Monatsarchiv: Januar 2022

Zur Sache

Kürzlich las ich, dass einige von Handkes Notizbüchern aus den Jahren 1971 bis 1990 nun als Transkription oder sogar als Facsimile online gestellt wurden. Die Neugier trieb mich und ich blätterte mich etwas durch die eng beschriebenen Seiten seines Schaffens.

Viele Autoren haben versucht, den Prozess des Schreibens transparent zu machen, zu erklären, wie sie an ihre Themen kommen, wie sie Charaktere entwickeln und Handlungsstränge spinnen. Doch im Grunde springen all diese Erklärungen zu kurz. Etwas daraus zu lernen, scheint nur dann möglich, wenn man sich mit dem Schreibprozess auf einer abstrakt intellektuellen Ebene auseinandersetzen oder aber die Beweggründe und den inneren Anspruch gerade dieses Autors nachvollziehen möchte. Im Vordergrund steht dabei entweder das Handwerk oder das Interesse am Menschen hinter dem Schriftsteller.

So erhält man auch hier einen guten Einblick in Handkes Denken, in seine Beobachtungen. Die Notizen sind weniger projektorientiert als vielmehr Beobachtungen zu der Sache an sich. Manchmal erstaunt innwendig, manchmal ganz plakativ extravertiert. Sie geben Aufschluss darüber, wie Handke die Welt wahrnahm, immer im Hinblick auf das eigene Schaffen.

Manchmal, wenn ich an freien Tagen selbstvergessen in meinen Laptop tippe oder in mein Notizbuch schreibe, halte ich an irgendeinem Punkt inne und schaue auf das Geschriebene. Stunden sind vergangen, draußen ist es schon dunkel geworden und was macht eigentlich der Chaosprinz? Dann kommen mir heftige Zweifel an meiner Freizeitgestaltung. Denn das Schreiben ist kein gutes Hobby. Es macht einsam, frisst Zeit und das Ergebnis gerät oft kryptisch. Und es folgt keinem Ziel, zumindest keinem greifbaren.

Nun bin ich auch nicht Handke, denke ich, ich veröffentliche keine Bücher und Romane. Dahinter steht die Überzeugung, der Welt nichts von Bedeutung zu sagen zu haben. Mein Vorhaben, einmal selbst etwas zu veröffentlichen, scheiterte früh an geringem Selbstwertgefühl und überhöhten Ansprüchen. Deshalb gab ich es irgendwann auf, zugunsten der Sache an sich. Dem Schreiben, das so viel Zeit und Mühe kostet und doch immer von der Leere verschluckt wird. Es scheint, als diene es nur diesem einen Zweck, mir selbst die Welt erklären zu wollen. Andere schauen fern oder lesen ein Buch. Ich schreibe und jeder Satz führt mich ein kleines Stück tiefer zu mir selbst, lässt mich Zeit mit mir und für mich verbringen. Ich könnte wohl genauso gut ein Vollbad nehmen, aber ich stehe nicht so auf Bäder.

Vielleicht, wenn ich etwas Lesbares schreiben würde, frage ich mich, etwas, das einem Zweck dient, ein Ergebnis hervorbringt und so seine Daseinsberechtigung erhält. Sachbücher zum Beispiel, die werden gebraucht. Man müsste die Zeit dann nicht mehr rechtfertigen, die das Schreiben schluckt, so wie ich das immer muss. Schon meine Mutter hielt es für eine extreme Zeitverschwendung und verbot es mir, meine Zeit mit Worten zu verschwenden, die ohnehin niemand je lesen würde.
Aber dann fällt mir ein, dass das Schreiben für mich eine Notwendigkeit ist, etwas das völlig fern von der Be- oder Verurteilung anderer ohnehin und immer stattfindet, ganz gleich, ob es einem Ziel entgegenstrebt oder nicht. Durch mein Leben hindurch hatte kaum etwas so lange Bestand. Es scheint ganz einfach das Ziel zu sein, wie das Lesen, Meditieren oder Spazierengehen. Das liefert auch keine greifbaren Ergebnisse, da erwartet das auch niemand, es passiert ganz einfach.

