Monatsarchiv: April 2022

Weiterdenken

Was ich in den letzten Monaten, seit ich wieder regelmäßig den Blog führe, sehr zu schätzen gelernt habe, sind die vielen Anregungen, die man von den anderen Bloggern bekommt. Ob es Fragen sind, die man sich stellt, Worte des Tages oder auch nur Miniaturkunstwerke der Sprache – all das entwickelt eine Eigendynamik in meinem Denken, die über den Tag ihre Kreise zieht, manchmal sogar über den Tag hinweg in den nächsten.
Hängen geblieben bin ich diesmal an der Überlegung, was es bedeutet, eine Tochter zu sein.

Genaugenommen geht es nicht um die typische Rollenverteilung, was gemeinhin von Töchtern oder Söhnen erwartet wird. Das unterschied sich früher vermutlich viel stärker als heute, aber ich bin sicher, dass Söhne und Töchter einer Familie dazu immer noch viel zu sagen hätten. Genauso könnten Einzelkinder davon berichten, welche Erwartungen an sie gestellt werden, ganz unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit. Es geht wohl vielmehr, so habe ich es verstanden, um das ganz persönliche Erleben, eine Tochter zu sein. Für mich ist das eng geknüpft mit den Erwartungen und Ansprüchen meiner Mutter, denn mein Vater hat schon früh das Haus verlassen und hielt fortan nicht einmal mehr Kontakt.

Meine Mutter hatte vor mir schon mal eine Tochter. Sie war drei Jahre vor mir am gleichen Tag geboren und starb an ihrem zweiten Geburtstag. Ein letztes Bild zeigt sie mit fiebrigem Gesicht vor einer Torte mit zwei Kerzen auf dem Arm meiner Mutter.
Meine Mutter hat diesen Schmerz nie überwunden. An jedem meiner Geburtstage dachte sie an ihre verstorbene Tochter, betete für sie und zündete eine Kerze für sie vor dem Hausaltar an. Ich lernte diesen Schmerz des Verlusts von ihr über die Jahre schon sehr früh. Er brannte sich mir ein wie ein Stempel, eine erlernte Traurigkeit. Ich lernte noch etwas, aber das habe ich erst viele Jahre später begriffen. Da war meine Mutter schon tot, und ich konnte es nicht mehr mit ihr aussprechen. Dazu komme ich später.

Die erste Tochter meiner Mutter hieß Katharina, nach der mütterlichen Großmutter. Sie starben im gleichen Jahr, die Großmutter im Januar, die Tochter im Dezember. Es muss ein furchtbares Jahr für meine Mutter gewesen sein. Als würde alles Leben auf der Erde enden. Als ob sich ein schwarzes Loch aufgetan hätte, das jetzt die ganze Luft zum Atmen unbarmherzig absaugt. Ein langsames, qualvolles Ersticken, das kein Ende findet.

Ein Jahr nach Katharinas Tod wurde ich geboren, irgendwo im Süden Europas. Man erzählt sich, dass ich lange unbemerkt geblieben bin. Als meine biologische Mutter erkannte, dass sie schwanger war, reiste sie in die Hauptstadt und versuchte dort, mich abtreiben zu lassen. Das ging schief und ich wurde viel zu früh und mit nur 870 gr geboren. Die Legende sagt, dass ich nie einen Namen erhalten habe. Auf der Geburtsurkunde trug man einfach unter Namen die Worte „gibt es nicht“ ein. Ein Beamter hielt die Leerstellen zwischen den Worten für einen Fehler und zog die Worte zusammen. So entstand mein Vorname, ein Jahr später wurde ich darauf getauft.
Die folgenden Monate überlebte ich nur deshalb, weil meine Mutter zufällig von mir erfahren hatte und mich adoptieren wollte. Ihr Vater, ein angesehener Arzt und Transfusionsmediziner, war aus gleich mehreren Gründen dagegen. Er formulierte seine Bedenken in einem Brief, den ich bis heute aufgehoben habe: zum einen war Adoption nicht unbedingt gesellschaftsfähig, als ich geboren wurde, und in den Kreisen, in denen meine Familie verkehrte, schon mal gar nicht. Zum anderen sorgte er sich sehr um seine eigene Tochter, weil die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war, dass sie nach ihrer ersten Tochter, nun auch die zweite, adoptierte vielleicht auch verlieren würde. Meine Mutter setzte ihren Kopf durch und ihr Vater tat daraufhin das Einzige, was er tun konnte, um zu helfen: er gab mir täglich Bluttransfusionen.

Ich glaube, ich wäre damals lieber gestorben. Natürlich kann ich mich nicht daran erinnern, aber diese Zeit hat tiefe Furchen in meinem Leben hinterlassen und eine gewisse fatalistische Lebenseinstellung geprägt, die ich mir nur so erklären kann. Sechs Monate lag ich nach der Geburt im Brutkasten des örtlichen Waisenheims und bekam täglich Bluttransfusionen und Medikamenten. Weitere sechs Monate dauerte es, bis das Adoptionsverfahren abgeschlossen war, dann durfte ich endlich in mein neues Zuhause. Meine Eltern waren bei meiner Ankunft wohl reichlich entsetzt: mit über einem Jahr konnte ich weder den Kopf selbständig halten noch mich eigenständig drehen. Ich schien weit zurück, war aber im Groben gesund.

Ich spreche ganz absichtlich von Geschichten und Legenden und nicht von Tatsachen. Denn während um meine Adoption nie ein Geheimnis gemacht worden war, wurden die Umstände meiner Geburt und der Überlebenskampf danach zu einem Mysterium meines Lebens. Nach und nach trug ich von Bekannten und Verwandten Informationen darüber zusammen und setzte mir in meinen Teenagerjahren in den Kopf, meine leibliche Mutter finden zu wollen. Eine Tante verriet mir damals, weshalb meine biologische Mutter mich weggegeben hatte: sie war minderjährig gewesen und ich das Ergebnis einer Vergewaltigung. Danach suchte ich nicht mehr. Das Einzige, was ich von ihr weiß, ist, dass sie dunkles Haar hatte.

