklang.

Nur um dich sorge ich mich. Es sind die kurzen Nebensätze, die uns verraten, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Es ist die Schlaflosigkeit, die Unsicherheit in deinen Bewegungen, der Ausdruck in deinen Augen, wenn du kurz innehältst, um für den Bruchteil eines langen Tages tief durchzuatmen.

Das entgeht mir nicht. Ich weiß es nicht zu deuten, denn du schweigst, aber es entgeht mir nicht. Ich kann dir nicht hinter die Stirn schauen, ich werte die Vorzeichen aus, und vielleicht ist es, weil auch ich dich jetzt besser kenne, dass ich eine nicht vermutete Tiefe erkenne, hinter dem Vorhang der Schattenwelt. Ich nenne diesen Zustand „glaubhaft glücklich“ – und er trägt mich durch den Tag.

Wenn Platitüden behaupten, wir würden doch alle unser Päckchen zu tragen haben, dann ist da schon etwas Wahres dran. Es ist auch nicht das Gewicht, das darüber entscheidet, ob wir es tragen können oder unter der Last zusammenbrechen, sondern die Art, wie wir unser Päckchen schultern.

Das ist eine Frage des Vertrauens, und warst nicht du es, die mir sagte, dass es am schwierigsten sei, sich selbst zu vertrauen?

Es gibt Sätze, die hört man zum allerersten Mal. Dieser gehörte für mich dazu. Er offenbart eine ungeheure Ehrlichkeit mit sich selbst, das Bewusstsein, in einer Welt zu leben, die voller Ablenkung ist, und das Wissen darum, wie leicht man vom Weg abkommen und sich verirren kann. Ein bedeutsamer Satz, so klug und weise wie du, und so wichtig für mein eigenes Leben.  Manchmal denke ich, die Tiefe einer Freundschaft lässt sich daran messen, wie viele Sätze fallen, die man vorher noch nie gehört hat.

Du fragtest mich, was es war, das mich Kontakt zu dir aufnehmen ließ, und ich bin immer besser im Denken, wenn ich schreibe. Es war die Auswertung der Zeichen, die unbedeutenden, verräterischen Nebensätze und die Unsicherheit in deiner Bewegung, die mir zeigten, wie viel wir eigentlich gemeinsam haben. Deine Bereitschaft, diese Gemeinsamkeiten mit mir zu teilen. Und die Tiefe in deinen Augen, wenn du für einen Augenblick nur innehältst, um deinem Leben eine kurze Ruhepause zu gönnen.

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