Dieses Bild des umfallenden Baumes im menschenleeren Wald trage ich schon lange mit mir herum, es ist wie ein Vexierbild meines Schreibens. Der Baum, der umfällt, erzeugt ein Geräusch. Nur, weil es von niemandem in seiner Umgebung wahrgenommen wird, bedeutet das ja nicht, dass es kein Geräusch gegeben hat. Denkt man das Bild weiter, so ist das Geräusch des umfallenden Baumes aber doch nur der Nebeneffekt eines viel bedeutenderen Ereignisses: Schließlich ist der Baum ja umgefallen. Auf ihn hatte dieser Moment also eine im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende Wirkung. Wen interessiert da noch das Geräusch? Oder, noch weniger, von wem es wahrgenommen wurde?

Manchmal bin ich denkfaul, ich finde es dann anstrengend, die Dinge konsequent zu Ende zu denken. Manchmal neige ich dazu, über Dinge nachzudenken, die anderen ganz selbstverständlich und keines Gedanken wert erscheinen. Und manchmal durchdenke ich die Dinge in ihrer Vollständigkeit und komme doch zu keinem befriedigenden Ergebnis. Und so ist das dann auch mit dem Schreiben. Ohne geht es nicht, das zeigt mein Leben mir immer wieder. Die Worte erobern sich ihren Platz in meinem Leben, ob ich Zeit habe oder nicht. Ob ich das Ergebnis dann wertschätze oder nicht. Es passiert einfach. Es braucht keine Zielführung, keine Rechtfertigung, denn ob ich sie habe oder nicht, es passiert trotzdem. Mir vorzunehmen, etwas weniger zu schreiben, wäre wohl vergleichbar damit, mir vorzunehmen, etwas weniger zu atmen. Wie lange ich die Luft auch einhalte, irgendwann obsiegt der Reflex und ich atme laut und hörbar wieder aus.

Das „Geräusch“, das beim Schreiben entsteht, ist ein Nebeneffekt, weshalb ich meinen Blog auch lange Jahre „side effects“ genannt hatte. Ob es wahrgenommen wird, ist keine Frage des Ereignisses an sich, es ist tatsächlich eher unbedeutend.
Und so schreibe ich seit einigen Tagen auch hier wieder regelmäßig, diszipliniert und begeistert. Ich rechtfertige die benötigte Zeit damit, in einen Blog zu schreiben, den Inhalt also zu veröffentlichen, ihn zum Lesen freizugeben, anzubieten, ohne zu wissen, ob er einen tieferen Sinn ergibt oder nicht.

Denn ich bin der Baum, der im menschenleeren Wald umfällt.
Ich mache ein Geräusch.
Die Wirkung auf mich ist tatsächlich umwerfend.

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Throwback

Über einen alten Freund erfuhr ich vom Tod eines alten Freundes.
Jetzt liegt eine Schwere über mir, die ich nicht einzuordnen weiß. Da ist zum einen der Tod als letzten Konsequenz des Lebens, der Ende des Weges für uns alle. Wenn er so früh kommt, dann hält man fast verwundert inne. Es ist dieser unvorstellbare Gedanke an die eigene Sterblichkeit und an die Unausweichlichkeit, mit der sie kommen wird. Er hatte wohl Krebs, so las ich aus der kurzen Nachricht. Wie lange, wie schwer, das stand da nicht. Nur, dass er an Krebs verstorben ist. Warum es wichtig ist, woran ein Mensch gestorben ist, fand ich schon immer seltsam. Welchen Unterschied macht das im Ergebnis?

Die Nachricht von seinem Tod verbreitet sich wie ein Bachlauf zu all jenen, die ihn gekannt haben, und weckt in mir die Erinnerung an eine ganz andere Zeit.
Ich habe D. seit Jahren nicht mehr gesehen, aber erst kürzlich habe ich in Google noch nach ihm gesucht. Er war Filmemacher, zumindest hatte er in seinen frühen Zwanzigern ein paar Schritte in diese Richtung unternommen, und ich hatte mich in einem Moment sentimentaler Sehnsucht gefragt, ob er diesen Weg noch weitergegangen war.