So weit reichen sie also, die Erkenntnisse zu meiner Entstehung, zu meinem Dasein auf diesem Planeten, das von niemandem so vorgesehen war. Wenn du das jemandem erzählst, glaubt er, du wolltest dich nur wichtig tun. In der Grundschule erwähnte ich einmal, ich sei adoptiert, und wurde ausgelacht. Danach habe ich nichts mehr erzählt. In meinen Klosterschuljahren dachte ich insgeheim lange, Gott müsse einen ganz besonderen Plan mit mir haben, sonst hätte ich ja nicht überlebt. Dieser Gedanke wurde zu einem großen Trost über die schlimmen Jahre meines Erwachsenwerdens. Irgendwann kam aber dann doch der Zweifel, ob ich nicht gerade deshalb mehr aus meinem Leben hätte machen sollen.

Was hat das jetzt mit meinem Tochter Sein zu tun? Ich möchte den Kreis schließen, wenn auch das Thema nicht abgeschlossen ist. Das wird es vermutlich niemals sein.

Heute glaube ich folgendes: meine Mutter wollte damals ihre Tochter durch mich ersetzen. Das bedeutet nicht, dass sie mich nicht geliebt hätte, oh nein, sie hat mich unendlich geliebt. Es bedeutet nur, dass ich in der ständigen Konkurrenz um ihr leibliches Kind niemals mithalten konnte. Ich war das Ersatzkind, das nie gut genug sein würde. Gleichzeitig war meine Mutter nicht meine biologische Mutter. Das bedeutet nicht, dass ich sie nicht geliebt hätte, oh nein, ganz gewiss nicht. Meine Mutter trat aber so ebenfalls in Konkurrenz. Beide traten wir nun also an gegen eine idealisierte Unbekannte: Ich gegen eine Tochter, die nie älter als Zwei werden durfte, und sie gegen eine Mutter, die ich nie kennengelernt hatte.

Was für eine grausame Erkenntnis.
Nein, ernsthaft, was für eine grausame, furchtbare Erkenntnis, dass wir einander niemals gereicht haben, weil die natürliche Ordnung des Universums für uns beide etwas völlig anderes vorgesehen hatte. Vielleicht sieht es so aus, als wäre es doch so einfach gewesen, sich auf einander einzulassen, aber das war es eben nicht. Welche unfassbare Last, dass ich das erst begriffen hatte, als es zu spät war, als meine Mutter tot und eine Aussprache mit ihr nicht mehr möglich war.
Und so war, ist und bleibt das der größte Schmerz meines Lebens, der sich durchzieht wie ein blutiger Fluss. Ich verarbeite diese Gedanken unablässig in meinem Schreiben, forme die Gefühle zu Worten, erkenne, dass sie unzureichend sind, streiche und formuliere neu. Aber ich erfahre keine Katharsis, keine Erlösung, dieser Schmerz sitzt so tief wie der Stachel einer Palme mitten durch mein Herz.

In diesem Schmerz, in dieser unendlichen, bodenlosen Traurigkeit hat sich nur der eine gute Gedanke erhalten, und es wäre nicht vollständig, wenn ich den nicht am Schluss auch noch erwähnen würde. Immer noch, nein, jetzt wieder neu und viel stärker als früher glaube ich, dass Gott einen Plan mit mir hatte, sonst hätte ich nicht überlebt. Dieser Plan, der Sinn meines Daseins, der Grund, weshalb ich morgens beim Aufstehen meine Augen öffne, obwohl ich abends beim Einschlafen denke, dass ich das nie wieder tun möchte, der Hintergrund meiner Geschichte und der Ansporn, sie weiterzuerzählen, all dies findet seinen höchsten Gipfel im Wunder meines Chaosprinzen.
Aber das wird er nie erfahren.

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Durchhalten

Und so schleppen wir uns durch die Woche: der Wecker klingelt um halb Sieben, der Chaosprinz sitzt um Sieben stumm und missmutig vor seinem Kakao, um halb Acht richte ich seinen Kragen, gebe ihm einen Kuss und sage ihm, er soll sein Bestes geben. Welchen Wochentag haben wir?, fragt er, dann geht er los. Vom Küchenfenster aus sehe ich ihm nach, bis er um die Ecke verschwunden ist. Mein Magen friert zu.

Die Lehrerin schreibt, sie habe mit der Sachkundelehrerin gesprochen. Die Arbeit des Chaosprinzen läge ihr vor. Die Lehrerin wisse nun gar nicht, wie der Eindruck entstanden sein könnte, die Arbeit sei verschwunden. Ich überlege kurz, ob ich zurückschreibe, der „Eindruck“ sei daraus „entstanden“, dass die Sachkundelehrerin am Montag behauptet hatte, der Chaosprinz habe ihr die Arbeit nicht abgegeben. Ich überlege kurz, ob ich zurückschreibe, die Worte „Eindruck“ und „entstanden“ seien in diesem Zusammenhang von ihr mehr als unzutreffend gewählt. Nur kurz überlege ich das, dann entscheide ich, mich für die Nachricht zu bedanken und es gut sein zu lassen. Für ein klärendes Gespräch sind ein Mindestmaß an Wahrheit, eine Untergrenze an intelligenter Eloquenz und ein Minimum an persönlicher Einsicht zwingend erforderlich, und meine Erfahrung über die letzten vier Jahre hat gezeigt, dass das alles in der Grundschule nicht als selbstverständlich vorauszusetzen ist. Außerdem haben der Chaosprinz, die Suppenfreundin und ich uns vor einigen Tagen für einen familiären Schulterschluss entschieden und geschlossen der Grundschule unsere innere Kündigung ausgesprochen.

Und so geht es weiter: jeden Tag nehme ich mir vor, ein paar Sätze zu schreiben. Ich öffne das Dokument und sehe die Fragmente vom Vortag, kleine Satzinseln auf dem Monitor. Eine Geschichte, die in meinem Kopf längst erzählt ist, einfaltet sich in feinen Linien. Jeden Tag füge ich dem Dokument einige Zeilen hinzu, so wächst ein unregelmäßig gestrickter Körper, unförmig und unbehaglich. Im kreativen Prozess des Denkens trete ich zurück, als würde ich mich darin verstecken können. Die Ideen flimmern durch den Raum, Gedanken, bei denen ich mich seit jeher frage, ob sie mir allein gehören oder eher den Untiefen des kollektiven Unbewussten entstammen. Im Hintergrund läuft das Radio, damit die Stille mich nicht beherrscht.

