Monatsarchiv: Februar 2022

Trauma 2.0

Eigentlich ist Karneval. Vom Rest der Republik gänzlich unverstanden ist Karneval im Rheinland eine ernste Angelegenheit. Karnevalsvereine bereiten sich das ganze Jahr auf diese fünfte Jahreszeit vor. Karneval als rheinländisches Brauchtum, eine reiche Kultur und ein bisschen Ausgelassenheit, die man dem Ernst des Lebens für einige Tage im Jahr entgegenstellen kann.

Aber Karneval fällt wieder aus. Hier auf dem Land gibt es keine Umzüge, keine Musik, keine Tanzveranstaltungen. In Köln sieht das etwas anders aus, da ist der Straßenkarneval aktiv, aber alle offiziellen Veranstaltungen sind gestrichen worden. Im Fernsehen sind keine Sitzungen zu sehen, im Radio laufen keine Karnevalslieder. Karneval ist abgesagt.

Diesmal ist es nicht Corona, na ja, vielleicht ein bisschen, aber diesmal ist es der Krieg. Seit Donnerstag früh gibt es rund um die Uhr Sondersendungen, die ohnehin immer nur das Gleiche zu berichten wissen. Europa ist geschockt und empört, Politiker finden klare Worte für diesen Völkerrechtsbruch und fordern lautstark Sanktionen. Das ist natürlich auch viel einfacher, als sich das breite, politische Versagen im Vorfeld einzugestehen.

Krieg, das ist das schlimmste. Über den Bildschirm laufen Bilder panischer Menschen, weinende Frauen stehen vor den Trümmern ihrer Häuser, Väter bringen ihre Familien zum Bus in Sicherheit. Es zeigt sich, wessen Krieg es wirklich ist: Alle Männer zwischen 18 und 60 sind aufgerufen, zu den Waffen zu greifen. Zur Not solle man Molotowcocktails bauen. Widerstand um jeden Preis, der Nation zuliebe.

Das alles habe ich schon einmal gesehen. Ich war Anfang Zwanzig, als der Krieg mein Herkunftsland auslöschte. Ähnliche Bilder der Zerstörung, der Panik und der Flucht. Weinende Menschen im Schutt ihrer Häuser, die sich fragten, warum. Schwere Panzer, die über Autos rollen, als seien sie aus Pappmache. Gesichtslose Soldaten, die ich nicht auseinanderhalten konnte: wer schießt gerade auf wen? Meine Generation, verloren im Kriegsgewirr. In Scharen strömen sie aus jedem Winkel des Landes, die wenigen, die bleiben, verstecken sich vor dem Einzugsbefehl bei Verwandten.

Ich arbeite damals als Dolmetscherin für die Caritas in einem aus Containern provisorisch aufgebauten Flüchtlingsdorf. Vor mir sitzen gebrochene Menschen aller jugoslawischer Nationalitäten, die meisten besitzen nur noch, was sie am Leib tragen, ihre Kinder, mitten im heraufziehenden Winter in dünnen, kurzen Sommerhosen und T-Shirt frierend auf dem Schoß. Was sagt er denn? fragt die Caritas-Mitarbeiterin. Er sagt nichts, er ist zu müde von der Flucht und zu eingeschüchtert von einem Land, das er nur aus dem Fernsehen kennt. Eine Mutter hat ihren zehnjährigen Sohn auf der Flucht aus den Augen verloren. Eine alte Frau hält noch das Brot in der Hand, das sie aus dem Ofen geholt hatte, als der Bus sie abholen kam. Es ist steinhart. Ein junges Mädchen weint, sie erzählt, dass ihr Vater bei der Flucht aus ihrem Dorf ihren kleinen Welpen lebendig begraben hat. Damit er sie nicht verrät. Die Geschichten von damals haben mich nie wieder verlassen.

Niemand auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, der die Zeit damals miterlebt hat, hat sich davon erholt. Fragt man die Menschen heute, ob es das wert war, dass ihre Söhne und Töchter in einen Krieg um Heimatland und Nationalstolz gezogen sind, werden die meisten müde abwinken. Kroaten, Bosnier und Serben versuchen heute, gemeinsam ihr Trauma des Bürgerkrieges zu verarbeiten. Bis heute sind die Schäden des völkerrechtswidrigen Krieges gegen Serbien im ganzen Land sichtbar.

