Monatsarchiv: Mai 2022

Wertereset

Über die Tage habe ich immer wieder am Laptop gesessen und getippt. Ich wollte einen bedeutsamen Blogeintrag schreiben, jetzt sind etwa sechs Entwürfe in den virtuellen Papierkorb geflogen. Denn irgendwie komme ich in keinem so richtig zum Punkt. Und bedeutsam ist das alles ohnehin nur für mich.

Kriegst du eigentlich Geld dafür, fragt der Chaosprinz, oder machst du das einfach so?
Ich versuche zu erklären: Für mich ist es ein Hobby, sage ich, es gibt aber auch Menschen, die damit ihr Geld verdienen. Die schreiben dann für Zeitungen oder Magazine oder auch Bücher.
Und wie viel verdient man so damit?, fragt er weiter.
Das wird meist pro Wort bezahlt, sage ich, aber viel ist es nicht.
Und wenn alle Wörter richtig geschrieben sind?, fragt er.

Man muss in einem Blog auch nicht unbedingt zum Punkt kommen. Meiner ist da eher ein Sammelbecken für Gedanken und Gefühle, ein Tagebuch des Alltags, ein unvollendetes Manifest meines Daseins. Dabei erklärt es mir oft etwas, was ich schon längst über mich wusste, aber noch nie in Worte gefasst hatte. Das macht es vielleicht aus, sich immer wieder aufs Neue vor die leere Blogmaske zu setzen und von den eigenen Gedanken überraschen zu lassen. Eine Nachlese alter Blogeinträge mache ich aus Zeitgründen viel zu selten. Ich wäre sicher noch überraschter, was ich vor einigen Jahren noch so alles gedacht habe.

Beim Lesen in Nachbarblogs stolpere ich über die Manifeste anderer Leben, manchmal ganz nah dran, manchmal lieber in angemessenem Abstand. Viele Anregungen, die mich fragen, wie ich das sehe. Meine Meinung drängt sich mir geradezu auf, dagegen kann ich nichts machen, ich bilde mir meistens ganz automatisch eine Meinung, selbst zu Angelegenheiten, zu denen ich eigentlich nichts zu sagen hätten. Dabei sind es selten die ganz großen Themen, sondern mehr die kleinen Gedanken dazu, solche, die ich selbst gern in Nebensätzen verstecke. Andere schreiben sie in Hauptsätzen und manchmal finde ich das in seiner unmaskierten Ehrlichkeit fast schon obszön. Oft bin ich voller Bewunderung, fast schon neidisch, denn laute Hauptsätze kann ich nicht.

Eine starke Geschichte braucht eine starke Sprache, denke ich dann manchmal. Klare Worte in Hauptsätzen ohne Nebensatz. Keine Ablenkung vom Wesentlichen, keine Andeutungen, denn die sind viel zu schwer zu verstehen. Nur so, denke ich, kommt die Botschaft klar an, auch wenn sie schon hundertmal gehört wurde, ein hunderterstes Mal erreichst du nur, wenn du den Empfänger förmlich anschreist. Starke Hauptsätze benennen die großen Gefühle, plakative Metaphern fügen sich zur wortgewaltigen Collage, und dann erscheint eine bekannte Geschichte in neuem Licht. Und erfährt Wahrnehmung. Soweit die Theorie.

Gibt es denn eigentlich irgend etwas, was noch nicht gedacht wurde? fragt der Chaosprinz heute am Frühstückstisch. Es gibt uns jetzt über 5000 Jahre und alles, was ich mir ausdenke, das wurde schon mal gedacht. Frustriert bleibt er unter diesem Gedanken hocken. Der Chaosprinz ist ein Künstler in großen Gedanken. Unablässig durchkämmt seine Inspiration das weite Feld der Ausdrucksmöglichkeiten. Er bringt seine Sicht auf die Welt mit einer Leichtigkeit ins Leben, die mich manchmal denken lässt, ich müsse das doch irgendwie fördern. Dabei ist für ihn und seine Generation alles noch so neu. Wie ein Schwamm nimmt er die Welt auf, verwertet das Erleben und spuckt es dann in hohem Bogen freudig in die Luft. Der Chaosprinz hört sich in Filmen und Büchern mit Begeisterung Geschichten über die großen Themen unseres Daseins an und erzählt mir dann, was er darüber erfahren hat, während ich die Mythen des Lebens meist gähnend mit dem Finger fortwische. In ungezählten Variationen zu oft gehört. Irgendwann mit zunehmendem Alter kann mich da einfach nichts mehr überraschen.

Braucht eine starke Geschichte wirklich laute Hauptsätze? Muss alles, was zur Kunst wird, auch verstanden werden? Irgendwo las ich kürzlich, dass Kunst heute versucht, die Perzeption ihres Betrachters zu antizipieren und sich bei diesem Versuch an der Mainstreammasse orientiert. Will man seine Kunst verkaufen, setzt man lieber auf Sicherheit, und damit stellt sich nicht mehr die Frage, wie das Kunstwerk als solches angenommen und nach welchen Kriterien es betrachtet werden sollte, sondern vielmehr, nach welchen es betrachtet werden könnte. Damit büßt die Kunst als solche einen Großteil ihrer Fähigkeiten ein – zugunsten des vermeintlichen Tugendterrors einer politisch korrekten Gesellschaft. Das ist furchtbar traurig und erschreckend zugleich, verhält es sich mit der Kunst also heute wie im Medianwählertheorem, um einer möglichen öffentlichen Ächtung zu entgehen.