Stille kann sehr einschüchternd sein. In einer Kontroverse hat meist derjenige Gesprächspartner einen Vorteil, der die Stille angemessen einsetzen und entsprechend auch gut aushalten kann. In der Verhandlungstechnik nennt man das taktisches Schweigen. Es bringt einen ganzen Schneesturm über die Gesamtlage und verteilt die Positionen oft völlig neu.
Ich kann Stille ganz grundsätzlich nur sehr schlecht ertragen. In einem Gespräch versuche ich, sie nicht aufkommen zu lassen. Selbst dann nicht, wenn ich dafür ununterbrochen reden muss. Das kann sehr anstrengend sein, weshalb ich auch nur ungern Besuch bekomme. Wenn die Stille dann aber doch unvermeidbar wird, weil die Worte plötzlich ausgehen, gestehe ich meine Niederlage ein und kapituliere widerstandslos.
Die Suppenfreundin verfolgt eine völlig gegensätzliche Taktik, um die Stille zu vermeiden. Sie stellt Fragen. Und zwar solche, deren ausführlicher Beantwortung kaum jemand widerstehen kann. Wie es den Kindern gehe, ist hier sehr beliebt, wobei es in ihrer Generation mittlerweile die Enkelkinder sind, über die beinahe jeder erfreut und umfassend berichtet. Die Stille ist damit vom Tisch, und alles, was die Suppenfreundin dann noch tun muss, ist interessiert vertiefende Fragen zu stellen.

Und dann geschieht das: wenn der Chaosprinz mittags aus der Schule kommt, seinen Schulranzen in die Ecke schleudert, die Schuhe abstreift und sich vor seinen dampfenden Teller setzt, beginnt der Eisblock in meinem Magen langsam zu tauen. Lachend berichtet er davon, wie Sonja sich eine Strähne ihres Haars mit Flüssigglitzer verklebt hat und Andreas daraufhin zur Schere griff. Wie Michael sich mit Johannes eine Rindenmulchschlacht auf dem Schulhof geliefert hat. Und wie er in der sechsten Stunde in die Parallelklasse geschickt wurde, um dort seine Hausaufgaben zu machen, weil mal wieder kein Lehrer zur Verfügung stand.
Manchmal fläzen wir uns dann dekadent und wenig dekorativ gemeinsam auf die Sofas im Wohnzimmer und bleiben dort liegen, bis der Abend kommt. Oder die Suppenfreundin, je nachdem, was zuerst eintritt. Bei Keksen, Chips und Gummibärchen tun wir das, was wir gerade tun wollen. Ich lese in einem Buch, der Chaosprinz klickt sich durch Youtubevideos und sucht nach neuen Anregungen für seine sorgfältig geplante Pizzeria.
Und für den Moment ist alles gut.

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45 Tage

Fast wäre der Hund gestern im Gartenteich ertrunken, weil sich die Schleppleine im Busch verfangen hatte. Die Suppenfreundin sprang hinterher und löste das Halsband. Der nasse Hund rubbelt sich am Sofabezug das Fell trocken, bevor er sich mehrfach den Schock aus dem Leib schüttelt.

Und überhaupt war der ganze Tag gestern einer zum Ertrinken. Der Chaosprinz hat montags prinzipiell keine Lust zum Aufstehen. An allen anderen Wochentagen auch nicht, um einem falschen Eindruck vorzubeugen. Die Suppenfreundin hetzt durch den Tag, wie an jedem anderen. Der Hund jagt die Katze, Treppauf, Treppab. Und ich hocke zwischen dem Chaos vor einer Tasse erkaltetem Kaffee und starre ins Nichts, immer in der Hoffnung, es möge sich endlich, endlich, nach so langen Jahren, das Tor in eine andere Dimension auftun, durch das ich schlüpfen und dieser hier entkommen könnte. Aber auch heute bleibt das Nichts einfach nur das Nichts.

Aus der Schule zurück erklärt der Chaosprinz gestern, die Klasse habe heute den Sachkundetest wiederbekommen, alle, nur er nicht. Auf seine Nachfrage teilte ihm die Lehrerin mit, sein Test sei verschwunden. Verschwunden.

Ich reiße ihm die Maske vom blassen Gesicht. Eigentlich hatten wir vereinbart, dass er ab jetzt mit dem Wegfall der Maskenpflicht in Schulen keine mehr trägt. Denn der Chaosprinz vergisst öfter zu trinken und bekommt dann Kopfschmerzen. Weshalb also immer noch die Maske? Der Chaosprinz erklärt, seine Klassenlehrerin habe ihm gesagt, seine Mutter sei doch so krank, er solle die Maske wieder aufsetzen. Schließlich wolle doch niemand, dass seine Mutter noch kränker werde.

Es ist nicht die erste Klassenarbeit, die verschwindet. Nach der dritten Klasse, die der Chaosprinz ausschließlich im Distanzunterricht verbracht hatte, verlangte ich eine Revision des Zeugnisses. Es war mir nicht einleuchtend, dass er in allen schriftlichen Überprüfungen, zu denen er in die Schule fahren musste, zwischen Eins und Zwei stand, alle Hausaufgaben und Zusatzaufgaben ordentlich erledigt und hochgeladen hatte, und trotzdem auf dem Zeugnis eine Drei bekam. Womit wollte man das rechtfertigen? Mit fehlender mündlicher Mitarbeit, teilte die Schule mit. Ich antwortete, dass der Chaosprinz ja aufgrund der Pandemie und meiner gesundheitlichen Situation gar nicht im Unterricht anwesend war. Konnte man ihm dafür eine Sechs in mündlicher Mitarbeit geben? Man versprach, in die schriftlichen Überprüfungen zu schauen. Eine Woche später teilte man mir mit, das sei nicht möglich, da die Mappe mit seinen schriftlichen Überprüfungen nicht aufzufinden sei. Auf dem Zeugnis blieb es bei den Dreien.