Freilich gibt es neue Generationen, die den Krieg nicht mitbekommen haben. Deshalb passiert es immer wieder. Immer mit ähnlichem Narrativ. Da geht es um Unterdrückung und Repression von Minderheiten, um Machtpositionen und viel Geld, um Rohstoffe und Plünderung. Den Menschen verkauft man es am besten mit Nationalstolz und Territorialansprüchen. Mit Ungerechtigkeit und Angst vor einem vermeintlichen Feind. Dagegen muss man sich doch wehren. Die neuen Generationen haben keine Vorstellung vom Krieg.

Deshalb schreien sie nach Waffengewalt. Die einen, die überhaupt nicht vor Ort sind. Sie stehen auf den Straßen in der Fremde, lassen ihre Fahnen im Wind wehen und fordern lautstark den Krieg. Sie wissen, sie selbst sind in Sicherheit. Aus der Ferne lässt sich die Heimat am besten verteidigen. Und wenn man sie dafür in Schutt und Asche legen muss.
Und die anderen. Sie wollen kämpfen für etwas, das ihnen überhaupt nicht gehört, und lassen sich heldenhaft vor den Karren der Politik spannen. Als Kanonenfutter dienen sie den grauen Herren, schlagen sich an die stolze Brust. Sie wollen den Frieden mit Waffengewalt erzwingen. Hat ihnen denn niemand gesagt, dass das gar nicht möglich ist?

In einer echten Demokratie verzichtet man auf Gewaltausübung zugunsten von Verhandlungen. Das gilt immer und überall. Ohne euch, die ihr jetzt mit euren Gewehren an den Frontlinien steht, die ihr schwere Panzer durch die Straßen lenkt, die ihr Bombenflugzeuge fliegt, ohne euch gibt es keinen Krieg. Wehrt euch gegen Tod und Zerstörung in eurem Land, lasst die Waffen fallen und verweigert euch diesen Kriegsspielen der Mächtigen. Tretet in Streik und beharrt auf diplomatische Lösungen eurer Politiker, statt eure Leben zu riskieren. Lasst euch nicht von ihrer Polemik, ihren Überzeugungen, ihren Territorialansprüchen zu Kampfhandlungen zwingen.

Ich weiß, das ist gewagt. Wir sollen immer und überall Haltung einnehmen, klare Kante zeigen und uns gefälligst entscheiden, auf welcher Seite wir stehen. Am Ende, so hat es sich für mich gezeigt, gibt es aber immer nur zwei Seiten: nämlich die, die Krieg führen, und die, die es nicht tun. Und nur auf dieser Seite werde ich ein Leben lang stehen. Zu tief steckt die Angst in mir, zu laut sind bis heute die Kampfflugzeuge, die tief über Belgrad flogen, zu nah waren die Einschläge spürbar im Keller des Hochhauses, in dem meine Wohnung liegt. Drei Wochen lang schlief ich dort auf dem nackten Boden, bevor wir über Montenegro ausreisen konnten.

Den Krieg kann man nicht gewinnen. Weil ein Krieg rechtsloser Raum ist, deshalb sagt man ja auch, im Krieg sei alles erlaubt. Krieg trifft immer die Falschen, denn es gibt kein richtig im Krieg. Krieg ist mit nichts, rein gar nichts zu rechtfertigen.
Der Kriegsgewinn wird immer unter den Mächtigen aufgeteilt. Das sind die Profiteure: sie haben Waffen geliefert oder Gas oder beteiligen sich hinterher am teuren Wiederaufbau zerbombter Infrastrukturen, stationieren strategisch Truppen zur angeblichen Sicherung des Friedens, nutzen wirtschaftliche Vorteile zerstörter Volkswirtschaften und bluten sie aus.
Die Bevölkerung verliert im Krieg immer. Alles.

