Sonntag

Es ist der letzte Tag der Ferien und noch liegt die Stille über unserem Leben. Der Chaosprinz hat den Vormittag über mit Lego konstruiert und sich nun seinem Tablet hingegeben, die Suppenfreundin las über die politischen Unruhen in Kasachstan und ist jetzt mit dem Hund unterwegs, und ich schwebe durch den Raum und suche nach einem stillen Plätzchen für inneren Frieden.

Am Montag, so drängt mein Kopf, geht der Alltagswahnsinn wieder los. Das täglich frühe Aufstehen, die vollgepackten Vormittage und die Schularbeiten am Nachmittag. Den Abend nicht zu spät werden lassen, denn wenn der Chaosprinz nicht die für sein Alter erforderlichen Stunden Schlaf bekommt, wird er unleidlich. Vor dem Montag liegt das Packen der Schultasche, das Checken der Mails auf eventuelle aus der Schule und das obligatorische Bad für den Chaosprinzen. Zwei Wochen Dreck wollen abgekratzt werden, denn in den Ferien hat er anderes im Sinn als zu baden.
Und trotzdem möchte ich jetzt noch nicht an Montag denken.

Es ist der Zeit immanent, dass sie unbarmherzig vergeht. Gestern noch haben wir sehnsüchtig die Tage bis zu den Weihnachtsferien abgezählt, heute sind sie fast vergangen.
Es gibt ein kleines Büchlein von Alan Light. In „Und immer wieder die Zeit“ beschreibt er verschiedene Zeittheorien anhand von kleinen, berührenden Geschichten. Das Buch ist einer meiner Dauerbrenner, von Zeit zu Zeit nehme ich es mir zur Hand und lese darin. Es empfängt mich wie ein alter Freund, vertraut und trotzdem immer wieder neu. Als würde ich Bücher in unterschiedlichen Zeiteinheiten von dem Spiegel meines Lebens auch immer wieder anders lesen.
Die Zeit, so elementar und objektiv messbar und doch so unterschiedlich wahrgenommen, hat mich schon immer fasziniert.

Die Theorie des relativen Zeitempfindens funktioniert, je älter ich werde, für mich nur noch bedingt und wenn ich besonders aufmerksam bin. Manchmal, ganz selten, bleibt die Zeit für mich sogar ganz stehen. Irgendwann einmal nannte ich es Augenblicke für die Ewigkeit. Etwas, das man festhalten kann, ein heiliger Moment, in dem die Zeit tatsächlich still steht. Eine Berührung, die zeitlos bleibt, eine innige Umarmung, die nie vergeht. Etwas, das sich ins Herz gräbt und dort eine Spur hinterlässt, eine immerwährende Wahrheit, an die man sich noch im letzten Atemzug erinnern wird.
Und dann rast die Zeit wieder an mir vorbei wie die Eisenbahn – laut und aufdringlich. Und ich stehe vor der Schranke und warte, bis es vorbei ist. Ich nehme es hin, denn zu ändern ist es nicht. Es hat mich Jahre gekostet, das zu lernen.

Während des Pandemiewahnsinns habe ich es mir irgendwann zur Regel gemacht, dem Alltag nur dann Einlass zu gewähren, wenn ich es nicht verhindern kann. Ansonsten muss er nämlich draußen bleiben. All die Vorstellungen davon, wie ein Haushalt zu funktionieren hat, was getan oder besser unterlassen werden sollte, also all das, was man landläufig in Ratgeberkolumnen von Frauenzeitschriften findet, hat hier ohnehin keinen Platz. Wir sind ein Haushalt, der längst die Konventionen von „Schöner Wohnen“ aufgegeben hat. Es gelten unsere eigenen Regeln davon, was zwingend, was hinreichend und was lediglich fakultativ ist. Aber auch das hat Jahre gebraucht, bis ich es begriffen hatte.

Und doch, wo wäre ich ohne die Herausforderungen des Alltags. Das immer Gleiche, die vertrauten Handgriffe, der geregelte Ablauf. Ohne ihn wäre ich vermutlich nie von meinem Elfenbeinturm gestiegen, hätte mich im selbstgewählten Irrgarten der Einsamkeit verloren. Ich hätte mich, so gut es eben geht, dem Leben da draußen entzogen, zugunsten einer Kunstwelt hier drinnen und nur für mich allein. Hinter heruntergelassenen Rollläden gegen die Lautstärke des tobenden Lebens, das ich nur dann betrete, wenn es unumgänglich wird. Am liebsten gar nicht wissen, ob es Tag ist oder Nacht.
Es bleibt ein vorsichtiger Balanceakt zwischen dem kreativ Anspruchsvollen und dem alltäglich Banalen. Die Augenblicke für die Ewigkeit und das Rattern des Zugs. Zuviel von dem einen oder dem anderen und ich kippe vom Balken. Aber auch für diese Erkenntnis habe ich Jahre gebraucht.

„Und, Mama?“ fragt der Chaosprinz, während ich vor dem Laptop sitze, „schreibst du wieder was? Liest du uns das nachher wieder vor?“
„Sehr gerne“, sage ich und lächle.
„Und wir hören auch sehr gerne wieder zu“, sagt er und hüpft vergnügt in sein Zimmer.

Werbung

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s