Die Maskenpflicht an den Schulen ist also seit den Osterferien freiwillig. Freiwillig scheint ein sehr dehnbarer Begriff zu sein. Der Chaosprinz, der seit er schreiben kann, auf jeden Wunschzettel an den Weihnachtsmann die kurze Nachricht hinterlässt, er möge seine Mama wieder gesund machen. Der Chaosprinz, der zu jedem Neujahr auf seine Wunschliste für das Neue Jahr schreibt, er wünsche sich, dass seine Mutter wieder gesund wird. Der Chaosprinz, der auf die Frage, ob er Angst habe, antwortet, seine Ängste um mich könne er gar nicht beschreiben. Mein Kind also zieht seine Maske wieder auf. Ganz freiwillig natürlich, obwohl wir wissen, dass Masken nicht schützen. Schon gar nicht, wenn in den Schulen nicht mehr getestet wird. Man möchte brechen.

Bezüglich seiner Rucksackdurchsuchung auf der Klassenfahrt teilte die Klassenlehrerin ungegenständlich mit, dass nicht jedes Kind sich an Regeln halte und eine Kontrolle deshalb manchmal notwendig sei. Es sei für den Chaosprinzen aber doch gut ausgegangen, denn es wurde ja nichts bei ihm gefunden. Das beantwortet natürlich meine Frage nicht, weshalb denn nur der Chaosprinz durchsucht wurde, und verstößt überdies auch gegen geltendes Schulrecht, aber ich habe mir ausgerechnet, dass es bis zur weiterführenden Schule noch genau 45 Schultage sind. Und nun setze ich alles daran, diese zu überleben.

Heute schreibt der Chaosprinz eine Mathearbeit. Dafür hätte er gestern noch einmal üben sollen. Der Chaosprinz hatte keinen Bock zu üben. Zum einen, weil ihm Division zur Nase rauskommt. Zum anderen, weil seine Klassenarbeit ja jederzeit wieder verschwinden könnte, sollte sie zu gut ausgefallen sein.

Was wir in der Grundschule alles erleben mussten, ist schon mehrere Dienstaufsichtsbeschwerden wert. Nun weiß man ja, dass solche überhaupt keine Aussicht auf Erfolg haben. An jeder Ecke fehlt es an Lehrern, würde man alle unfähigen entlassen, ließe sich die Schulpflicht nicht mehr aufrecht erhalten. Schon jetzt fallen Stunden aus, werden die Kinder an Selbstlernhefte gesetzt oder auf andere Klassen aufgeteilt, wo sie sich dann eine Schulstunde lang langweilen dürfen. Schulen gleichen immer mehr Materialausgabelagern, gelernt wird ohnehin zu Hause. Das wäre für uns auch absolut in Ordnung. In einer ruhigen Umgebung zu Hause verringern sich nicht nur die Fehler, es ändert sich sogar das Schriftbild.

Nach dem Sommer wechselt der Chaosprinz auf die weiterführende Schule. Sie hat einen recht guten Ruf, ich hoffe also auf Veränderung. Ich hoffe aber auch, mich dort auf etwas transparenterem Terrain wiederzufinden. In der Grundschule haben manche Kinder während der Coronazeit von acht Klassenarbeiten vier gar nicht mehr nachschreiben müssen, sie bekamen auch so eine gute Note. Das nennt man Ermessensspielraum der Lehrer. Ein unglaublich weit gefasster. Denn der Chaosprinz schrieb unterdessen an einem Einzeltisch im Nebenraum in einer Schulstunde zwei Klassenarbeiten nach. Weil er mit Mathe zu schnell fertig war, schob man ihm die Deutscharbeit gleich hinterher. Beide Arbeiten Eins. Auf dem Zeugnis stand eine Drei.

Gedanklich sollte ich mich mit der Schule gar nicht so viel beschäftigen. Denn das gibt nur Ärger und einen hohen Blutdruck. Es ist auch gar nicht nötig, denn ich habe ein sehr kluges Kind, das sich trotz vier Jahre Erniedrigung, Abwertung und Schikane immer noch vor seine Schulbücher setzt. Wäre man mir in der vierten Klasse mit Selbstlernheften gekommen, hätte ich sie in der Regentonne hinterm Haus versenkt.

Mein Entsetzen und meine Hilflosigkeit bezüglich Schule bekomme ich aber einfach nicht in den Griff.

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Montag

Das Wochenende ist verflogen und mit ihm der letzte Tag der Osterferien. Unbarmherzig klingelt der Wecker heute früh um halb Sieben. Ich war schon wach, denn in den Nächten auf Montag schlafe ich nie besonders gut.

Das liebe, bleiche Gesichtchen am Frühstückstisch. Er möchte warmen Kakao und seine Decke. Er möchte zurück ins Bett, denn es ist zu früh und auch er hat nicht gut geschlafen. Heute steht die Inspektion der Fahrräder für die Fahrradprüfung an und er ist der einzige in seiner Klasse, der kein Fahrrad hat. Der Chaosprinz schämt sich.

Die Stunden nach Mitternacht bleiben ungeliebt. Zeit, in der vernünftig lebende Menschen schlafen, denn die Nacht ist nicht vertrauenswürdig. Es tut nicht gut, wenn man wach da liegt und seinen Gedanken zuhört. Nachts melden sich Themen zu Wort, für die ich am Tag keine Zeit finde. Ob ich träume oder wache, macht keinen Unterschied für sie, sie wissen einfach, dass sie dann dran sind. Und so denke ich Gedanken blind durcheinander und keinen zu Ende.

Was er wohl antworten wird auf die blöde Frage, weshalb er kein Fahrrad hat?

Chronos ist der vielleicht einzige Gerechte, der wahre Solide. Mag die Zeit noch so relativ sein, sie vergeht eben doch. Der Sand rinnt, die Jahre reihen sich wie Perlen, aus dem Tag wird die Nacht, und aus der wird unausweichlich wieder ein neuer Tag.

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Mückendreck

In meinem Kinderzimmer gab es früher in einer Ecke ein Waschbecken. Es war himmelblau und hatte einen funktionierenden Wasserhahn. Fotos aus der Zeit wurden von Negativen gemacht und suggerieren aufgrund ihres spiegelverkehrten Abzugs, dort in der Ecke sei nie ein Waschbecken gewesen, aber heute Nacht erinnerte ich mich im Traum über eine zufällige Assoziationskette an seine Existenz.