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Snezana

Auf dem Weg zum Strand, kurz bevor es zum Meer heruntergeht, gibt es eine unbefestigte Stelle. Ganz steil geht es dort hinab, aus den Karstspalten wächst wilder Dill und leuchtend gelbe Strohblumen. Wenn man zu nah an den Rand geht, kann man leicht abrutschen und fällt dann in den scharfen Stein.
Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich diesen Abgrund vor mir. Meine nackten Füße sind von der Erde ganz rot. Mit der Leichtigkeit eines Inselkindes springe ich über den Karst auf das Meer zu, ein kleines, weißes Handtuch über der Schulter. Es ist ein heißer Nachmittag, das warme Wasser ist von einem tiefen Blau.

Es ist die große Zeit des kleinen Sterbens. Den ganzen Tag lang tobt der Sturm, riss das Vogelhäuschen und die Gartenmöbel um und wehte eine Auflage vom Nachbarn herüber. Ganz frühe Bilder von einem warmen Nachmittag am Rhein, zwischen zwei Spielplätzen im frisch gemähten Gras flechte ich Kränze aus Gänseblümchen. Ein paar Jahre später nur einige Meter weiter spielte A. für mich auf der Gitarre „A horse with no name“ und ich verliebte mich in diese Nacht, in den Song und ein kleines bisschen auch in ihn, auch wenn ich es ihm nie gesagt habe.

Sie starb, wie sie gelebt hatte. In irgend einem verschissenen Metallbett mit durchgelegener Matratze, auf der schon so viele gestorben waren. Im Augenblick ihres Todes noch träumte sie von Paris und dem Eiffelturm. Von schmalen Gassen mit Kopfsteinpflaster und einem winzigen Weinlokal, in dem sie Chansons spielen und Käse zu frischem Baguette servieren. Vielleicht dachte sie an den Herbst 1982, in dem sie Paris so nah gekommen war wie nie zuvor und niemals danach. Doch dann wurde ihr Mann plötzlich krank und sie mussten ihre Reise verschieben.

Das Leben baut sich auf und wieder ab. Die Straßen werden mit den Jahren breiter, die Wege nach Hause immer länger. Nichts davon hat Bestand, nichts davon. Was wir einmal wussten, haben wir längst vergessen, nur manche Kleinigkeit bleibt auf ewig hängen. Große Pläne und persönliche Momente des Glücks. Sie hat ihre Fußabdrücke über die Erde verteilt, als hätte es sie nie gegeben. Und mehr ist dazu nicht zu sagen.

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Entfremdung

Die Tage werden sichtbar länger. Morgens ist es jetzt nicht mehr dunkel. Die Suppenfreundin hat einen Platten und ist mit dem ADAC Engel unterwegs zur nächsten Werkstatt. Der Hund und ich sind zu Hause. Irgendwo ist noch der Kater, ich habe ihn empört maunzen hören.

Seit zwei Jahren habe ich das Haus kaum verlassen. Die Zeit hat tiefe Furchen gezogen. In den letzten Wochen fiel es mir besonders stark auf, wie wenig ich noch ein Teil dieser Welt bin. Wie fremd mir alles draußen geworden ist.

Ich kämpfe damit, es in Worte zu fassen, dieses Gefühl der zunehmenden Entfremdung. Schreiben als Prozess, nochmal einen Fuß auf dem Boden zu setzen. Irgendwo anzukommen. Mich selbst zu verorten und zu verankern.

Ich war noch nie die Gesellige. Während andere meines Alters sich in Clubs und Kneipen getroffen haben, saß ich lieber zu Hause vor einem guten Buch. Meine Konzertbesuche lassen sich an einer Hand abzählen.
Einsamkeit als beste Freundin. Stille über mir wie ein Rettungsschirm.
Manchmal schaffte jemand, mich zu einer Fete zu überreden, dann ging ich hin. Deplatziert drückte ich mich in der schmalen Studentenküche herum und starrte auf die Berge schmutzigen Geschirrs, während laute Musik aus dem Wohnzimmer zu mir drang. Vielleicht liegt es daran, dass ich nie Alkohol getrunken habe. Es ist, als sei ich alt gewesen, noch bevor ich erwachsen wurde.

