Trauma 2.0

Eigentlich ist Karneval. Vom Rest der Republik gänzlich unverstanden ist Karneval im Rheinland eine ernste Angelegenheit. Karnevalsvereine bereiten sich das ganze Jahr auf diese fünfte Jahreszeit vor. Karneval als rheinländisches Brauchtum, eine reiche Kultur und ein bisschen Ausgelassenheit, die man dem Ernst des Lebens für einige Tage im Jahr entgegenstellen kann.

Aber Karneval fällt wieder aus. Hier auf dem Land gibt es keine Umzüge, keine Musik, keine Tanzveranstaltungen. In Köln sieht das etwas anders aus, da ist der Straßenkarneval aktiv, aber alle offiziellen Veranstaltungen sind gestrichen worden. Im Fernsehen sind keine Sitzungen zu sehen, im Radio laufen keine Karnevalslieder. Karneval ist abgesagt.

Diesmal ist es nicht Corona, na ja, vielleicht ein bisschen, aber diesmal ist es der Krieg. Seit Donnerstag früh gibt es rund um die Uhr Sondersendungen, die ohnehin immer nur das Gleiche zu berichten wissen. Europa ist geschockt und empört, Politiker finden klare Worte für diesen Völkerrechtsbruch und fordern lautstark Sanktionen. Das ist natürlich auch viel einfacher, als sich das breite, politische Versagen im Vorfeld einzugestehen.

Krieg, das ist das schlimmste. Über den Bildschirm laufen Bilder panischer Menschen, weinende Frauen stehen vor den Trümmern ihrer Häuser, Väter bringen ihre Familien zum Bus in Sicherheit. Es zeigt sich, wessen Krieg es wirklich ist: Alle Männer zwischen 18 und 60 sind aufgerufen, zu den Waffen zu greifen. Zur Not solle man Molotowcocktails bauen. Widerstand um jeden Preis, der Nation zuliebe.

Das alles habe ich schon einmal gesehen. Ich war Anfang Zwanzig, als der Krieg mein Herkunftsland auslöschte. Ähnliche Bilder der Zerstörung, der Panik und der Flucht. Weinende Menschen im Schutt ihrer Häuser, die sich fragten, warum. Schwere Panzer, die über Autos rollen, als seien sie aus Pappmache. Gesichtslose Soldaten, die ich nicht auseinanderhalten konnte: wer schießt gerade auf wen? Meine Generation, verloren im Kriegsgewirr. In Scharen strömen sie aus jedem Winkel des Landes, die wenigen, die bleiben, verstecken sich vor dem Einzugsbefehl bei Verwandten.

Ich arbeite damals als Dolmetscherin für die Caritas in einem aus Containern provisorisch aufgebauten Flüchtlingsdorf. Vor mir sitzen gebrochene Menschen aller jugoslawischer Nationalitäten, die meisten besitzen nur noch, was sie am Leib tragen, ihre Kinder, mitten im heraufziehenden Winter in dünnen, kurzen Sommerhosen und T-Shirt frierend auf dem Schoß. Was sagt er denn? fragt die Caritas-Mitarbeiterin. Er sagt nichts, er ist zu müde von der Flucht und zu eingeschüchtert von einem Land, das er nur aus dem Fernsehen kennt. Eine Mutter hat ihren zehnjährigen Sohn auf der Flucht aus den Augen verloren. Eine alte Frau hält noch das Brot in der Hand, das sie aus dem Ofen geholt hatte, als der Bus sie abholen kam. Es ist steinhart. Ein junges Mädchen weint, sie erzählt, dass ihr Vater bei der Flucht aus ihrem Dorf ihren kleinen Welpen lebendig begraben hat. Damit er sie nicht verrät. Die Geschichten von damals haben mich nie wieder verlassen.

Niemand auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, der die Zeit damals miterlebt hat, hat sich davon erholt. Fragt man die Menschen heute, ob es das wert war, dass ihre Söhne und Töchter in einen Krieg um Heimatland und Nationalstolz gezogen sind, werden die meisten müde abwinken. Kroaten, Bosnier und Serben versuchen heute, gemeinsam ihr Trauma des Bürgerkrieges zu verarbeiten. Bis heute sind die Schäden des völkerrechtswidrigen Krieges gegen Serbien im ganzen Land sichtbar.