Es sind immer die Kleinigkeiten aus der Kindheit, die man vergisst und die dann ganz grundlos irgendwo wieder hochschwimmen wie Leichen in einem Baggersee. Diese Kleinigkeiten ziehen weitere Erinnerungen nach sich, an die man sich lieber nicht erinnert hätte. Jedenfalls habe ich das Waschbecken kaum genutzt. Manchmal habe ich mir dort Wasser für meine Wasserfarben geholt, manchmal hielt ich mich daran fest, wenn ich meine heimlich in London gekauften Spitzenschuhe ausprobierte, meistens verkroch ich mich unter dem Waschbecken in einer Ecke, die vom Schrank verdeckt war, weil ich unbeobachtet sein wollte.

Gibt es überhaupt jemanden mit einer glücklichen Kindheit? Oder ist das immer die Zeit, in der wir die meisten schmerzhaften Erfahrungen machen müssen, um daran zu wachsen. Diese vergleichsweise kurze Zeit unseres Lebens, die den größten Teil davon auszumachen scheint und uns prägt wie keine andere Zeit im Leben. Die Weichen legt, die dann nicht mehr zu stellen sind. Und warum vergessen wir sie dann wieder, all diese Unsicherheiten und Peinlichkeiten, die große Not, all die Verletzungen und die Hilflosigkeit der Erkenntnis, in dieser Welt niemals genügen zu können.

Mir fiel nicht ein, das Waschbecken dafür zu nutzen, meine Zähne dort zu putzen oder mir das Gesicht zu waschen. Dafür begab ich mich morgens ins Badezimmer zum Löwen, der aufmerksamen Auges den Grad meines Wachseins überprüfte. Meistens entging ich der Prüfung und ließ das Zähneputzen ganz ausfallen. Diese Entscheidung hat sich in den kommenden Jahren furchtbar schmerzlich beim Zahnarzt gerächt.

Irgendwo las ich mal den Spruch, es sei nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Ich weiß nicht mehr genau wo, ich würde ihn spontan Coelho zuordnen, der hat des Öfteren solch sentimentalen Mist geschrieben. Das ist natürlich Quatsch, die Kindheit lässt sich nicht zurückdrehen. Ab einem gewissen Alter hat man dann einfach schon zu viel gesehen von der Welt, um noch an irgendetwas zu glauben. Trotzdem wünsche ich mir manchmal, an irgendeinem Punkt wieder neu einsteigen zu können. Und es dann alles anders zu sehen.

Es erscheint mir ungerecht, dass ausgerechnet die Zeit in unserem Leben, in der wir die wenigste Kontrolle darüber haben, wie wir sie verbringen wollen, in der wir dem meisten Druck von Außen bekommen und die meisten Beurteilungen, dass also ausgerechnet diese Zeit die prägendste in unserem Leben sein soll. Vom Kindergarten an bis zum Ende unserer Bildungslaufbahn sind wir unentwegt der Bewertung anderer Menschen ausgesetzt. Diese Menschen vergessen unsere Namen, haben keinen Einfluss mehr auf unsere Zukunft, sie sind nicht einmal mehr ein Teil davon, und trotzdem ist ihr Urteil so meinungsbildend für unser Selbstbild.

Was bleibt mir jetzt von dieser faden Erinnerung an das himmelblaue Waschbecken?

Vielleicht die Einsicht, dass die Kindheit des Chaosprinzen nun schon halb vorbei ist, und dass ich mich in der ersten Hälfte nicht sonderlich gut geschlagen habe. So ist das Leben, kann ich sagen und alles en detail rechtfertigen. Aber mein Gespür sagt mir, dass diese Rechtfertigungen allesamt nichtig sind und dass ich in einer Welt, in der der Chaosprinz unablässig beäugt, begutachtet, bewertet, korrigiert, geschult und genormt wird, nicht auch noch meine Ansprüche an ihn stellen muss. Der Chaosprinz ist so viel mehr alles, was ich mir jemals erhofft hatte. Er ist freundlich und gütig, schlau und mutig, ehrlich und gerecht. Er ist lustig und großzügig, vorurteilsfrei und selbst denkend, chaotisch und königlich. Er ist der Chaosprinz und er hat die ganze Welt unter seinen Füßen. Das einzige, was er dafür braucht, ist meine bedingungslos Liebe.

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Nachmittags

Die Tage ziehen mit den Wolken hinter das Siebengebirge, freundlich von der Frühlingssonne beschienen. Auf dem Gras leuchten die gelben Tupfer des Löwenzahns, nachts schließen sich ihre Blüten als würden sie schlafen. Der Chaosprinz ist mit der Suppenfreundin unterwegs und der Hund liegt neben dem Kater in der Sonne. Der Schneeball am Ende des Grundstücks steht in voller Pracht und ich stelle mir vor, wie es draußen jetzt überall duftet.

Nach dem Neurologen weigert sich nun auch die Hausärztin, die notwendigen Medikamente zu verschreiben, ohne mich vorher gesehen zu haben. Ich bin chronisch krank, die Erkrankung ist selten und in den vergangenen zehn Jahren hatte ich notgedrungen Gelegenheit und außerdem ausreichend Mühe, mein eigener Arzt zu werden. Na ja, sie wollen mich ja nur sehen. Von untersuchen war auch nicht die Rede. Ich überlege kurz zu antworten, entscheide aber dann, dass es vermutlich wenig Unterschied machen wird.

Für das Bloggen bleibt während der Ferien wenig Inhalt. Die nächsten Klassenarbeiten wurden angekündigt, Mathe und Englisch, direkt in der ersten Schulwoche. Der Chaosprinz hat mir dafür morgens eine halbe Stunde eingeräumt, den Rest des Tages möchte er anders verbringen und ich kann es ihm nicht verdenken. Während er sich Beschäftigung sucht und an einem Finanzkonzept für eine eigene Pizzeria bastelt, plant die Suppenfreundin die Outdooraktivitäten am Nachmittag.

Dann sitze ich hier wieder allein im Schachtelhaus zwischen Hund und Katze. Wie gern wäre ich mitgefahren, um ihm dabei zuzusehen, wie er Kopfsprünge vom Dreier macht oder für sein Bronzeabzeichen trainiert. Wie er Steine über das flache Wasser springen lässt, Containerschiffe zählt und dem Hund durch die Wiesen nachjagt. Wie gerne wäre ich mit dabei. Und wenn es nur für die Autofahrten wäre, in denen wir interessante Gespräche darüber führen, wer sich auf der Klassenfahrt in wen verliebt hat.