Als Heranwachsende haben wir uns jeden Sonntag in der Kirche gesehen, die orthodoxen Kinder der Auswanderer, deren einzige Gemeinsamkeit in ihrer Herkunft lag. In unserer Kultur bleibt man lange das Kind seiner Eltern. Erst wird man an ihnen gemessen, später misst man die Eltern dann am Verhalten ihrer Kinder, auch wenn diese schon über vierzig und längst selbst Eltern sind.
D. war mit seinen Ideen vom Filmemachen ein Paradiesvogel, der erste, der es in unserer Gemeinde gewagt hatte, einen Schritt aus dem Schatten der Bräsigkeit seiner Eltern zu treten und seine ganz eigenen Chancen im Leben zu suchen. Dafür wurde er beäugt, belächelt, belästert. Irgendwann kam er dann nicht mehr zur Kirche, aber sein Vater erzählte eines Sonntags stolz, der Sohn habe einen Film für die ÖR gedreht.
Wir alle haben uns diese halbe Stunde damals im WDR angesehen, eine Reportage über irgendein Leben irgendwelcher Menschen irgendwo im Südosten Europas. Am Sonntag darauf war D. rehabilitiert. Es wurde gelobt und gepriesen. Eine tolle Reportage sei das gewesen, was für ein kreativer junger Mann D. doch sei. Er solle nur mal wieder öfter in die Kirche kommen, das wäre doch gut.

Bis in die Mitte meiner Dreißiger hinein war ich mit der Kirchengemeinde eng verbunden. Meine Mutter hatte versucht, die verlassene Heimat in unserem Leben zu bewahren und übertrug ihre Sehnsucht nach dem Süden auch auf mich. Das machen viele Emigranten so. In Deutschland hat man keine Volksmusik gehört und fand Sauerkraut mit Rippchen völlig ungenießbar, aber im fernen Australien sucht man gezielt nach einer deutschen Wirtschaft mit bayrischer Küche und importiertem Bier. Nicht ungewöhnlich, dass man in der Fremde das Vertraute vermisst. Selbst dann noch, wenn es einem eigentlich verhasst war. Selbst dann noch, wenn es das Vertraute selbst doch schon gar nicht mehr gibt.

Meine Migrationshistorie ist eine Geschichte, die ich nie aufgearbeitet habe. Ich habe sie nie thematisiert, ihr nie nachgespürt. Ich hing lange zwischen den Welten, fragte mich oft, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, hätten meine Eltern nicht entschieden, lange vor meiner Geburt ihre zwei Koffer zu packen und die Heimat zu verlassen. Ich erinnere mich an Momente aus meiner frühsten Jugend, in denen ich Angst hatte, meine Wurzeln zu verlieren und ein typisch deutsches Leben führen zu müssen. Was genau typisch Deutsch war, darüber hatte ich nur vage Vorstellungen. Ich machte es fest am morgendlichen Duschen, an der verbreiteten Ikeaeinrichtung in Kinderzimmern, am deutschem Abendbrot. Ich war die Ausländerin in Deutschland, eine von zweien in meiner Klasse. Bis in die frühen Neunziger wurde ich von jedem, dem ich begegnete, immer zuerst nach meiner Herkunft gefragt.
Zu den Schulferien flog ich regelmäßig in den Süden. Meine Mutter bekam nicht so viel Urlaub und so wurde ich zu Verwandten geschickt. Ich lernte meine Geburtsstadt kennen. Ich liebte diese große, dreckige Stadt mit ihren Hochhäusern, ihrem Lärm und ihren verdreckten Parks. Ich besuchte Freunde und Verwandte und freute mich am eastern way of life. Aber wo immer ich hinkam, dort war ich immer die Deutsche.