Um es auf den Punkt zu bringen, obwohl ich nach wie vor finde, ich müsse hier gar nichts auf den Punkt bringen: Für Kunst braucht es manchmal eine Menge Mut und Großes entsteht dabei ganz zufällig. Oft aus Nebensätzen, einem Versuch, den man wieder ausradiert, weil er dem eigenen Anspruch nicht genügt. Der Chaosprinz macht sich keine Gedanken darüber, wie seine Kunst erfahren wird. Er schafft sein Werk ganz unabhängig von einem Blick auf den Betrachter aus den Augen eines Kindes, das sich völlig frei von gesellschaftlichen Konventionen oder Verkaufsmöglichkeiten über das Leben wundert, in dem es gelandet ist. Daraus entsteht ein Kunstwerk, das einen Blick aus seinen Augen erlaubt, auf eine Welt, von der man geglaubt hatte, sie könne einen mit gar nichts mehr überraschen.

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Stressige Zeiten

Manchmal frage ich mich am Ende einer Woche, wie wir das eigentlich alles hinbekommen. Den Wahnsinn, der aus der Schule kommt, den Wahnsinn, der aus dem Alltag kommt, den Wahnsinn, den wir dann auch noch zu Hause haben. Im Augenblick drückt sich das alles gleichzeitig in unser Leben. Und so verbringe ich meinen Morgen wieder einmal im Homeoffice. In meiner Funktion als Assistentin meines Schulkindes beantworte ich E-mails, lege Termine um und suche Selbstlernwebsites auf. Ich ordne den Papierkram von den gestrigen Hausaufgaben, fülle Evaluationsbögen der Grundschule aus, arbeite die Materialliste fürs neue Schuljahr ab und plane die Stoffwiederholung für die morgige Klassenarbeit.

Irgendwann muss ich das Papier aus der Hand legen und zu meinem Zweitjob hetzen. Als Mutter mache ich jetzt die Betten, koche das Mittagessen, räume die Flächen frei und die leeren Pizzakartons aus dem Zimmer. Wenn der Chaosprinz aus der Schule kommt, essen wir zu Mittag, dann beginnt mein Aushilfsjob als Lehrerin. Wir sichten zusammen alle neuen Unterlagen, machen eine Umfrage zum Thema „Rauchen“ mit dem Nachbarn, versuchen, die Elemente eines förmlichen Briefes herauszuarbeiten und üben schließlich noch das Kopfrechnen. Am Nachmittag packen wir seine Tasche für den Campingausflug am Wochenende.

Manchmal frage ich mich, wie das alles in ein Leben passt. Dann versuche ich inne zu halten und bewusst zu atmen. Einatmen: acht Klassenarbeiten in einem Monat, Ausatmen: was auch immer er schreibt, der Schulplatz ist schon zugeteilt. Einatmen: Am Wochenende will die Klasse campen gehen und der Chaosprinz will unbedingt mit, Ausatmen: S. kann uns eine Isomatte leihen. Einatmen: was für ein völliger Irrsinn um mich herum, Ausatmen: das kriege ich alles schon irgendwie hin.

Ich bin eine Hausfrau. Manchmal langweilt mich dieser Zustand heftig und mir fehlt jede intellektuelle Herausforderung. Dann will ich einen ordentlichen Beruf, in dem ich für ein paar Stunden das Schachtelhaus gedanklich verlassen und mich irgendwelchen, völlig unwichtigen Wirtschaftsanalysen widmen kann. Blöde Daten auswerten, die keinen Hund interessieren, damit ich sie hernach in sauber beschriftete Ordner heften kann, in die niemand mehr reinguckt. Das klingt irgendwie befriedigend.
Ich bin aber nur Hausfrau. Ich sorge dafür, dass der Chaosprinz kein weiterer Stein in der eintönigen Mauer des modernen Pyramidenbaus wird. Dass die finite Fremdbetreuung seine Kreativität nicht völlig erstickt und die gesellschaftliche Zwangsnorm ihm nicht mehr Schaden zufügt als unvermeidbar ist. Das ist mein Job. Als Personal Trainer eines Chaosprinzen bemühe ich mich darum, nicht die gleichen Fehler zu machen wie meine Mutter. Ich mache dafür andere, das lässt sich nicht ändern.

Die Freude auf die Sommerferien steigt derzeit mit jedem Tag. Nicht, weil wir irgend etwas besonderes vorhätten. Auch dieses Jahr ist an Urlaub gar nicht zu denken. Aber wir haben uns fest vorgenommen, uns nichts weiter vorzunehmen. Wir erteilen den Alltagspflichten einfach eine Absage, denn das haben wir uns wirklich verdient. Wir hätten uns noch so viel mehr verdient, aber das Leben ist nun mal nicht gerecht. Und auch das lässt sich leider nicht ändern.

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Tagesthemen

Pädagogischer Ganztag nennen die Lehrerinnen und Lehrer den unterrichtsfreien Tag heute, an dem die immergleichen Fragen diskutiert werden sollen. Auf der Agenda steht wie in den letzten vier Jahren das Thema „digitale Schule“ – weit scheinen sie damit nicht gekommen zu sein. Vermutlich treffen sich die Pädagogen vormittags in der Schule und genießen einen Schüler freien Tag bei Kaffee und Brunch.
Für den Chaosprinzen sind solche Tage nicht unterrichtsfrei, er muss Hausaufgaben machen, nur ohne vorangegangenen Unterricht. Das ist in einer Schule, die auf Selbstlernhefte und Arbeitsblätter statt auf ordnungsgemäßen Unterricht setzt, ohnehin die Regel. Morgen schreibt er dann über das, was er heute lernen sollte, eine Lernerfolgskontrolle. Er pfeift drauf und geht lieber schwimmen. Ich habe keine validen Gegenargumente und packe das Mittagessen in seinen Rucksack.