Ein anderes Bild als der immergleiche Blick, halb verdunkelt von der Rolllade, auf die von Unkraut bewachsenen Steine der Terrasse und einen Teil des zugewucherten Gartens. Den Wind auf der Haut spüren, den ich aus dem Fenster die Büsche bewegen sehe. Dem Zwitschern der Vögel zuhören, statt dem Arbeiten des Kühlschranks. Irgendwo anders unglücklich sein und Schmerzen haben, nur bitte, bitte nicht mehr hier.

Es ist seltsam: Menschen, die uns besuchen kamen, früher, heute kommt fast niemand mehr, aber früher, waren immer begeistert angetan vom Schachtelhaus. Vom weiten Blick über die frischen Felder auf die grünen Hügel des Siebengebirges. Den bodentiefen Fensterfronten, die so viel Licht reinlassen, dass man bei schönem Wetter um die Mittagszeit die Rollladen herunterlassen muss, um nicht geblendet zu sein. Das großzügige Raumkonzept, das fast ohne Türen auskommt und kaum einen Ort zum Rückzug lässt.
Was dem Einen das Paradies, kann dem Anderen zur Hölle werden.

Versprich mir, sagte der Chaosprinz heute, bevor er loszog, dass du dich ausruhen wirst, während wir weg sind.

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Nach dem Regen

Ich mag die Zwischenjahreszeiten vor allem für ihren Regen. Gestern schien die Sonne noch gegen das Schachtelhaus und wärmte es auf, heute fällt seit Stunden ein feiner Regenvorhang, so fein, dass man schon genau hinsehen muss, um ihn zu erkennen.

Eine beunruhigende Nachricht erreicht mich heute morgen aus dem weiteren Familienkreis. Dort steht eine Entschuldigung für das lange Schweigen und die Erklärung, die Lebensphase sei gerade furchtbar anstrengend. Genauer wollte man nicht werden und ich habe keine Lust zu raten. Also biete ich aus der Lameng meine Unterstützung an, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht.

Der Chaosprinz genießt unterdessen seine Ferien. Mit seinem besten Freund, dem Dschingis Khan des Nordens, ist er Tag für Tag von früh bis spät unterwegs, mal draußen, mal im Schwimmbad, mal im Kinderzimmer, wo sie aus Pappkartonresten und irgendwo aufgesammeltem Sperrmüll an neuen Konstruktionen basteln. Die Suppenfreundin ist ebenfalls viel unterwegs und hat eine Menge Arbeit, denn die meisten Aushilfen haben entweder schulpflichtige Kinder oder sind krank, und wir können uns nicht leisten, ein Arbeitsangebot auszuschlagen. Der Kater zieht sich von Couch zu Sessel und wieder zurück und auch der Hund mag keinen Regen und liegt lieber tagträumend im Körbchen. Ein ruhiger Tag.

Und trotzdem bringt jeder neue Tag neue Herausforderungen. Vor einigen Tagen brach der Siphon unter der Küchenspüle. Kurzfristig diskutierte man in der Familie, ob es nicht auch Klebeband täte, zumindest bis nach Ostern. Weil sich die Wasserlache aber bis ins Wohnzimmer zog, gab man genervt nach und hoffte, es möge nicht allzu teuer werden. Am Ende wurde es kein großes Drama, der Handwerker kam und ließ die Kirche im Dorf. Jetzt haben wir einen neuen Siphon und keine Wasserlache mehr. Wie gut, dass man sich im Vorfeld nicht entsetzlich darüber aufgeregt hat.

Alles in allem stelle ich fest, je älter ich werde, dass die meisten Dinge ihre Aufregung einfach nicht wert sind. Ich möchte dabei nicht wie der gemeine Kölner damit argumentieren, dass es doch immer noch gutgegangen hat, denn das hat es gar nicht immer. Trotzdem fand sich eine Lösung, wenn auch nicht die beste mögliche, aber das wurde uns vom Leben auch nicht versprochen. Und genau das antworte ich nun blind auf die Nachricht, denn es passt eigentlich zu jeder Lebenslage. Ich füge an, dass das vermutlich kein großer Trost ist.

Nun bin ich auch kein großer Experte im Trost spenden. Irgendwann auf dem Weg haben sich meine Troststeine im großen und kleinen Leid des Lebens einfach aufgebraucht wie eine Schachtel Würfelzucker. Geblieben sind ideologische Durchhalteparolen und die Erkenntnis, dass das Leid anderer Menschen oft schwerer zu wiegen scheint als das eigene. Eine Erklärung dafür habe ich noch nicht gefunden.

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Die Sonne strahlt auf das satte Grün des Rasens, die Frische des Regens liegt noch in der Luft. Die Suppenfreundin ist zurück und beschließt spontan, mit den Jungs den neu gebauten Kletterpark auszuprobieren. Es wird still im Haus, so still, dass man den Kühlschrank arbeiten hört.

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Hurra, der Chaosprinz ist wieder da!

Eines der vielen Ereignisse, auf die das Leben einen nicht vorbereitet, wenn man ein Kind hat, fand vergangene Woche von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt statt: Der Chaosprinz war zum ersten Mal auf Klassenfahrt. Jetzt ist er wieder da und mein Herz läuft über vor Dankbarkeit und Freude. Denn diese Stunden, in denen der Chaosprinz mit seiner Klasse unterwegs war, waren die längsten meines Lebens. Bisher.

Er sprudelt, der Chaosprinz. Erzählt von Nachtwanderungen und versunkenen Vulkanen, von der Mühe, seine Bettwäsche aufzuziehen und der Sturmwarnung, die das Stockbrotevent verdorben hat. Von der defekten Musikanlage, die bei jedem dritten Lied während der Kinderdisko einfach ausgefallen ist, und von seinem Mitbewohner, der ihn nicht hat schlafen lassen.

Und dann erzählt der Chaosprinz noch etwas anderes: Auf der Hinfahrt wies ihn eine Lehrerin an, seinen Rucksack zu übergeben. Sie kramte ihn komplett durch, holte die Sachen heraus und ließ dann ab: „Einpacken!“ Eine Entschuldigung erhielt er nicht.