Meine Herkunft, streng mit meinem religiösen Bekenntnis verbunden, habe ich nie infrage gestellt. Das sind meine Wurzeln, sie bleiben ein Teil meines Lebens. Meine Identität lasse ich mir davon aber trotzdem nicht mehr vorschreiben. Denn meine Wahlheimat ist das Rheinland und das wird es immer bleiben. Vielleicht kann man mehr als nur eine Heimat haben. Vielleicht wachsen einem überall dort, wo man sich geliebt und aufgehoben fühlt, einfach neue Wurzeln.

Heute sind wir Kinder der ersten Generation in Deutschland fast alle Deutsche. Man hört uns nicht mehr an, dass die erste Sprache, die wir gelernt hatten, eigentlich eine ganz andere war. Wir können die immer mal wieder politisch geführte Integrationsdebatte kaum nachvollziehen, war doch Integration etwas, das ganz natürlich in Kindergarten und Schule, in Freizeit und Vereinen stattfand. Unsere Eltern akzeptierten diesen Prozess als selbstverständlich, waren sie doch gern hierher gekommen, auch wenn sie immer mal wieder versuchten, ein wenig der alten Bräuche und Sitten aus der Heimat zu bewahren. Es sprach nichts dagegen, waren doch auch sie in der Gesellschaft voll integriert.

Mein Leben ist übrigens nicht typisch deutsch geworden. Es lässt sich nicht festmachen an Herkunft oder Wohnort. Es ist mein Leben, eine bunte Mischung aus allem, was mir in den letzten fünfzig Jahren gefallen hat, ganz gleich, wo es herkommt. Der Chaosprinz verbindet in seiner Herkunft den Norden mit dem Süden mitten im Herzen von Europa. Und ja, er hat Ikeamöbel in seinem Kinderzimmer stehen.

Heute ist orthodoxer Heiligabend.
Auch wenn es nicht mehr dasselbe ist, auch wenn ich, allein schon pandemiebedingt, heute Abend nicht in die Kirche fahren werde und auch wenn wir Heiligabend mit dem Chaosprinzen schon vor zwei Wochen gefeiert haben, ganz klassisch deutsch übrigens mit geschmücktem Weihnachtsbaum und Raclette, so bleibt es auch mein Heiligabend. Morgen werden wir Weihnachten feiern, noch einmal, und ich werde mich an Zeiten erinnern, die es nicht mehr gibt. An Menschen, die aus einer Vielzahl von Gründen nicht mehr in meinem Leben sind.

Am Ende, sagt Dr. Who, sind wir alle nur Geschichten. Mach sie zu einer guten.

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Leerstelle

In einer Zeit, in der der einzige menschliche Kontakt zur Welt der Mitarbeiter von der Tafel ist, der uns alle zwei Wochen einen Karton Lebensmittel vor die Tür stellt, lernt man neben der Einsamkeit vor allem eins: Demut.

Es ist noch nicht lange her, da war ich eine mehr oder weniger erfolgreiche Mittdreißigerin mit einem annehmbaren, wenigstens die Rechnungen ordentlich zahlenden Beruf und wilden Träumen von einer Schriftstellerkarriere. Nächtelang schrieb ich an meinen Ideen, durchsuchte meine Gedanken und Gefühle und brachte sie zu Papier. Tagsüber hielt ich mich an meiner Tasse Kaffee fest, während ich Handlungen entwarf und Protagonisten erfand, oder ich saß im Büro und tat das, wofür man mich bezahlte.
Manchmal durchbrach ich meine selbst gewählte Einsamkeit, stieg von meinem Elfenbeinturm intellektueller Wichtigtuerei herunter und traf mich mit einem meiner sorgfältig ausgesuchten Sozialkontakte. Dann taten wir Dinge, die Menschen eben tun, wenn sie sich treffen. Wir gingen schwimmen, spazieren, ins Restaurant oder Cafe. Wir unterhielten uns über andere Menschen, Dinge oder Kunst, aber nie über die Politik, da habe ich meine Prinzipien. Gefehlt hat mir damals nichts.

