Sein, trotzdem

Heute früh empfing mich eine Welle der Traurigkeit.
Ich weiß nicht, wo sie hergekommen ist, läuft im Grunde doch alles seinen gewohnten Gang.
Ich wachte allein im Bett auf, im Haus war es ganz still. Die Suppenfreundin war mit dem Hund unterwegs, der Kater auf Frühstücksfang und der Chaosprinz hatte Übernachtungsbesuch gehabt und schlief noch.

Sentimentalität ist echt ein Scheiß. Erst kommen die Gefühle, die einen überfallen, dann kommt die Erinnerung, die dazu passt. Fast aus dem Nichts, ein Bild, eine Melodie, ein Geräusch oder eben keines. Zeitlos, denn es tut auch nach Jahrzehnten noch genauso weh. Mit dem Alter wird das nicht besser. Ich erinnere mich an wasserblaue Augen aus dem faltigen Gesicht, geweinte Tränen, die ich nicht verstanden habe, und heute weine ich unvermittelt den Chaosprinzen an und er hasst es.

Ich habe mir nie die Zeit genommen, meine Gefühle genauer zu betrachten. In der Psychotherapie lernte ich, dass Gefühle wie kleine Kinder sind. Sie wollen Beachtung. Wenn man ihnen diese verweigert, werden sie so laut und aufdringlich, dass man sie gar nicht mehr unterdrücken kann. Dann ist es aber meist zu spät und sie überschwemmen jeden Gedanken. Missetat begangen. Und nun sieh mich an!

Heute Morgen ist es die Traurigkeit. Oft ist es die Traurigkeit. Sie schreit laut ihren Schmerz heraus. Über vergangene Verletzungen, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und verpasste Gelegenheiten. Sie legt ihre Dunkelheit über mich wie eine Decke und trübt das Tageslicht. Ich spüre die Traurigkeit, schaue aber nicht hin. Ist es meine?

Gefühle kann man erben, das wusste ich zwar noch nicht, aber seitdem ich es weiß, fallen mir einige ein, die ich von meiner Mutter übernommen habe. Ereignisse, die mich in meinem Leben nie getroffen haben, die ich trotzdem betrauere. Über die ich wütend werden kann. Oder mich ärgern. Oder einfach nur diese Grundeinstellung zum Leben an sich. Meine Mutter war ein Kriegskind, Verlust, Tod, Dreck und Armut waren ihre Prägung. Nie genug zu bekommen, immer hart für alles arbeiten zu müssen, Vergnügen und Glück sind ebenso kurz wie vergänglich und nur Lichtblitze in einem Leben aus Leid, Anstrengung und Entbehrungen.

So ein Leben führe ich gar nicht und ich möchte das auch nicht so sehen.
Mein Leben hat mich nicht unbedingt gestreichelt, das Glück war ein seltener Gast, aber wenn es kam, schuf es immer etwas Großes, etwas Bleibendes, etwas Gewaltiges. Im Grunde habe ich, auch wenn ich es nicht leicht hatte, immer von allem nur das Beste bekommen: den besten Chaosprinzen, die beste Suppenfreundin, den besten Hund. Beim Kater lasse ich mich noch auf Diskussionen ein, aber eigentlich ist auch der ganz in Ordnung. Ich habe die wundervolle Gabe bekommen, mein Leben beschreiben zu können, es auf die Zweidimensionalität der Worte herunterzubrechen und dort in aller Ruhe zu betrachten. Das Papier ist mein Denkarium, alles findet seinen Platz darauf und verstopft dann nicht mehr meinen Kopf.

Die Dinge kann man selten ändern. Sie passieren einfach, kommen manchmal aus dem Nichts, der Einfluss, den wir darauf nehmen können, ist so klein, dass es eigentlich erschreckend ist. Das sprichwörtliche Schicksal, das anzunehmen ist, weil man es nicht ändern kann, nur hoffen, dass es einen Gott gibt, der weiß, was Er da tut, damit es auf den Menschen nicht ganz so willkürlich und ungerecht wirkt.

Was ich aber beeinflussen kann, ist meine Sicht darauf. Damit meine ich nicht, jeder Dunkelheit mit aller Macht unbedingt auch etwas Licht abringen zu wollen. Ich traf auf einer Geburtstagsfeier mal einen Arzt, mit dem ich mich lange über meine Erkrankung unterhalten habe. Ich erzählte ihm, wie grausam es war, innerhalb von vier Wochen nichts mehr von dem zu können, was man vorher konnte. Wie schwierig es war zu akzeptieren, dass von nun an die Dinge würden anders laufen müssen. Wie ich auf die Intensivstation gebracht wurde und dort ganze zehn Wochen verbrachte, und wie danach nichts mehr so war wie vorher. „Seitdem ist jeder Tag -„, so begann ich den Satz. Er vollendete ihn mit „-ein Geschenk“.

Was ich eigentlich sagen wollte, war „ein Kampf“. Nein, das Leben ist seitdem kein Geschenk. Ein Geschenk wäre es, wenn ich wieder gesund geworden wäre und mein Leben einfach hätte weiterleben können wie zuvor.
Meine Erkrankung und die damit einhergehende Behinderung sind eine tägliche Herausforderung, die zu akzeptieren ist. Wie das Wetter, da kann man zwar drüber jammern, die Sonne wird davon trotzdem nicht scheinen.

Vielmehr geht es darum, nicht mehr nur darüber zu jammern. Vergossene Milch und so. Irgendwann muss man den Lappen nehmen, sich bücken und sie aufwischen. Und dann muss man neue Milch kaufen gehen. So ist das. Eigentlich ganz einfach.
Die Alternative, die Milch auf dem Boden zu lassen und fortan Wasser zu trinken, ist keine. Und deshalb hört es auch an irgendeinem Punkt auf, Sinn zu ergeben, darüber zu jammern. Da muss man dann eine Inventur machen und handeln.

Und das meine ich damit, auch wenn es wie ein Kalenderspruch klingt: annehmen, was ist, schauen, was geht, und dann weiterleben. Mit all den Gefühlen, geerbt und selbst erworben, mit den Beeinträchtigungen, zu meistern oder unüberwindbar, mit den eigenen Fähigkeiten oder Einschränkungen. Je genauer man die kennt, desto besser kann man sich letztlich darauf einstellen.

Sein, trotzdem.
Seinen Platz in dieser Welt einnehmen, solange er da ist.
Und wenn mir das gelingt, dann habe ich heute gewonnen.
Und Morgen sehen wir dann weiter.

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