Der Chaosprinz war nämlich auf der Hinfahrt unter Verdacht geraten, heimlich sein Handy auf die Klassenfahrt geschmuggelt zu haben. Weshalb, das weiß er auch nicht so genau. Er murmelte etwas von einer email, konnte aber den genauen Grund nicht wiedergeben. Offenbar hatte die Lehrerin ihn vorher gefragt, ob er sein Handy heimlich dabei hätte. Der Chaosprinz antwortete wahrheitsgemäß. Er besitzt nämlich noch gar keines. Seine Mutter ist ein blöder, völlig anachronistischer Dinosaurier, der findet, dass Grundschulkinder noch kein eigenes Handy brauchen. Ebenso wie keinen eigenen Computer, keine Spielkonsole, nicht einmal einen eigenen Fernseher im Zimmer. Ja, so scheiße ist seine Mutter.

Ich war außer mir vor Wut.
Zunächst einmal ist mir von Elternseite wohl bekannt, welche Kinder sich über das Verbot hinweggesetzt und ihre Handys trotzdem mitgenommen haben. Ich verurteile diese Eltern nicht. Wer, wenn nicht ich, könnte besser verstehen, wie schwer es ist, das eigene Kind zum ersten Mal fast ganze drei Tage loszulassen, ohne zumindest mal zu hören, wie es läuft. Ich selbst hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, ins Auto zu steigen und dem Chaosprinzen inkongnito nachzufahren, ist doch ein freies Land? Ich könnte doch rein zufällig – ? Nein! Tatsächlich habe ich tapfer diese Zeit in würdevoller Panik im Pyjama auf dem Sofa durchgestanden. Dafür bewundere ich mich jetzt noch nachträglich.

Desweiteren: Mit der Ankündigung der Klassenfahrt und der beigefügten Zahlungsaufforderung kam unter anderem eine lange Liste Vorgaben für die mitzubringenden Sachen. Ich habe alles auf einen Haufen gesammelt. Dann habe ich alles in den Koffer gepackt. Dann packte ich alles wieder aus und ließ den Chaosprinzen packen. Schließlich musste er wissen, wo seine Sachen sich befinden, nicht ich. Selbst wenn, das möchte ich hier ausdrücklich betonen, selbst wenn der Chaosprinz ein eigenes Handy besitzen würde, so hält er sich doch an Regeln. Und wenn nicht er, dann doch ganz sicherlich ich. Dafür bin ich schließlich verantwortlich.

Ich schluckte meine Wut hinunter, nachdem ich kurz im Netz recherchiert hatte, dass Lehrer überhaupt nicht befugt sind, in das Reisegepäck der Kinder zu schauen, selbst dann nicht, wenn ein berechtigter Verdacht vorliegt. Der Chaosprinz hatte in seiner Angst seinen Rucksack übergeben, ein Anwalt würde wohl von Machtmissbrauch über Schutzbefohlene sprechen, es lag aber keine konkrete Verweigerung von seiner Seite vor. Ich schrieb einen freundlichen Brief, in dem ich erfragte, wie der Chaosprinz denn überhaupt unter Handyverdacht geraten sei. Ich verkniff mir, die Lehrerin darauf hinzuweisen, dass sie wohl über die Hälfte aller Süßigkeiten, Colaflaschen, horrender Taschengeldsummen und nicht zuletzt mehr als ein Dutzend Handys einkassiert hätte, hätte sie mal in die Koffer der anderen Kinder geschaut, statt den Rucksack meines Kindes zu durchsuchen. Ich erlaubte mir nicht einmal die Bemerkung, dass es in der Regel doch immer genau die Kinder seien, von denen man gar nicht erwarte, dass sie die Regeln brechen, die die Regeln dann tatsächlich brechen. Wenn ich als ehemalige Schülerin das schon weiß, sollten Lehrerinnen das doch eigentlich auch wissen. Ich sprach auch nicht davon, wie demütigend es für den Chaosprinzen gewesen sein muss, dass nur sein Rucksack durchsucht worden ist. Oder wie beleidigend das für mich als Mutter ist. Denn J. hat Recht, wenn sie sagt, dass die Geschichte eigentlich nur für einen furchtbar demütigend ist, nämlich für die Lehrerin selbst.

Ich packe den Koffer des Chaosprinzen Stück für Stück aus. Alles darin ist feucht. Die Hälfte aller Socken fehlt, die andere passt nicht zusammen. An der Jeans klebt der Dreck. Ein Schuh ist im Rucksack, der andere im Koffer, aber immerhin sind beide da. Die Zahnbürste ist unangetastet. In einer Tüte befinden sich ein halbes Dutzend faustgroßer Sandsteine. Sie haben durch den Koffer gebröselt.

Alles in allem also genau so, wie ich es erwartet hatte. Der Chaosprinz war auf seiner ersten Klassenfahrt. Er war für sich selbst verantwortlich, musste Schwierigkeiten bewältigen, wurde unter Verdacht gestellt, hat spät abends Liebesbriefe unter der Tür des benachbarten Mädchenzimmers hindurchgeschoben, ist lange aufgeblieben und hat Gruselgeschichten mit seinem Zimmernachbar getauscht. Er hat sich sein Frühstück vom Büffet organisiert, seine Lunchbox allein bestückt, sich Getränke aus dem Automaten gezogen und abends über die schlechte Herbergsküche gemault. Er hat seiner Mutter und der Suppenfreundin sogar ein Geschenk mitgebracht. Und was für eins!

Die Mutter des Chaosprinzen war unterdessen stark genug, ihrem wundervollen Kind und dem Leben selbst zu vertrauen, und hat ihrem Chaosprinzen heiter eine fantastische Zeit gewünscht. Sie hat ihm unentwegt Mut gemacht und ihm eine Menge Spaß versprochen. Und sie hat heimlich nur ein ganz kleines bisschen geweint, als sie dem Chaosprinzen nachgewunken hat. Seine Mutter hat ihre übermächtige Panik immer wieder tapfer bezwungen wie eine Bärin, während sie über 52 Stunden hindurch auf ihren Sohn gewartet hat, die Uhr fest im Blick. Sie hat andere Mütter, die in ähnlicher Panik bei ihr anriefen, um zu hören, ob sie etwas gehört habe, beruhigt und ihnen gesagt, dass keine Nachrichten immer gute Nachrichten sind. Die Mutter des Chaosprinzen ist eine Heldin gewesen, die ihren Chaosprinzen nach der Ankunft in den Arm genommen und fast zwei ganze Stunden nicht mehr losgelassen hat. Und dabei hat sie dann bemerkt, dass der Chaosprinz in diesen Tagen ein ganzes Stück gewachsen ist.