Ganz traditionell beginnt heute auch unsere persönliche Eurovisionswoche. In dieser Woche finden am Dienstag und am Donnerstag die beiden Halbfinale des Songcontests statt, am Samstagabend dann das Finale. Ich bin ein Fan, seit ich denken kann. Nicht nur des ESC, sondern der Idee, die hinter dem Konzept steht. Geografisch zufällig zusammengekommen bilden wir einen Kontinent, der aus vielen einzelnen, wunderbaren Nationen besteht. Der Gedanke hinter den römischen Verträgen war, Grenzen zu überwinden und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu schaffen, in dem die nationalen Eigenheiten respektiert werden. Auch wenn sich diese Utopie zerschlagen hat, Europa vom Brüsseler Wasserkopf reichlich desillusioniert wurde und trotz aller Bemühungen wieder einmal Krieg in Europa herrscht, auch dieses Jahr kommen die Länder Europas zusammen, um in einem Liederwettbewerb den einen europäischen Song zu wählen. Jenseits aller nationalen oder anderer Vorurteile geht es hier um ganz unterschiedliche Unterhaltung aus vierzig Nationen. Und wir sind mit großem Eifer dabei, hören uns die Favoriten an, bilden uns selbst eine Meinung und drücken unseren eigenen Favoriten fest beide Daumen und Zehen.

Es sind heute auch genau 21 Jahre, seit mein Vater starb. Es war ein warmer Frühlingstag und ich hatte Erdbeeren für ihn mitgebracht. Eigentlich wollte ich nur kurz reinschauen wie jeden Tag und dann weiter zur Vorlesung fahren, aber dann nahmen die Dinge ihren dynamischen Lauf und ich blieb. Die letzten Stunden meines Vaters hatten sie ihn mit Morphium komplett weggeschaltet. Hilflos saß ich am Bettrand des großen, starken Mannes, den ich meine ganze Jugend durch nur sporadisch getroffen hatte, und der mir deshalb fremd geworden war. Seine neue Familie war nach Hause gefahren, um sich frisch zu machen und Wäsche für die Nacht zu holen, als die Atmung meines Vaters aussetzte. Zwei Ärzte und zwei Schwestern standen in gebührendem Abstand in der Tür des Zimmers, während mein Vater sich aufbäumte, die Augen aufriss und angestrengt in die Ferne starrte. Als er wieder in die Kissen zurücksank, war er tot. Draußen fuhr ein Bus vorbei. Ich drehte mich fragend zu den Ärzten um, sie nickten. Der Tod ist eben manchmal der beste Kollege des Arztes.
Ich ließ die Erdbeeren an der Garderobe des Krankenhauszimmers hängen und floh, bevor die neue Familie wieder zurück war. Seitdem habe ich nie wieder Erdbeeren gekauft.

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Kreative Kinder

Der Samstagmorgen hat seine ganz eigene Qualität. Aus der Woche heraus, aus fünf Tagen frühem Aufstehen, Morgenhetze, Hausaufgabenstress und Arbeitsvorbereitungen stolpere ich in einen freien Tag, als hätte ich ihn nicht erwartet. Heute wäre ein Ausschlafen zwar möglich, aber spätestens um halb Acht wirft der Biorhythmus uns kollektiv den Motor an. Gewohntermaßen ist der Dischingis Khan des Nordens schon am Freitag Nachmittag im Schachtelhaus angekommen und hat sich im Kinderzimmer beim Chaosprinzen eingerichtet. Die beiden Jungs haben an Wochenenden viel vor und wir Erwachsenen würden mit unseren eigenen Plänen nur stören. Wir beschränken uns an Wochenenden also darauf, sie nicht völlig verdrecken oder verhungern zu lassen, und ziehen die Notbremse, wenn mal wieder zu viel Bildschirmzeit und zu wenig Frischluft drohen. Irgendwo dazwischen werden die Hausaufgaben gefertigt, denn diese Pflicht muss auch am Wochenende sein.

Heute Morgen geselle ich mich bei einer Tasse Billigkaffee zur Suppenfreundin ins Separee. Dort bleiben wir, bis ihr Magen die Jungs daran erinnert, dass sie etwas zu essen brauchen. Im Separee wälzen wir die Woche, bis sie so flach wird wie ein Pizzateig. All die unausgesprochenen Dinge, zu denen man im Alltag nicht kommt, finden Samstag morgens ihren Platz. Das kann manchmal richtig umfangreich sein, denn meistens wechseln wir schnell von der Woche aufs Stöckchen.

Gestern hat der Chaosprinz eine Installation für seine momentane Lieblingskünstlerin gebastelt. Durch Zufall stellte sich heraus, dass meine Schwester sie persönlich kennt, und ich bat sie, ein Foto des Werks an sie weiterzuleiten. Sie zeigte sich begeistert und kurze Zeit später fand das Foto sich auf ihrer Website wieder. Der Chaosprinz freute sich grenzenlos darüber und mit ihm natürlich auch wir.
Es dauerte nicht lange, da hatten auch andere Verwandte das Bild gesehen und gratulierten dem Chaosprinzen zu seinem Erfolg. Viele Telefonate also gestern, die dem Chaosprinzen galten, die dann aber früher oder später doch von mir geführt wurden. Man gratulierte mir zum kreativen Kind, während dieses im Garten ausprobierte, ob es wohl zweckmäßig sei, verblühte Löwenzahnblüten in den Mund zu stecken, bevor man pustet, und dabei selbstredend einen heftigen Hustenanfall bekam.

Ein kreatives Kind kann furchtbar anstrengend sein. Getrieben von einer Mischung aus natürlicher Neugierde und dem konsequenten Leugnen universeller Gesetzmäßigkeiten probiert es sich bis an die Grenzen aus, sucht nach Antworten auf Fragen, die so fantastisch sind, dass man sie überhaupt nicht erst stellen würde, und setzt die außergewöhnlichsten Gedanken mit der unerschöpflichen Energie, die nur Kindern zur Verfügung steht, ohne eingehende Planung in die widersinnigste Tat um. Ein kreatives Kind ist die größte Herausforderung für seine Eltern.

