45 Tage

Fast wäre der Hund gestern im Gartenteich ertrunken, weil sich die Schleppleine im Busch verfangen hatte. Die Suppenfreundin sprang hinterher und löste das Halsband. Der nasse Hund rubbelt sich am Sofabezug das Fell trocken, bevor er sich mehrfach den Schock aus dem Leib schüttelt.

Und überhaupt war der ganze Tag gestern einer zum Ertrinken. Der Chaosprinz hat montags prinzipiell keine Lust zum Aufstehen. An allen anderen Wochentagen auch nicht, um einem falschen Eindruck vorzubeugen. Die Suppenfreundin hetzt durch den Tag, wie an jedem anderen. Der Hund jagt die Katze, Treppauf, Treppab. Und ich hocke zwischen dem Chaos vor einer Tasse erkaltetem Kaffee und starre ins Nichts, immer in der Hoffnung, es möge sich endlich, endlich, nach so langen Jahren, das Tor in eine andere Dimension auftun, durch das ich schlüpfen und dieser hier entkommen könnte. Aber auch heute bleibt das Nichts einfach nur das Nichts.

Aus der Schule zurück erklärt der Chaosprinz gestern, die Klasse habe heute den Sachkundetest wiederbekommen, alle, nur er nicht. Auf seine Nachfrage teilte ihm die Lehrerin mit, sein Test sei verschwunden. Verschwunden.

Ich reiße ihm die Maske vom blassen Gesicht. Eigentlich hatten wir vereinbart, dass er ab jetzt mit dem Wegfall der Maskenpflicht in Schulen keine mehr trägt. Denn der Chaosprinz vergisst öfter zu trinken und bekommt dann Kopfschmerzen. Weshalb also immer noch die Maske? Der Chaosprinz erklärt, seine Klassenlehrerin habe ihm gesagt, seine Mutter sei doch so krank, er solle die Maske wieder aufsetzen. Schließlich wolle doch niemand, dass seine Mutter noch kränker werde.

Es ist nicht die erste Klassenarbeit, die verschwindet. Nach der dritten Klasse, die der Chaosprinz ausschließlich im Distanzunterricht verbracht hatte, verlangte ich eine Revision des Zeugnisses. Es war mir nicht einleuchtend, dass er in allen schriftlichen Überprüfungen, zu denen er in die Schule fahren musste, zwischen Eins und Zwei stand, alle Hausaufgaben und Zusatzaufgaben ordentlich erledigt und hochgeladen hatte, und trotzdem auf dem Zeugnis eine Drei bekam. Womit wollte man das rechtfertigen? Mit fehlender mündlicher Mitarbeit, teilte die Schule mit. Ich antwortete, dass der Chaosprinz ja aufgrund der Pandemie und meiner gesundheitlichen Situation gar nicht im Unterricht anwesend war. Konnte man ihm dafür eine Sechs in mündlicher Mitarbeit geben? Man versprach, in die schriftlichen Überprüfungen zu schauen. Eine Woche später teilte man mir mit, das sei nicht möglich, da die Mappe mit seinen schriftlichen Überprüfungen nicht aufzufinden sei. Auf dem Zeugnis blieb es bei den Dreien.

Die Maskenpflicht an den Schulen ist also seit den Osterferien freiwillig. Freiwillig scheint ein sehr dehnbarer Begriff zu sein. Der Chaosprinz, der seit er schreiben kann, auf jeden Wunschzettel an den Weihnachtsmann die kurze Nachricht hinterlässt, er möge seine Mama wieder gesund machen. Der Chaosprinz, der zu jedem Neujahr auf seine Wunschliste für das Neue Jahr schreibt, er wünsche sich, dass seine Mutter wieder gesund wird. Der Chaosprinz, der auf die Frage, ob er Angst habe, antwortet, seine Ängste um mich könne er gar nicht beschreiben. Mein Kind also zieht seine Maske wieder auf. Ganz freiwillig natürlich, obwohl wir wissen, dass Masken nicht schützen. Schon gar nicht, wenn in den Schulen nicht mehr getestet wird. Man möchte brechen.