Große Menschenansammlungen waren noch nie mein Ding. Ich hasste erst den Kindergarten, später die Schule und schließlich die Uni dafür, dass sie mich zwangen, meine Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen. Selbstredend mied ich Clubs, Sportvereine oder sonstige Orte, an denen man bunt zusammengewürfelt mit dem klarkommen muss, der dort auftaucht. Wo ich es nicht verhindern konnte, trug ich selten etwas passabel eloquentes zur Unterhaltung bei. Das meiste erschien mir ohnehin belanglos.

Seit meiner Erkrankung meide ich Menschen noch mehr. Oder sie meiden mich, ich bin da noch nicht entschieden sicher. Man sollte meinen, die Selbstisolation der Pandemie käme gerade mir doch zupass. Und meistens ist das auch so. Geblieben ist die alte Sehnsucht nach meiner Peergroup. Nach Menschen, die so ticken wie ich, die ähnliche Interessen haben. Diese Gruppe scheint immer kleiner zu werden. Oder ich habe immer weniger Interessen, ich bin da noch nicht entschieden sicher.

Wenn der Zug des Lebens an einem vorbeigerauscht ist, man sozusagen auf der Strecke geblieben ist und erkannt hat, dass die Welt auf niemanden wartet, bleibt einem nichts anderes zu tun, als seinen Weg zu Fuß fortzusetzen. Schritt für Schritt, mit dem Blick auf den Boden, um nicht vom Weg abzukommen. Manchmal joggt jemand vorbei, der nicht gemerkt hat, dass der Zug schon längst abgefahren ist, erzählt dir etwas von Bausparverträgen und Chiasamen, dann läufst du wieder allein. Alle paar Jahre überrollt dich der Zug der nächsten Generation und du winkst ihnen freudig zu und wünschst eine gute Fahrt. Dann gehst du weiter, vorbei an Hüft OPs und Urlaubsfotos aus Zypern, überdekorierten Vorgärten und mehr oder weniger gelungenen DIY Versuchen. Es ist wie eine Pilgerreise, nur das mir langsam die Schönheit des Wegs entgeht. Vielleicht bin ich auch unbemerkt irgendwo in einen Tunnel geraten, dann muss ich mich nicht wundern, weshalb es nicht heller wird. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu müde geworden und habe meine Augen geschlossen. Ich bin da noch nicht entschieden sicher.

Die Allegorie jedenfalls funktioniert bestens. Kein Wunder, scheint sie doch einer universellen Wahrheit zu entsprechen, die Generationen von Überfahrenen erkannt hat, seit es Züge gibt.
Irgendwann passiere ich vielleicht mal einen Bahnhof, an dem es sich zu verweilen lohnt.
Mal in Ruhe irgendwo einen Kaffee zu trinken, das wäre schön.

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Besser scheitern

Manchmal muss man aufhören, die Dinge unbedingt erzwingen zu wollen. Manchmal sollte man mutig seine menschliche Begrenzung akzeptieren und ihr nachgeben. Und dann entsteht oft fast zufällig und nebenbei etwas ganz Großes.

Als rastloser Teenager fing ich irgendwann damit an, die Wände meines Kinderzimmers zu bekritzeln. Ich schrieb meine Ideen darauf, skizzierte kleine Comics, malte bunte Figuren und notierte Zitate großer Denker. Meine Mutter verbot es mir nicht ausdrücklich, also gestaltete ich weiter, in der Hoffnung, irgendwann ein Gesamtbild zu erhalten, in dem aus dem Chaos eine zufällige Ordnung geworden war, eine Art roter Faden, die grafische Schönheit der Mandelbrotmenge meiner verborgenen Gefühle und Gedanken. Etwas, das Sinn ergibt und damit Bedeutung erhält.

Manchmal bin ich ungeduldig. Nicht nur, aber hauptsächlich mit mir selbst. Dann lehne ich mich gegen meine kreativen Grenzen auf, zugunsten dessen, was mir gerade an Ideen durch meinen Kopf wirbelt. Ich beginne mit einer idealen Vorstellung und erwarte, sie genau so in die Wirklichkeit heben zu können. Und werde natürlich enttäuscht. Denn auf dem kreativen Weg liegt immer das Tal der Mittelmäßigkeit. Zadie Smith sagte einmal dazu, sie versuche in ihren Arbeiten immer ein bisschen besser zu scheitern.

