Träumen

Als wäre mir über Nacht die Lebenskraft aus den Fingern geflossen. Bleierne Müdigkeit hängt über mir, eine unendliche Erschöpfung, die sich einfach nicht wegschlafen lässt. Gestern Abend hatte der Chaosprinz einen Migräneanfall. Stechende Schmerzen aus dem Nichts, die Stirn flammt heiß auf, der Kreislauf fährt runter und lässt den restlichen Körper frieren. Die anfallsartigen Schmerzen verursachen anfallsartige Übelkeit. Diesmal greifen wir rechtzeitig zum Eimer. Der Chaosprinz weint: Kopfschmerzen sind doch schlimm genug, warum musste sich die Natur denn auch ausgerechnet noch Migräne ausdenken.

Kürzlich las ich eine Studie darüber, dass Träume die Aufgabe hätten, mit dem Abstand von Emotionen in der Traumphase real Erlebtes zu verarbeiten. Dadurch, dass das Cortisol in der Nacht sinkt und erst in den frühen Morgenstunden wieder ansteigt, um uns auf das Aufwachen vorzubereiten, sind Träume stressfreier als die tatsächlich erlebte Situation. In unseren Träumen lernen wir also unsere Lebenslektionen mit freierem Kopf. So weit, so gut.

Der Chaosprinz schläft unruhig, aber er schläft. Für diese Nacht hat er es überstanden. Ein Taschentuch, das er gebraucht hätte, ist nicht mehr zum Einsatz gekommen und liegt zerknüllt in seiner Hand. In der Nase steckt noch ein Metholstift. Der Anfall ist vorüber und am nächsten Morgen wird er frischer und erholter aufwachen als sonst. Die Migräne hat ihn heftig niedergerungen, doch wenn sie nachlässt, ist man zwar erschöpft und entkräftet, aber euphorisch, dass es vorbei ist. Alles ist gut, sage ich dem Chaosprinzen in seinen Schlaf hinein, jetzt ist es wieder gut.

Bei Menschen, die unter starkem Stress stehen, funktioniert dieser Mechanismus des absinkenden Cortisols über Nacht nicht mehr. Ganz gewohnheitsmäßig wird dem gestressten Körper das Hormon weiter zur Verfügung gestellt, ganz so, als sei die Gefahrensituation noch nicht vorbei. Das hat nicht nur eine rein hormonfunktionale Schlaflosigkeit zur Folge, sondern verhindert auch, dass die intensiven Gefühle des Tages sich im Traum abdämpfen und so besser verarbeiten lassen.

Ist der Grad der Erschöpfung zu hoch, so erzwingt der Körper sich den Schlaf irgendwann trotzdem. Bei Kindern lässt sich das besonders gut beobachten. Mitten im Abendessen, beim Spielen auf der Schaukel, aus der einen Bewegung heraus hin zur nächsten kippen sie in den Schlaf. Der Körper lässt sich willentlich nicht mehr wachhalten, selbst dann nicht, wenn man vorher noch bockig verkündet hatte, man sei ja gar nicht müde. Lange Zeit hatte ich das vergessen, diesen erzwungenen Schlaf des Körpers, jetzt ist er wieder da. Zu den unpassendsten Zeiten überrollt mich die Müdigkeit.

Hast du was geträumt?, frage ich den Chaosprinzen heute früh beim Kakao. Er schüttelt den Kopf, während er in sein Marmeladenbrot beißt. Das heißt ja, sagt er, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Auf den linken Arm hatte er sich gestern beim Hausaufgaben machen mit dem Füller ein kleines Strichmännchen gezeichnet. Er hatte ihn den kleinen Chaosprinzen genannt, der immer dann, wenn er nicht brav tut, was man ihm sagt, eins auf den Deckel bekommt. Der kleine Chaosprinz prangt noch auf seinem Arm. Ich greife zum Tuch. Der kleine Chaosprinz verblasst, ist aber nicht ganz weg zu bekommen.

Schlaflosigkeit, Magenschmerzen, Albträume, Zähneknirschen, Migräne und totale Erschöpfung.
Die Insignien aus vier Jahren Grundschulstress – meines und die des Chaosprinzen. Immer noch liegen acht schriftliche Leistungsüberprüfungen für diesen Monat vor ihm. Dazwischen die theoretische und praktische Fahrradprüfung. Selbstlernhefte, angerissene Themengebiete, das Ausfüllen von stapelweise Übungsarbeitsblättern. Der Comic für den Kunstunterricht ist noch nicht fertig, das Referat für Sachkunde auch nicht. Dafür haben wir vorgestern Musikinstrumente aus Alltagsgegenständen gebastelt, aber gestern hatte die Musiklehrerin gefehlt und die Stunde fiel aus.

Ich könnte ganze Vorträge darüber halten, was an deutschen Schulen falsch läuft. Angefangen vom Stoffumfang zu Lasten elementaren Basiswissens über das rollierende Lernsystem, das kein Thema gründlich abschließt, sondern es dann, ein halbes Jahr später, wenn es kalt und fade geworden ist, wieder neu aufnimmt, bis hin zur darwinistischen Struktur im Haifischbecken Schule. Wie wenig pädagogisch und gehirngerecht unsere Bildungspolitik im 21. Jahrhundert ist, ist wirklich beschämend. Wie viele Kinder darin verloren gehen, die wir später ganz dringend als Fachkräfte brauchen würden, weshalb die Selbstmordrate unter Kindern gewaltig ansteigt und wie das die Gesellschaft künftiger Generationen ausgestaltet. Darüber hätte ich viel zu sagen. Aber ich schweige und schicke den Chaosprinzen auf seinen Schulweg, denn in Deutschland haben wir nicht die Wahl.

Heute Nacht träumte ich, ich hätte mein Auto in einer Nebenstraße zum Flughafen abgestellt und mit einem Haufen Fremder ein Flugzeug bestiegen. Wir flogen darin herum, immer knapp über der Welt so, als könne das Flugzeug nicht vernünftig abheben und müsse immer wieder Kontakt zum Boden suchen. Irgendwann flogen wir auch über die Nebenstraße, in der mein Auto stand. Auf der anderen Straßenseite sah ich die Trümmerreste eines Flugzeugabsturzes und begann zu beten, wir mögen bald heil landen. Kurze Zeit später stiegen wir irgendwo im Gewebegebiet aus dem Flugzeug und verabschiedeten uns herzlich von einander. Ich irrte durch die Straßen auf der Suche nach meinen Auto, fand aber nur wieder zum Flughafen zurück. Von dort aus rief ich meine Mutter an, damit sie mich abholen kommt.

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