Vor etlichen Jahren, als im Siebengebirge ausnahmsweise einmal Schnee gefallen und liegengeblieben war und ich noch zum Spazierengehen hinausging, lief ich einmal auf einem Feld hinter dem Haus dem kleinen Chaosprinzen nach und versuchte, ihn davon abzuhalten, sich Händeweise Schnee in den Mund zu stecken. Eine ältere Dame, die mit ihrem Jack Russel an der Leine spazieren ging, berührte mich sanft am Arm, so dass ich erstaunt herumfuhr. Sagen Sie, fragte sie mich, wissen Sie eigentlich, wie frisch gefallener Schnee schmeckt? Ich suchte kurz in meinen Erinnerungen und nickte dann mit unverhohlenem Unverständnis im Blick. Und jetzt, sagte die Dame, überlegen Sie mal, woher Sie das wissen.

Es ist wunderbar, ein kreatives Kind zu haben. Die meisten Kinder haben ihre Kreativität zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits im Kindergarten zugunsten von erwünschtem, weil leicht zu lenkendem Verhalten eingebüßt. Was man alles tut und vor allem, was man auf gar keinen Fall tun darf, weil es ein endloses Chaos verursachen könnte, das für Erwachsene dann wieder in endloser Arbeit mündet, wird von Kindern früh erlernt. Als der Chaosprinz zu essen begann, haben wir auf das Füttern vollständig verzichtet. Nach den ersten Versuchen, bei denen die Küche einer unvorstellbaren Essensschlacht zum Opfer gefallen war und wir den Brei aus allen Ritzen und Ecken kratzen mussten, setzten wir den Chaosprinzen fortan zum Essen nackt bis auf die Windel in ein aufgeblasenes Planschbecken, das wir hinterher im Garten einfach mit dem Schlauch abspritzen konnten. Später im Kindergarten erhielt er dann von der Kindergärtnerin den ersten Preis für die besten Tischmanieren.

Seltsam, wie wenig wir von den Reglementierungen, die wir unseren Kindern bedenkenlos auferlegen, für uns selbst akzeptieren würden. Unseren Kindern muten wir zu, vielmehr erwarten wir sogar freimütig von ihnen, sich an die von uns aufgestellten Regeln zu halten, die manchmal nicht einmal wir, geschweige denn sie überhaupt kognitiv erklären können. Soziale Akzeptanz ist keine Rechtfertigung für geistlose Regeln. Diese Haltung macht mich jetzt bei weitem nicht so entschieden zu einem Gegner des Behaviorismus, wie es eventuell klingen mag. Vielmehr bin ich sehr wohl zu überzeugen von operanter Konditionierung, wenn die Mittel zum Zweck in ihrer Wahl frei bleiben dürfen.

Der Dame mit dem Jack Russel im Schnee bin ich meinen Dank bis heute schuldig geblieben, denn ich habe sie nie wieder gesehen. Damals habe ich viel von dem losgelassen, von dem ich glaubte, es unbedingt durchsetzen zu müssen, und der Chaosprinz erhielt seinen hier verwendeten Spitznamen.
Denn er ist tatsächlich der Prinz seiner eigenen chaotischen, kosmischen Ordnung. Er sucht sich seinen Weg durch den Schneesturm seiner Zukunft. Sein kreatives Denken ist dabei das göttliche Geschenk, das uns zum Zeitpunkt unserer Geburt allen gemacht wird, und das es von uns Erwachsenen für unsere Kinder zu verteidigen gilt, jenseits gesetzter Konventionen einer Gesellschaft, die im ewigen Wandel der Zeiten ohnehin nicht mit Bestimmtheit sagen kann, wohin sie sich bewegt.

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Exzentrischer Egozentrismus

Schreib doch nicht immer nur über dich selbst, findet die Suppenfreundin beim Frühstück heute morgen. Immer schreibst du nur über dein Leben und den Chaosprinzen, das wirkt irgendwie reichlich egozentrisch.
Ich schreibe aber doch auch über dich, antworte ich, reicht dir das vielleicht nicht? Möchtest du mehr Erwähnung im Blog?
So meine ich das nicht, sagt die Suppenfreundin düpiert, ich finde nur, du hättest so viel, über das du schreiben könntest, aber du schreibst immer nur über dich selbst.

Egozentrismus, so belehrt mich das Lexikon, ist eine kindlich-kognitive Geisteshaltung, die davon ausgeht, dass der subjektiven Sicht ein objektiver Status zukommt. Abgesehen davon, dass Definitionen die Dinge immer so schön präzise auf den Punkt zu bringen verstehen, klingt mir diese Sicht auf die Welt und auf sich selbst in ihr zunächst einmal sehr gesund. Ein Mensch kann nur aus seiner Mitte berichten, wenn es authentisch werden soll. In den Schuhen eines anderen kann man nicht laufen, durch dessen Augen nicht sehen. Nicht umsonst steht in jedem, jemals publizierten Schreibratgeber, man soll über das schreiben, was man kennt.

Eigentlich schreiben doch alle immer nur über sich selbst. Auch wenn es nicht so wirkt, weil sie sich bis zur Unkenntlichkeit maskieren. Es ist nicht verwerflich, in seinem Leben die Hauptrolle spielen zu wollen, im Gegenteil, wir bewundern Menschen, die die Fähigkeit besitzen, in allem, was sie tun, ganz bei sich selbst zu bleiben. Und ja, man fühlt sich dabei manchmal egozentrisch und wurde einem nicht lange Jahre erzählt, das sei etwas schlechtes?
Ich konnte sehr lange nicht über mich selbst schreiben. Ich konnte nicht einmal über mich selbst sprechen. Im Schreiben versuchte auch ich, mich bis zur Unkenntlichkeit zu maskieren, und scheiterte immer wieder daran, dass ich die Erzähler meiner eigenen Texte dann nicht mehr erkannte. Wenn ich heute über mich selbst schreibe, packe ich meine wichtigsten Gedanken, also die, auf die es mir besonders ankommt, häufig in Nebensätze. Ich habe dafür keine gute Erklärung anzubieten, vielleicht ist das ein Kompromiss mit mir selbst.