Irgendwann kam ich aus der Schule nach Hause und meine Mutter hatte die Wände neu streichen lassen. Und obwohl ich ihr das noch sehr lange vorgeworfen habe, so war ich insgeheim eigentlich ganz froh darüber. Denn über die Zeit war die Wand nicht etwa zu einem bunten Kunstwerk aus kleinen und größeren Ideen geworden, die ich mir vorgestellt hatte, sondern sie hatte sich in das unermessliche Chaos meines Lebens verwandelt, das eindeutig meine Handschrift trug, ansonsten aber nichts mit mir gemein hatte. Ich hatte, getrieben von dem Wunsch, mich selbst zu finden, über Monate mein Innerstes unüberlegt und unsortiert an die Wand geworfen und mit dem garniert, was ich gern in mir gesehen hätte. Kein Wunder also, dass so wenig davon Bestand hatte, dass so viel davon in die Bedeutungslosigkeit zurückfiel, aus der es gekommen war.

Vermutlich erhält in der Fülle des eigenen Universums nur das eine Bedeutung, dem man auch eine gibt. Ich könnte genauso gut in einen Apfel beißen und versuchen an den Umrissen zu erkennen, was sie mir über mich sagen. Sollte ich eine Be-Deutung er-finden, könnte ich daraus eine Sinnhaftigkeit ableiten. In einer Welt, in der Menschen Videos darüber hochladen, in denen sie bis Hunderttausend zählen, oder jeden Tag ein Foto ihres Stuhls in der Keramikschüssel veröffentlichen, wäre ich wohl keineswegs ein Einzelfall.

Maßgebend, und das ist wohl der Kern des Apfels, bin dabei nur ich selbst. Die Suche nach dem Eigenen in einer fremden Welt ist eine lebenslange. Stückchen für Stückchen setzt das Puzzle sich zusammen, spannen sich die Fäden, bis irgendwann eine Silhouette erkennbar wird, eine innere Gewissheit darüber, was im eigenen Leben eine Bedeutung erhält.

Das ist viel leichter gesagt als umgesetzt, sind wir doch von Kindesbeinen an den Be- und Verurteilungen Anderer ausgesetzt. Zu begreifen, dass die permanent an mich herangetragenen, persönlichen Ansichten fremder Menschen keinen Platz, geschweige denn irgendeine valide Aussage für mein Leben haben, ist schwieriger, als ich gedacht hatte.

Als meine Mutter die Vorwürfe, sie habe meinen kreativen Prozess gedankenlos überstreichen lassen, satt hatte, suchte sie für mich nach einer Alternative. Sie beklebte meine Wände mit Korkplatten und schuf mir so riesige Pinnwände, an die ich meine Kritzeleien hätte heften können. Da musste ich endlich zugeben, dass mein Vorhaben, meiner kreativen Persönlichkeit einen Ausdruck zu verleihen, schon in ihrer ersten Umsetzung gescheitert war, und die Wände blieben fortan leer. Wir haben nie wieder darüber gesprochen. Bis heute rechne ich das meiner Mutter hoch an und glaube sogar, dass nur ihre Nachsicht mich damals meine Suche nicht hat aufgeben lassen.

Unsere Vorstellungen sind in aller Regel Ideale. Wir lieben diese Ideale für das, was sie sind. In die Realität umzusetzen sind sie nur mit erheblichen Abstrichen. Das Ergebnis genügt dann selten, zumindest mir. Und trotzdem scheine ich mit jedem Versuch weniger zu scheitern. Ich kritzle immer noch, wenn auch nicht mehr an die Wände meines Kinderzimmers. Und langsam, ganz langsam, erscheint ein Bild.