Freilich gibt es neue Generationen, die den Krieg nicht mitbekommen haben. Deshalb passiert es immer wieder. Immer mit ähnlichem Narrativ. Da geht es um Unterdrückung und Repression von Minderheiten, um Machtpositionen und viel Geld, um Rohstoffe und Plünderung. Den Menschen verkauft man es am besten mit Nationalstolz und Territorialansprüchen. Mit Ungerechtigkeit und Angst vor einem vermeintlichen Feind. Dagegen muss man sich doch wehren. Die neuen Generationen haben keine Vorstellung vom Krieg.

Deshalb schreien sie nach Waffengewalt. Die einen, die überhaupt nicht vor Ort sind. Sie stehen auf den Straßen in der Fremde, lassen ihre Fahnen im Wind wehen und fordern lautstark den Krieg. Sie wissen, sie selbst sind in Sicherheit. Aus der Ferne lässt sich die Heimat am besten verteidigen. Und wenn man sie dafür in Schutt und Asche legen muss.
Und die anderen. Sie wollen kämpfen für etwas, das ihnen überhaupt nicht gehört, und lassen sich heldenhaft vor den Karren der Politik spannen. Als Kanonenfutter dienen sie den grauen Herren, schlagen sich an die stolze Brust. Sie wollen den Frieden mit Waffengewalt erzwingen. Hat ihnen denn niemand gesagt, dass das gar nicht möglich ist?

In einer echten Demokratie verzichtet man auf Gewaltausübung zugunsten von Verhandlungen. Das gilt immer und überall. Ohne euch, die ihr jetzt mit euren Gewehren an den Frontlinien steht, die ihr schwere Panzer durch die Straßen lenkt, die ihr Bombenflugzeuge fliegt, ohne euch gibt es keinen Krieg. Wehrt euch gegen Tod und Zerstörung in eurem Land, lasst die Waffen fallen und verweigert euch diesen Kriegsspielen der Mächtigen. Tretet in Streik und beharrt auf diplomatische Lösungen eurer Politiker, statt eure Leben zu riskieren. Lasst euch nicht von ihrer Polemik, ihren Überzeugungen, ihren Territorialansprüchen zu Kampfhandlungen zwingen.

Ich weiß, das ist gewagt. Wir sollen immer und überall Haltung einnehmen, klare Kante zeigen und uns gefälligst entscheiden, auf welcher Seite wir stehen. Am Ende, so hat es sich für mich gezeigt, gibt es aber immer nur zwei Seiten: nämlich die, die Krieg führen, und die, die es nicht tun. Und nur auf dieser Seite werde ich ein Leben lang stehen. Zu tief steckt die Angst in mir, zu laut sind bis heute die Kampfflugzeuge, die tief über Belgrad flogen, zu nah waren die Einschläge spürbar im Keller des Hochhauses, in dem meine Wohnung liegt. Drei Wochen lang schlief ich dort auf dem nackten Boden, bevor wir über Montenegro ausreisen konnten.

Den Krieg kann man nicht gewinnen. Weil ein Krieg rechtsloser Raum ist, deshalb sagt man ja auch, im Krieg sei alles erlaubt. Krieg trifft immer die Falschen, denn es gibt kein richtig im Krieg. Krieg ist mit nichts, rein gar nichts zu rechtfertigen.
Der Kriegsgewinn wird immer unter den Mächtigen aufgeteilt. Das sind die Profiteure: sie haben Waffen geliefert oder Gas oder beteiligen sich hinterher am teuren Wiederaufbau zerbombter Infrastrukturen, stationieren strategisch Truppen zur angeblichen Sicherung des Friedens, nutzen wirtschaftliche Vorteile zerstörter Volkswirtschaften und bluten sie aus.
Die Bevölkerung verliert im Krieg immer. Alles.

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