Monatsarchiv: Januar 2021

Neues Glück

Pünktlich zum neuen Jahr empfängt mich der alte Wahnsinn.

Was habe ich mir auch gedacht, denke ich, dass mit dem Jahreswechsel aller Spuk aus dem Jahr, das nicht genannt werden darf, vorbei sein würde? Denke ich das nicht an jedem Silvesterabend? Aber kaum ein, zwei Tage später ist der Reiz des neuen Jahres schon verflogen und der Alltag präsentiert sich im gewohnt geblümten Putzkittel.

Ich habe die ersten Tage des Jahres damit zugebracht, meinen frisch erworbenen Laptop dazu zu überreden, die neue Schulsoftware für den Chaosprinzen herunterzuladen. Überraschenderweise hat die Maschine meinem Flehen heute nachgegeben: der Chaosprinz ist nun offizielles Mitglied seiner digitalen Lerngruppe. Natürlich weiß ich nicht, wie viele Verträge ich jetzt abgeschlossen habe, denn das seitenweise Kleingedruckte liest doch kein Mensch, nur damit das Kind die Grundrechenarten lernt.

Sobald ich ihn einschalte, spricht mein neues Laptop zu mir. Ständig will es irgend etwas haben. Ein neues Update hochladen, weil es sich bereits in der ersten Woche nach dem Kauf schon hoffnungslos veraltet fühlt. Es verlangt Zulassungen und Berechtigungen, um mit irgend einem anderen Gerät in der Nähe zu kommunizieren, ganz so, als sei ihm langweilig, Mal schauen, was die Waschmaschine so alles zu erzählen hat. Und permanent weist es mich darauf hin, wie wichtig ihm meine persönlichen Daten sind. Zu meiner Sicherheit. Die ihm auch wichtig ist. Natürlich.

Jedenfalls kann der Chaosprinz jetzt an seinem digitalen Unterricht teilnehmen.
Er möchte aber lieber nicht.

Doch obwohl wir jetzt voll digitalisiert in das Lernen auf Distanz starten könnten, müssen die Arbeitsunterlagen trotzdem noch Montags aus der Schule abgeholt und Donnerstags bearbeitet wieder hingebracht werden.

Voll analog.

Auch ohne das neue Laptop ist der Winter hart.

Jedes Jahr scheint er ein kleines bisschen härter zu werden. Jedes Jahr dunkler, kälter und matschiger. Jedes Jahr versprechen sie im Fernsehen weiße Weihnacht und irgendwo in der Republik schneit es dann auch, denn jedes Jahr posten hunderte von Facebookfreunden Schneepracht und selbstgebaute Schneemänner mit Steinen statt Augen und Karotten als Nasen. Nur bei uns bleibt es matschig kalt und wintergrau.

Der Chaosprinz mault. Er möchte gerne mal eine Schneeballschlacht machen mit mir, aber jedes Jahr ist mir viel zu kalt, um das Haus zu verlassen und mit ihm in die Schneepracht zu fahren.

Lesen, denke ich, das wäre jetzt fein, und kurz erscheint ein Bild aus der Erinnerung.

Immer wieder kaufe ich mir hoffnungsvoll Bücher, die ich gern lesen würde, und langsam wächst der Stapel auf dem Nachttisch. Irgendwann, denke ich, nehme ich mir die Zeit. Doch bis dahin frisst die Zeit sich auf.

Ich sollte mal wieder, denke ich, etwas mehr an mich selbst denken Das letzte Schaumbad war im Frühherbst, als die Tage begannen, kälter zu werden. Aber dann steht da noch der geschmückte Weihnachtsbaum.

Ich sollte, denke ich, meine Zeit besser einteilen, schließlich haben andere doch auch nur diese 24 Stunden am Tag und scheinen gut damit auszukommen. Nur bei mir scheinen sie nicht auszureichen, denn ständig konkurrieren die Aufgaben um meine Aufmerksamkeit. Was alles noch zu machen ist, was noch erledigt werden will, was schon länger wartet, bis –

Bis was?

Und während es draußen dämmert, dämmert mir, dass das vielleicht genau die Frage sein könnte, auf die ich eine Antwort suche.

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