Vor einigen Jahren stolperte ich beim Durchkämmen des Internets über einen Blogbetreiber, der täglich ein Foto seiner Fäkalien hochlud. Also buchstäblich einen Haufen Kacke, der sich in der Kloschüssel kringelt. Jeden Tag einen neuen Haufen Scheiße. Ich weiß nicht, ob es den Blog noch gibt, ich hab nicht gegoogelt, aber ich erinnere mich, dass es damals in der Internetgemeinde gefeiert wurde. Die Fotos waren sich alle ähnlich, manchmal kringelte die Scheiße nach rechts, manchmal nach links, manchmal hinterließ sie eine leichte Schleifspur, manchmal plumpste sie auch nur spurlos ins Wasser.
Wie viel Selbstbewusstsein braucht man, um sowas zu machen? Und ist das dann noch Kunst für die Kunst oder soll es vielmehr eine Kritik an der postmodernen Kunst sein?
In jedem Fall kann es wohl weg, sobald das Foto hochgeladen ist.

Schreibe über das, was du kennst.
Wenn du dabei täglich einen Haufen Scheiße produzierst, das macht nichts, es liegt in der Natur des Menschen, jeden Tag einen Haufen Scheiße zu produzieren. Offenbar und glücklicherweise ist das Internet mit seinem unbegrenzten digitalen Speicher genau der richtige Ort dafür.


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Besitz und Verlust

Im liebsten Nachbarblog lese ich darüber, dass man die Dinge erst dann wertzuschätzen gewusst habe, als sie bereits unwiederbringlich verloren waren. Eine Eigenart, lese ich und bleibe daran hängen. Ist das denn nicht eigentlich immer so? Geht etwas Wichtiges verloren, hinterlässt es eine Lücke, die nicht selbstverständlich gefüllt werden kann. Das ist immer traurig. Alles, was vorbei ist, wird irgendwann unweigerlich traurig.

Dass wir erst zu schätzen wissen, was wir hatten, wenn wir es nicht mehr haben, scheint mir tief in der menschlichen Natur zu liegen. Es gibt sogar einen Fluch auf dem Balkan, der lautet: Gott gebe, dass du hast – und dann nicht mehr hast! Viel schlimmer ist es, etwas gehabt und dann verloren zu haben, als es nie gehabt zu haben. Lange Jahre wollte ich deshalb nichts mehr. Meine Angst, zu verlieren, war größer, als mein Wunsch, zu besitzen.

Das hat absolut seine Logik, hakt aber an anderer Stelle ganz gewaltig.
Zum einen suchen wir uns vieles im Leben nicht selbst aus. Ein großes Stück unserer „Ausstattung“ bekommen wir ungefragt einfach so geschenkt und manchmal verlieren wir es genauso einfach wieder. Ich habe den Chaosprinzen zum Beispiel nie gefragt, ob er Haustiere möchte, sie waren schon vor ihm da. Als der Hund so alt war, dass er eingeschläfert werden musste, war das für den Chaosprinzen trauriger Teil des Deals, während für mich der Verlust fast unerträglich war.

Als meine Eltern starben, schoss mir der Gedanke durch meine Trauer, ob es nicht viel besser gewesen wäre, wenn ich nie adoptiert worden wäre, also einfach gar keine Eltern gehabt hätte, dann wäre der Schmerz des Verlusts jetzt nicht so groß. Offenbar, so dachte ich, hatte das Schicksal Eltern für mein Leben gar nicht vorgesehen, sonst hätten mich meine leiblichen doch gar nicht erst weggegeben. Ich dachte den Gedanken weiter und kam zu dem Schluss, dass das Universum die natürliche Ordnung meines Daseins mit dem Tod meiner Eltern nun mehr wiederhergestellt habe, indem es mich jetzt elternlos machte, ganz so wie es eigentlich für mein Leben vorgesehen gewesen war.

So kindisch das auch klingen mag – ich war zu dem Zeitpunkt bereits Dreißig – was solls! Anfang Fünfzig kann ich aus voller Überzeugung sagen, dass das Erwachsensein ohnehin maßlos überschätzt wird und überhaupt gar nicht erst erstrebenswert ist. Außerdem ergab dieser statthafte Gedanke einen berechtigten Sinn für meine Trauer. In jener Nacht des Abends, an dem meine Mutter gestorben war, legte ich mich zum Schlafen in ihr Bett und fühlte mich unendlich getröstet.

Zum anderen lernte ich im Studium die Kosten-Nutzen-Analyse kennen. Rein rechnerisch drückt sie aus, dass, wenn der Nutzen die Kosten übersteigt, sich eine Anschaffung lohnt. Das klingt chirurgisch kalt, aber irgendwann im coming out of age begreift man, dass einem nichts im Leben geschenkt wird, auch dann nicht, wenn es im gebührenfreien Kleidchen daher kommt. Lohnt es sich dann trotzdem? Kommt ganz auf die Kosten-Nutzen-Analyse an. Und die ist, wie alles im Leben, das seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt, dann aber wieder doch ganz persönlich auf den Einzelnen herunterzubrechen.

Manchmal hängen mir die Trauben viel zu hoch im Stock. Ich müsste mich ganz schön strecken, um sie zu erreichen. Anstrengung finde ich anstrengend und ich bin auch nur selten etwas begegnet, was ihrer wirklich lohnenswert gewesen wäre. Deshalb lasse ich die Trauben meistens hängen, wo sie hängen, und finde, zur Not schmeckt Klee doch auch ganz gut.