Bezüglich seiner Rucksackdurchsuchung auf der Klassenfahrt teilte die Klassenlehrerin ungegenständlich mit, dass nicht jedes Kind sich an Regeln halte und eine Kontrolle deshalb manchmal notwendig sei. Es sei für den Chaosprinzen aber doch gut ausgegangen, denn es wurde ja nichts bei ihm gefunden. Das beantwortet natürlich meine Frage nicht, weshalb denn nur der Chaosprinz durchsucht wurde, und verstößt überdies auch gegen geltendes Schulrecht, aber ich habe mir ausgerechnet, dass es bis zur weiterführenden Schule noch genau 45 Schultage sind. Und nun setze ich alles daran, diese zu überleben.

Heute schreibt der Chaosprinz eine Mathearbeit. Dafür hätte er gestern noch einmal üben sollen. Der Chaosprinz hatte keinen Bock zu üben. Zum einen, weil ihm Division zur Nase rauskommt. Zum anderen, weil seine Klassenarbeit ja jederzeit wieder verschwinden könnte, sollte sie zu gut ausgefallen sein.

Was wir in der Grundschule alles erleben mussten, ist schon mehrere Dienstaufsichtsbeschwerden wert. Nun weiß man ja, dass solche überhaupt keine Aussicht auf Erfolg haben. An jeder Ecke fehlt es an Lehrern, würde man alle unfähigen entlassen, ließe sich die Schulpflicht nicht mehr aufrecht erhalten. Schon jetzt fallen Stunden aus, werden die Kinder an Selbstlernhefte gesetzt oder auf andere Klassen aufgeteilt, wo sie sich dann eine Schulstunde lang langweilen dürfen. Schulen gleichen immer mehr Materialausgabelagern, gelernt wird ohnehin zu Hause. Das wäre für uns auch absolut in Ordnung. In einer ruhigen Umgebung zu Hause verringern sich nicht nur die Fehler, es ändert sich sogar das Schriftbild.

Nach dem Sommer wechselt der Chaosprinz auf die weiterführende Schule. Sie hat einen recht guten Ruf, ich hoffe also auf Veränderung. Ich hoffe aber auch, mich dort auf etwas transparenterem Terrain wiederzufinden. In der Grundschule haben manche Kinder während der Coronazeit von acht Klassenarbeiten vier gar nicht mehr nachschreiben müssen, sie bekamen auch so eine gute Note. Das nennt man Ermessensspielraum der Lehrer. Ein unglaublich weit gefasster. Denn der Chaosprinz schrieb unterdessen an einem Einzeltisch im Nebenraum in einer Schulstunde zwei Klassenarbeiten nach. Weil er mit Mathe zu schnell fertig war, schob man ihm die Deutscharbeit gleich hinterher. Beide Arbeiten Eins. Auf dem Zeugnis stand eine Drei.

Gedanklich sollte ich mich mit der Schule gar nicht so viel beschäftigen. Denn das gibt nur Ärger und einen hohen Blutdruck. Es ist auch gar nicht nötig, denn ich habe ein sehr kluges Kind, das sich trotz vier Jahre Erniedrigung, Abwertung und Schikane immer noch vor seine Schulbücher setzt. Wäre man mir in der vierten Klasse mit Selbstlernheften gekommen, hätte ich sie in der Regentonne hinterm Haus versenkt.

Mein Entsetzen und meine Hilflosigkeit bezüglich Schule bekomme ich aber einfach nicht in den Griff.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “45 Tage

  1. Es ist pure Verzweiflung, wirklich. Wenn ihn nicht einmal das Gesetz vor der Willkür und dem Fehlverhalten des Lehrpersonals schützen kann, wie soll ich das dann können?
    Schreib doch mal wieder, meertau…bald ist schon wieder Weihnachten 😉

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  2. man möchte zur kalashnikov greifen….. und blumen für die schreibkunst, die wieder so genial auf den punkt bringt und gleichzeitig erheitert und erbost!

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  3. ich drücke alle Daumen, dass es auf der weiterführenden Schule besser wird. Alles steht und fällt ja immer den jeweiligen Lehrpersonen, und von denen gibt es gute auf schlechten Schulen und schlechte auf guten Schulen.

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  4. Ouuumannn….! Heftig. Da kann man nur hoffen…und gut, dass der Hund nicht ertrunken ist!

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