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Gott und die Welt

Der Chaosprinz hat Stress mit seiner neuen Religionslehrerin. Er sagt, sie lasse sie in Religion immer nur nach Vordruck malen, während sie vorne irgend etwas über Gott und die Welt erzählt. Und tatsächlich finde ich in seinem Ranzen die immergleiche Friedenstaube, die er wahlweise mal bunt, mal gemustert und mal in Grautönen ausmalt. Manchen Friedenstauben hat er ein paar Gefährten dazu gemalt, andere lassen Nuklearbomben auf Hochhäuser fallen, von deren Dächern Strichmännchen mit Panzerabwehrraketen auf sie schießen.

Es ist anstrengend dieser Tage. Nächste Woche fährt der Chaosprinz zum ersten Mal für drei Tage auf Klassenfahrt. Als wäre das nicht ausreichend Grund zur Panik, sind bereits Wochen zuvor besondere Vorkehrungen dafür zu treffen. Während nun auch in Deutschland die Pandemiemaßnahmen zurückgefahren werden und in den Schulen keine Maskenpflicht mehr gilt, haben sie die vierten Klassen dazu verdonnert, sich eine Woche vor der Klassenfahrt jeden Tag im Bürgertestzentrum testen zu lassen. Das Testergebnis ist auszudrucken und dem Kind am Folgetag mitzugeben. Ein Wunder, dass es im Land der dreifach ausgefertigten Bürokratie nicht schon viel früher zu Papierknappheit gekommen ist.

Wie heißt deine Religionslehrerin denn, frage ich den Chaosprinzen und denke, vielleicht sollte ich mal mit ihr sprechen. Ihr sagen, dass das Ausmalen von Friedenstaubenausdrucken kein Religionsunterricht ist. Dass man auch Kindern schon mit Ernsthaftigkeit und Begeisterung die Geschichte von Gottes Sohn erzählen kann. Ich könnte ihr sogar Tipps zur Unterrichtsgestaltung geben, nach dem Hausunterricht während der Pandemie, in dem ich mehr Lehrerin als Mutter war, kenne ich mich mittlerweile in der Materie richtig gut aus. Keine Ahnung, sagt der Chaosprinz, ich höre ihr so gut wie nie zu.

Nachts in meinen Träumen bin ich immer öfter wieder ein Schulkind. In den Achtzigern herrscht Kalter Krieg, trotzdem fühle ich mich sicher hinter den Mauern des Klosters auf dem niedrigen Dach, auf dem wir mit den Schwestern Ball spielen. Die Menschen, die ich treffe, sind größer als ich und ich muss den Kopf in den Nacken legen, um in ihre Gesichter zu schauen. Alle Frauen sind Mütter und alle Männer Väter. Meine Lehrer sind wohlwollend und gerecht, sie bemühen sich darum, dass ich verstehe, aber die meiste Zeit weiß ich nicht so genau, was ich da eigentlich tue. Namen kann ich mir schon gar nicht merken.

Ich versuche, zu vermitteln. Na ja, sage ich dem Chaosprinzen, Religionslehrerinnen an der Grundschule, du weißt schon. Das darfst du gar nicht so ernst nehmen, das tun sie nämlich auch nicht. Die sind seltsamerweise in jeder Grundschule gleich. Die sehen sich sogar alle irgendwie ähnlich, kein Wunder also, wenn du dir ihren Namen nicht merken kannst. Und beim nächste Mal, wenn sie dich wegen irgendetwas anranzt, erinnerst du sie daran, dass du orthodoxen Bekenntnisses bist. Das sollte helfen.

In Disenchantment, einer Comicserie, die der Chaosprinz und ich gemeinsam verfolgen, sagten sie einmal, Gott würde nur jedes 25. Gebet erhören. Wir haben darüber gelacht, aber genaugenommen würde das vieles erklären. Ich habe jetzt keine Lust, das zu berechnen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass vor dem Hintergrund unseres Bevölkerungswachstums und des zunehmenden Leids auf diesem Planeten rein stochastisch ein Mensch also sein ganzes Leben lang durchbeten könnte, ohne dass ein einziges Gebet von ihm erhört würde.

Bezüglich seiner Religionslehrerin bleibt der Chaosprinz heute morgen uneinsichtig. Er kann nicht verstehen, dass „erwachsen“ nur eine Frage des biologischen Alters ist und nichts über die persönliche Menschwerdung des einzelnen aussagt. Seiner Ansicht nach dürfen Ungerechtigkeit, Lügen und Ausfälle in der Welt der Erwachsenen gar nicht mehr vorkommen. Er stellt sich das alles anders vor, aber in Wahrheit ist die Welt der Erwachsenen oft auch nur Kindergarten. Es ist nur nicht sozial akzeptiert, darüber zu reden, also thematisiere ich es nicht. Stattdessen einigen wir uns an diesem Morgen darauf, dass er seine Religionslehrerin zukünftig einfach freundlich anlächelt, wenn sie ihm etwas sagt. Sollte sie zwingend eine Antwort von ihm erwarten, so passt „Das ist schön!“ eigentlich für die meisten Gelegenheiten.

Bevor mir die heutige Zeit zum Schreiben ausläuft, muss ich aber dringend noch eine Lanze für die Schule brechen und erwähnen, wie toll die Klassenlehrerin des Chaosprinzen ist. Nach drei Jahren bei einer Lehrerin, die ich gar nicht erst mit Menschen arbeiten lassen würde, habe ich Anfang der vierten Klasse endlich einen Klassenwechsel erreicht und das war ein absoluter Glücksfall, trotz dämlicher Religionslehrerin. Die Klassenlehrerin des Chaosprinzen ist wohlwollend und gerecht, sie ist in ihrer Menschwerdung erwachsen geworden. Seitdem läuft es für den Chaosprinzen und mich deutlich entspannter mit Schule. Vielleicht hat Gott meine Gebete ja doch erhört.

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