Ich weiß jetzt nicht mehr so genau, worauf ich mit all dem eigentlich hinaus wollte, Verzeihung. Vielleicht wollte ich auch einfach nur festhalten, dass manche Dinge ganz universell sind, auch wenn sie für uns zum ersten Mal sichtbar werden. Beim Lesen fremder Gedanken sieht man oft, wie wenig wir uns in unseren Einstellungen, Ansichten und Mustern unterscheiden. Wie ähnlich sich unsere Erfahrungen doch sind, selbst dann, wenn wir auf unterschiedlichen Seiten der Welt geboren wurden.
Manchmal denke ich, es gibt dieses kollektive Meer des Bewusstseins, aus dem wir alle gemeinsam schöpfen wie bei den Ameisen, diese Ursuppe, aus der wir alle entstanden sind. Und Individualität ist darin lediglich die Illusion einer Gesellschaft, der man sich durch ein Anders Sein auf gar keinen Fall zu widersetzen hat, wenn man seinen Platz darin sucht.

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Träumen

Als wäre mir über Nacht die Lebenskraft aus den Fingern geflossen. Bleierne Müdigkeit hängt über mir, eine unendliche Erschöpfung, die sich einfach nicht wegschlafen lässt. Gestern Abend hatte der Chaosprinz einen Migräneanfall. Stechende Schmerzen aus dem Nichts, die Stirn flammt heiß auf, der Kreislauf fährt runter und lässt den restlichen Körper frieren. Die anfallsartigen Schmerzen verursachen anfallsartige Übelkeit. Diesmal greifen wir rechtzeitig zum Eimer. Der Chaosprinz weint: Kopfschmerzen sind doch schlimm genug, warum musste sich die Natur denn auch ausgerechnet noch Migräne ausdenken.

Kürzlich las ich eine Studie darüber, dass Träume die Aufgabe hätten, mit dem Abstand von Emotionen in der Traumphase real Erlebtes zu verarbeiten. Dadurch, dass das Cortisol in der Nacht sinkt und erst in den frühen Morgenstunden wieder ansteigt, um uns auf das Aufwachen vorzubereiten, sind Träume stressfreier als die tatsächlich erlebte Situation. In unseren Träumen lernen wir also unsere Lebenslektionen mit freierem Kopf. So weit, so gut.

Der Chaosprinz schläft unruhig, aber er schläft. Für diese Nacht hat er es überstanden. Ein Taschentuch, das er gebraucht hätte, ist nicht mehr zum Einsatz gekommen und liegt zerknüllt in seiner Hand. In der Nase steckt noch ein Metholstift. Der Anfall ist vorüber und am nächsten Morgen wird er frischer und erholter aufwachen als sonst. Die Migräne hat ihn heftig niedergerungen, doch wenn sie nachlässt, ist man zwar erschöpft und entkräftet, aber euphorisch, dass es vorbei ist. Alles ist gut, sage ich dem Chaosprinzen in seinen Schlaf hinein, jetzt ist es wieder gut.

Bei Menschen, die unter starkem Stress stehen, funktioniert dieser Mechanismus des absinkenden Cortisols über Nacht nicht mehr. Ganz gewohnheitsmäßig wird dem gestressten Körper das Hormon weiter zur Verfügung gestellt, ganz so, als sei die Gefahrensituation noch nicht vorbei. Das hat nicht nur eine rein hormonfunktionale Schlaflosigkeit zur Folge, sondern verhindert auch, dass die intensiven Gefühle des Tages sich im Traum abdämpfen und so besser verarbeiten lassen.

Ist der Grad der Erschöpfung zu hoch, so erzwingt der Körper sich den Schlaf irgendwann trotzdem. Bei Kindern lässt sich das besonders gut beobachten. Mitten im Abendessen, beim Spielen auf der Schaukel, aus der einen Bewegung heraus hin zur nächsten kippen sie in den Schlaf. Der Körper lässt sich willentlich nicht mehr wachhalten, selbst dann nicht, wenn man vorher noch bockig verkündet hatte, man sei ja gar nicht müde. Lange Zeit hatte ich das vergessen, diesen erzwungenen Schlaf des Körpers, jetzt ist er wieder da. Zu den unpassendsten Zeiten überrollt mich die Müdigkeit.

Hast du was geträumt?, frage ich den Chaosprinzen heute früh beim Kakao. Er schüttelt den Kopf, während er in sein Marmeladenbrot beißt. Das heißt ja, sagt er, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Auf den linken Arm hatte er sich gestern beim Hausaufgaben machen mit dem Füller ein kleines Strichmännchen gezeichnet. Er hatte ihn den kleinen Chaosprinzen genannt, der immer dann, wenn er nicht brav tut, was man ihm sagt, eins auf den Deckel bekommt. Der kleine Chaosprinz prangt noch auf seinem Arm. Ich greife zum Tuch. Der kleine Chaosprinz verblasst, ist aber nicht ganz weg zu bekommen.

Schlaflosigkeit, Magenschmerzen, Albträume, Zähneknirschen, Migräne und totale Erschöpfung.
Die Insignien aus vier Jahren Grundschulstress – meines und die des Chaosprinzen. Immer noch liegen acht schriftliche Leistungsüberprüfungen für diesen Monat vor ihm. Dazwischen die theoretische und praktische Fahrradprüfung. Selbstlernhefte, angerissene Themengebiete, das Ausfüllen von stapelweise Übungsarbeitsblättern. Der Comic für den Kunstunterricht ist noch nicht fertig, das Referat für Sachkunde auch nicht. Dafür haben wir vorgestern Musikinstrumente aus Alltagsgegenständen gebastelt, aber gestern hatte die Musiklehrerin gefehlt und die Stunde fiel aus.