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Jedem Anfang

wohnt ein Zauber inne, und so begann auch für uns das Neue Jahr mit einer Wunderkerze. Nicht so euphorisch wie sonst, verhalten zuversichtlich, weil die Zuversicht eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist. Vorsätze sind gefasst und wieder verworfen, es soll ein Jahr der kreativen Selbstfindung werden, ein Jahr der Selbstverwirklichung, weil die letzten Jahre alles zerschlagen haben, was ich geglaubt hatte zu sein. Und so liegt gespannter Aufbruch in der Luft, eine Spur Erregung, weil man nicht älter werden kann, ohne einzusehen, dass man viele Dinge auf dem Weg weder einplanen noch verhindern kann. Et kütt wie et kütt, sagt der Rheinländer und entbindet sich damit von der Verantwortung für das Unvorhersehbare. Und so bleibt der einzige Vorsatz, sich dem Tauziehen mit dem Leben im Großen und dem Schicksal im Kleinen nicht mehr hinzugeben, denn dieses Tauziehen kann man nur verlieren.

Es kann beängstigend sein zu erkennen, wie wenig Einfluss einem tatsächlich auf seinem Weg bleibt. Wie abhängig das eigene kleine Leben von dem Schicksalsfaden ist, den die Moiren einem zugeteilt haben. König Arthur steht neben dem Schwert und möchte es nicht aus dem Stein ziehen. Er kann aber nicht weggehen, bevor er das Schwert nicht herausgezogen und so sein Schicksal angenommen hat. So sitzt er Tage, Wochen, ganze Monate neben dem Stein und grübelt, wie er seinem Schicksal entgehen und einem anderen die Bürde des Königseins aufdrücken kann.

Er verliert damit nur Zeit, der gute Arthur. Denn am Ende ist es eine kosmische Gesetzmäßigkeit, dass er das Schwert hinauszieht und seinen Weg zum König mit dem ersten Schritt beginnt. Er will ja nicht dort sitzen bleiben, weggehen kann er aber auch nicht. Ganz gleich, wie alt Arthur für diese Erkenntnis werden muss, irgendwann erschlägt sie ihn. Oder der Stein. Was eben zuerst passiert – nur entkommen, entkommen kann er dem nicht.

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, das Sterben des Alten und die Geburt eines Neuen, und mittendrin wurde ich Fünfzig, ganz still und leise. Die Raunächte nutzten wir für innere Einkehr oder das, was wir dafür halten. Wie eine Glocke lag die Stille über diesen Tagen, bis das Feuerwerk sie zum Neujahrsmorgen zerriss und die Geschäftigkeit auf den Straßen neuen Aufbruch ankündigte. Menschen, die man tagelang nicht gesehen hatte, kommen aus ihren Häusern, um einander ein glücklicheres Neues Jahr zu wünschen. Wir sind eben doch soziale Wesen, auch wenn es manchmal um uns herum zu voll wird und wir dann in die Einsamkeit unserer Höhle kriechen, um darin wieder zu uns selbst zu finden.

Nun liegt das frische Blatt Papier vor mir, es warten Seiten, die beschrieben werden wollen, die Chronik eines Neuen Jahres, und in der feuchten Tinte des ersten Buchstabens spiegelt sich die Hoffnung, es möge ein gutes, ein erfolgreiches, ein entspanntes Jahr werden, eines, wie es es schon lange nicht mehr gab. Naiv, das gebe ich zu, aber ein wenig seiner kindlichen Naivität, alles Schlechte möge im alten Jahr zurückbleiben, muss man sich auch mit Fünfzig noch bewahren.

Und doch ist heute ein Sonntag, ein geschenkter zweiter Neujahrstag, der Jahresbeginn mit all seinen Erwartungen und Forderungen scheint verschoben. Faul liegt der Hund in der wärmenden Sonne. Überhaupt scheint Frühling zu sein, aber aus Erfahrung weiß ich, dass der Winter uns noch einholen wird. Und so stricke ich an einem wärmenden Schal für den Chaosprinzen. Jeden Tag, Reihe für Reihe. Bis er fertig ist.

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