Ich bin seit jeher eine Einzelgängerin, daran habe ich mich gewöhnt. Eigentlich verwunderlich, dass ich überhaupt mit jemandem zusammenlebe. Aber auch, wenn es nicht die klassische Familie ist, so habe ich doch jemanden gefunden, dem ich vertrauen kann. Die Suppenfreundin würde jetzt widersprechen, denn es macht gar nicht den Eindruck, als würde ich ihr vertrauen. Und dennoch ist es der höchste Grad der Vertrautheit, zu dem ich überhaupt fähig bin. Geht sie aus dem Haus, prüfe ich, ob alle Türen und Fenster fest verschlossen sind. Klingelt jemand an der Haustür, werde ich vermutlich nicht öffnen.

Früher habe ich mich nur bei Dunkelheit nicht mehr sicher gefühlt. Sobald es dämmert, schalte ich hektisch alle Lichter an. Wo das nicht möglich ist, versuche ich, mich in der Dunkelheit zu verstecken, ein unbewegter, stiller Teil von ihr zu werden. Die Angst vor dem, was man spürt, wenn das Auge nichts mehr sieht, habe ich nie überwunden. Heute fürchte ich mich zunehmend auch bei Tageslicht. Die Angst ist so groß, sie verschluckt alles um mich herum. Als sei nichts mehr selbstverständlich möglich.

Antworten lassen sich leichter finden, wenn man die Fragen kennt. Und so verbringe ich viel Zeit damit, mir die richtigen Fragen zu stellen. Aber auch die lassen sich in der Enge meines Selbst nicht mehr so leicht finden.
Ich dachte immer, es fiele mir leicht, Worte zu finden. Mich auszudrücken und zu beschreiben, was ich empfinde. Mich selbst zu erreichen. Ich dachte immer, dazu müsse ich nur ehrlich sein. Und mutig.
Aber es ist, als würde ich einem Luftballon hinterherjagen, den der Wind sich zum Spiel ausgesucht hat.
Kaum glaube ich, die Kordel zu fassen, kommt die nächste Böe und treibt ihn davon.
Ein weiteres Stück weg.

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Glück gehabt

Auf den letzten Metern, drei Wochen, nachdem die neue Teststrategie die Schulen ins totale Chaos gestürzt hat, bekamen nun auch wir keinen Monat vor dem vielbeschworenen Freedom-Day doch noch Covid. Den Anfang machte der Chaosprinz mit Fieber und Übelkeit, aber die Schnelltests waren alle negativ. Das sind sie auch geblieben, was viel über ihre Verlässlichkeit aussagt. Dann begann ich zu fiebern und zu husten. Eine Woche nach dem ersten Fieber war mein Test zum ersten Mal positiv.

Zwei Tage lang ging es uns so beschissen, dass wir nicht aufstehen konnten. Im Fieber erfand ich das Wort „Einzeilerkopfschmerzen“ und tatsächlich ergab das einen Sinn für mich. Denn vor meinem inneren Auge zogen sie vorbei wie ein endloses Textband, diese Kopfschmerzen, die keinen Moment lang nachließen, keine Pause zum Durchatmen gönnten.

Seitdem ist es zumindest nicht schlechter geworden und so hängen wir hier nun rum, gehen uns gegenseitig auf den Keks, leeren die Vorratskammern bis auf den letzten Krümel und haben bald keine Taschentücher mehr. Der Hund ist ungehalten, weil längere Spaziergänge nicht drin sind, der Kater hat keinen Bock auf unsere Quarantäne und ist temporär ausgezogen. Der Chaosprinz sitzt gelangweilt vor dem Bildschirm und starrt in eine Ecke seines Klassenraums, während er nur halb mitbekommt, was seine Lehrerin da unterrichtet.

Seit Tagen habe ich nun die Wände des Wohnzimmers angestarrt, weil zu allem die Lust fehlte. Die ganze Nouvelle Vague habe ich in der Zeit über diese Wände laufen lassen. Ich hörte Chansons in weiter Ferne, die sich mit dem Heulen des Windes zur schönsten Filmmusik verbanden. Meine Fantasie schlug die wildesten Haken vom einen Ende des Universums zum anderen. In der Mitte steht ein Sofa, auf dem ich liege, und mir ist kalt, weil die Decke nicht wärmt.

Fragt man danach, was Glück ist, so gibt es so viele Antworten wie Menschen. Die meisten definieren ihr Glück wohl über die Liebe, die Familie oder besondere Menschen. Manche empfinden Glück bei einem tollen Urlaub, einem schönen Event oder einem kostbaren Augenblick. Und wieder andere definieren es über einen unvorhergesehenen Gewinn, eine Steuerrückzahlung oder ein Geschenk.