Ich könnte ganze Vorträge darüber halten, was an deutschen Schulen falsch läuft. Angefangen vom Stoffumfang zu Lasten elementaren Basiswissens über das rollierende Lernsystem, das kein Thema gründlich abschließt, sondern es dann, ein halbes Jahr später, wenn es kalt und fade geworden ist, wieder neu aufnimmt, bis hin zur darwinistischen Struktur im Haifischbecken Schule. Wie wenig pädagogisch und gehirngerecht unsere Bildungspolitik im 21. Jahrhundert ist, ist wirklich beschämend. Wie viele Kinder darin verloren gehen, die wir später ganz dringend als Fachkräfte brauchen würden, weshalb die Selbstmordrate unter Kindern gewaltig ansteigt und wie das die Gesellschaft künftiger Generationen ausgestaltet. Darüber hätte ich viel zu sagen. Aber ich schweige und schicke den Chaosprinzen auf seinen Schulweg, denn in Deutschland haben wir nicht die Wahl.

Heute Nacht träumte ich, ich hätte mein Auto in einer Nebenstraße zum Flughafen abgestellt und mit einem Haufen Fremder ein Flugzeug bestiegen. Wir flogen darin herum, immer knapp über der Welt so, als könne das Flugzeug nicht vernünftig abheben und müsse immer wieder Kontakt zum Boden suchen. Irgendwann flogen wir auch über die Nebenstraße, in der mein Auto stand. Auf der anderen Straßenseite sah ich die Trümmerreste eines Flugzeugabsturzes und begann zu beten, wir mögen bald heil landen. Kurze Zeit später stiegen wir irgendwo im Gewebegebiet aus dem Flugzeug und verabschiedeten uns herzlich von einander. Ich irrte durch die Straßen auf der Suche nach meinen Auto, fand aber nur wieder zum Flughafen zurück. Von dort aus rief ich meine Mutter an, damit sie mich abholen kommt.

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Alte Leben

Da müsste man jetzt endlich mal aufräumen, denn alles liegt rum, als hätte jemand sämtliche Schränke und Regalschubladen ausgeräumt und auf alle verfügbaren Flächen gekippt. In Wahrheit hat man zu wenig Kraft, die Zeit ist einfach zu kostbar und eigentlich hat man auch keine Lust. Dann stolpert man beim Aufräumen über ein altes Tagebuch aus den frühen Neunzigern. Eines, das dem Feuer noch nicht zum Opfer wurde, und man fragt sich, weshalb man es aufbewahrt hat.

Das Aufräumen ist vorerst verschoben. Man liest sich ein und stellt fest, dass man sich kaum verändert hat. Man ist natürlich älter geworden. Der Körper hat sich verändert, die Haut erliegt der Schwerkraft. Und man hat auch nicht mehr alle Zähne. Man liest: „Es gibt so unendlich viele Möglichkeiten meines Werdegangs, dass es mir fast ein wenig Angst macht.“, und fragt sich in der Retrospektive von einem Viertel Jahrhundert, was denn jetzt aus einem geworden ist. Und ob man es damals bereits hätte absehen können.

Man blättert weiter, es sind nur knapp zwanzig Seiten beschrieben, in großzügiger Schrift, gut lesbar und ordentlich, gefällig fürs Auge, denn eine feine Handschrift gehört sich für ein Mädchen und wurde damals im Zeugnis benotet. Man liest: „Ich werde meinen Weg schon gehen, ich komme ja immer und überall ganz gut durch.“, und fragt sich, wann einem eigentlich bewusst wurde, dass man ein Halm im Wind ist, anfangs elastisch und biegsam, später verholzt und brüchig.

Da ist das Studium, zwei Kommilitonen, die sich schlagen und vertragen, und das alles schreibt man auf, aus der Entfernung, denn man ist gar nicht Teil dieser Freundschaft, nur um dem eigenen Leben etwas mehr Inhalt zu geben. Die Arbeit als Übersetzerin im Flüchtlingsdorf, manchmal spannend, manchmal ausgesprochen nervig, aber richtig gut bezahlt. Und immer wieder die Frage danach, was Normalität ist. Deshalb schreibt man vorsichtshalber alles auf, bis auf das kleinste beobachtbare Detail über Menschen, die man kaum kennt, an die man sich heute nicht einmal mehr vage erinnert, um herauszufinden, wie sie leben. Kann man Normalität lernen?

Man liest: „Gestern waren wir auf K’s Geburtstag. Es war zwar langweilig, aber richtig klasse!“, und fragt sich, was man damit gemeint haben könnte. Man fand Geburtstage immer langweilig. Meist kannte man ohnehin nur das Geburtstagskind, dessen Mutter es gezwungen hatte, einen einzuladen, denn mit sozialen Beziehungen hatte man es ja nie so wirklich. Man kam herein, gab sein Geschenk ab, drückte sich an einer Vielzahl fremder Menschen vorbei in eine Ecke, in der man kaum auffiel, und beobachtete das Treiben. Es sah aus, als würden die Anderen sich amüsieren, während sie einen gar nicht unfreundlich ignorierten. Also notierte man für sich, dass Geburtstagsfeiern eigentlich Spaß machten. Nur einem selbst eben nicht. Nicht einmal die eigene.

Immer noch weiß man nicht, weshalb das Tagebuch nach nur wenigen Seiten endet, man blättert weiter und liest, dass die Tante aus Belgrad sich für die kommende Woche angekündigt hat und man ihr vorsichtshalber einen Brief schreiben sollte, um sie auf das ungewöhnlich schlechte Wetter für Mitte Mai vorzubereiten, und man fragt sich, ob man das wirklich getan hat, anderer Menschen Sorge zu tragen, mit Anfang Zwanzig, als hätte man nicht schon genug an den eigenen Sorgen zu tragen gehabt.

Man liest vom längst vergessenen Verrat einer Freundin, deren Freundin man offenbar nie war, aber man hatte sehnsuchtsvoll darauf gehofft, und man schrieb: „Bald kann ich niemandem mehr vertrauen.“, und heute traut man tatsächlich niemandem mehr, aber das lag gar nicht an besagter Freundin. Man liest weiter und fragt sich, weshalb man damals nicht über die knapp zwanzig Seiten hinaus kam, obwohl man es natürlich weiß, man selbst hat die Tagebücher ja geschrieben und nach wenigen Seiten ein neues angelegt. Das schien damals die ungeschriebene Regel zu sein, angefangene Tagebücher, die abrupt irgendwo endeten. Welch eine Papierverschwendung, denkt man heute automatisch mit dem Bewusstsein für die Umwelt und den Geldbeutel.

Man liest über die vielen kleinen Nebensächlichkeiten des Alltags, worauf man sich gefreut und was man eher gefürchtet hat, aber alles davon hat man irgendwie überstanden, manchmal unbeschadet, manchmal nicht. Man fragt sich, wie man sich selbst so wichtig nehmen konnte, wo es doch sonst niemand tat, dass man das alles für wichtig genug hielt, um es aufzuschreiben, und es kommt einem der Verdacht, der einem immer kommt, wenn man alte Tagebücher gedanklich neben die eigene Lebensgeschichte stellt, nämlich, dass man eigentlich etwas ganz anderes hatte aufschreiben müssen, es aber nicht konnte. Und so füllte man die Seiten mit Belanglosigkeiten, die einem die eigene Normalität attestieren sollten. Dabei war überhaupt nichts im Leben normal.

Schließlich erreicht man die letzte beschriebene Seite des Tagebuchs, dessen Einband schon längst aus dem Leim gegangen ist und jetzt liest man, weshalb es abrupt endet, weshalb jedes Tagebuch über kurz oder lang höchstens halb vollgeschrieben endete, und man holt das Feuerzeug, denn das muss man nicht aufbewahren und gelesen werden muss es auch nicht ein zweites mal.

Und wie so viele der auf Papier gebrachten Gedanken übergibt man auch diese dem Feuer, als könne es irgend etwas davon auslöschen oder ungeschehen machen. Aus reichlicher Erfahrung weiß man, dass das nicht geht, ganz gleich, wie oft man es versucht hat. Man macht es trotzdem. Könnte ja sein, dass es diesmal vielleicht funktioniert.

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Arbeitsprozesse

Schreiben ist anstrengend im Moment. Das Dokument der Schnipsel hat mich einige Zeit beschäftigt gehalten, dann aber nicht mehr weitergeführt. Zehntausend Wörter und viele Stunden, sie haben sich erschöpft. Umsonst ist es nicht gewesen, das ist das Schreiben nie.

Ich nenne das Schreiben am Dokument „Arbeit“. Auch für meine Ohren klingt das fremd, irgendwie lächerlich. Ich bin keine etablierte Autorin, habe nie ernsthaft etwas veröffentlicht und es ist mehr als fraglich, ob ich es jemals werde. Vor diesem Hintergrund erscheint mir mein Schreiben als persönlicher Luxus, der nur dann als Vorgang seine Berechtigung hat, wenn alle Pflichten erledigt und nun Zeit dafür übrig ist. Und wann ist das schon der Fall?

In den letzten Tagen habe ich dem Schreiben am Dokument immer öfter den Vorzug vor anderen Erledigungen gegeben. Rücksichtslos bin ich mir vorgekommen, wenn ich die Suppenfreundin wortlos das Frühstück wegräumen ließ und mich an den Laptop setzte. Ich räume das schlechte Gewissen weg. Schweigend tippe ich in das Dokument, ohne zu wissen, wohin mich das führen wird. Manchmal denke ich, genauso gut könnte ich jetzt mit der Nagelschere den Rasen kürzen.

Wie schrieb Mützenfalterin kürzlich zu Schreibprozessen: Es mangelt häufig daran, sich in seinem Schreiben ernst zu nehmen. Sich ein Ziel zu setzen und daran zu glauben, dass man es auch erreichen kann. Auch dann noch, wenn alle Selbstzweifel in einem dagegen halten.
Ich habe über die Jahre die Erfahrung gemacht, dass andere Menschen – nicht zwingend in meinem Umfeld, aber im virtuellen Raum – mein Schreiben sehr wohl sehr ernst genommen haben. Mich ermutigt haben, weiterzuschreiben, weil sie lesen wollten, was ich zu schreiben hatte. Es scheitert immer wieder daran, dass ich im eigentlichen Prozess dann den Mut verliere und das dem Gedanken, ich hätte doch eigentlich gar nichts zu schreiben, das Tor öffnet. Würde Gott auf mein Leben schauen, würde er sagen: „Die schreibt gut! Sie weiß nur nicht, was sie will vom Leben.“

Im Moment weiß ich, was ich will. Das macht das Schreiben anstrengend, es ist harte Arbeit an meinen Grenzen, weil es ständig gegen die Angst zu scheitern ankämpft. Und trotzdem will ich es. Ich will diesen Prozess des Schreibens auskundschaften wie ein Pfadfinder den örtlichen Wald, in dem er schon tausendmal gewesen ist, den er sich aber noch nie genauer angesehen hat. Jeden Winkel will ich davon beleuchten, ich will durchschauen, was diese Faszination ausmacht, die mich immer wieder zu Papier und Stift greifen lässt. Und weshalb das Schreiben trotz dieses starken Gefühls der Notwendigkeit nie den Platz in meinem Leben bekommen hat, der ihm eigentlich gebührt.

Das ist alles, was ich will, für den Moment.

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