Mein Glück scheint immer in der Vermeidung einer totalen Vollkatastrophe zu liegen.
Schwer vorerkrankt bin ich genau diejenige, die vor einer Infektion hätte geschützt werden sollen.
Weil ich einen schwereren Verlauf zu erwarten gehabt hätte. (Was ist das? Plusquamperfekt Konjunktiv II?)
Weshalb ich zwei Jahre lang nicht aus dem Haus gegangen bin.
Um jetzt keinen schweren Verlauf zu haben.
Glück gehabt.

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Februar

Der Januar ist verflogen in einer Mischung aus kaum zu bewältigenden Herausforderungen und kalenderspruchreifen Durchhalteparolen. Heute ist der erste Tag des Februar, aber ehrlicherweise hatte sich die Hoffnung auf ein besseres Jahr im Ansatz schon zerschlagen. Die Vorstellung, man könne alles Schlechte im alten Jahr lassen und nur das Schöne mit ins neue nehmen, ist ebenso visionär wie verfehlt. Und so wachsen die Anforderungen an jedem neuen Tag und all das landet schließlich auf meinem Teller. Nur wachse ich eben einfach nicht mehr mit.

Und da war dann gestern noch der Geburtstag, an den Facebook mich gefühlt stündlich erinnerte. Ich wollte nicht schreiben, weil ich dachte, nicht zu schreiben wäre ein sauberer Schnitt, einer von denen, die mit dem Skalpell gezogen werden und die deshalb nicht wehtun. Darüber verging der Tag, bis mir kurz von Schluss dann doch die Nerven versagten. Die leise Stimme, die mir zuflüstert, dass ich so nicht erzogen wurde. Dass man Gleiches nicht mit Gleichem vergilt und nicht urteilt, weil man nie wissen kann, was einer denn nun wirklich verdient.

Meine Strategie des Augenblicks ist es, den nächsten zu bewältigen. Und so, Augenblick für Augenblick, durch den Tag zu kommen. Am Ende, das weiß ich, gibt es für jedes Problem eine Lösung, ich vergesse es nur immer wieder. Bleischwer tragen die Schultern, die Erschöpfung lässt sich schon lange nicht mehr wegschlafen. Trotzdem, so sage ich meiner Schwester heute am Telefon, liegt Bedrücktheit nicht in meiner Veranlagung. Meistens bewege ich mich irgendwo zwischen Wohlgefallen und Belustigung, ganz nach Augenblick.

Und so schrieb ich also doch noch und erhielt eine Antwort, die es mich instant bereuen ließ. Ich bin auch nicht sicher, was genau ich erwartet hatte von jemandem, der mir so nah kam wie niemand zuvor und der mir gleichwohl in einem einzigen Jahr fremder wurde als nur fremd.
Normalerweise mache ich mich ganz gut in Oberflächlichkeiten. Es fällt mir leicht, höflich und zugewandt zu sein, solange ich jederzeit die Distanz wahren kann. Dann stören mich auch Smalltalk und Gefasel nicht, ich muss mich nicht anstrengen, nutzloses Geschwätz mit einem dezent manierlichen Lächeln zu erwidern. Ich denke mir noch nicht einmal meinen Teil, es ist so schnell vergessen wie es vernommen wurde. Jahrelange Übung hat sich hier wirklich bezahlt gemacht. Solange ich die Distanz wahren kann. Und so versuche ich, Abstand zu schaffen, so viel wie es mir möglich ist, ohne um die halbe Welt zu reisen.

Die Suppenfreundin bangt unterdessen um ihre Sorgenkinder, ältere Menschen, also noch älter als sie selbst, um die sie sich kümmert. Beide haben ihr für diese Woche abgesagt. Die eine verlässt schweren Herzens ihr Zuhause, weil sie eigentlich rundum Betreuung bräuchte, die nicht zu realisieren ist. Der anderen geht es immer schlechter, Ärzte verschreiben ihr Antibiotika wie Smarties, nur wirken wollen die nicht. Beide haben alles Geld der Welt, aber kaufen können sie sich damit nichts mehr.

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