Monatsarchiv: Juni 2022

3-2-1 FERIEN

Die letzten Wochen der Grundschulzeit sind ereignisreich und in emotionaler Abschiedsstimmung zu Ende gegangen. Zurück bleibt eine enorme Erleichterung und eine Spur Nostalgie, wie sie sich über alles legt, was unwiederbringlich vergangen ist. Nun sind die herbeigesehnten Sommerferien endlich da und was machen die Jungs? Sie spielen Schule.

Ich schlafe lange. Dann stehe ich auf und mache nichts. Ich genieße das Tun von nichts, das Fehlen von Dringlichkeiten, obwohl sie doch reichlich vorhanden wären, aber das scheint mir im Augenblick alles Kür zu sein. Die Grundschulsachen sind im Keller gut in Kisten verstaut und warten auf eine spätere Revision, wenn der Abstand groß genug ist, um zu entscheiden, was einer Aufbewahrung würdig ist.

Geschrieben habe ich in den letzten Wochen kaum, ich habe mich verunsichern lassen, traute meinen eigenen Worten nicht mehr und ließ sie deshalb links liegen. Wenn man keine eigenen Worte findet, borgt man sich fremde, und deshalb ließ ich mir vergangene Woche die diesjährigen Bachmanntexte vorlesen. Wie immer war es reichlich durchmischt, konzentrisch kreisen mehr oder weniger junge Autoren mehr oder weniger eng um die eigene Existenz. Hängen blieb mir eine Ein-Zeilen-Definition von Menschheit und die Erkenntnis, dass wir, wenn wir über Menschheit sprechen, immer nur Teile davon meinen. Eine Begrenzung findet dieser Begriff immer mit den Grenzen des eigenen Horizonts, da kann Mensch sich noch so sehr um Inklusion bemühen, sie gelingt trotzdem immer nur in dem Rahmen des eigenen Erlebens.

Es ist auch nicht so, als wären in den vergangenen Wochen nicht genug Themen aufgetaucht. Jedes einzelne wäre seitenfüllend gewesen, nur hätte nichts davon zu einem zufriedenstellenden Ergebnis geführt. Es ist, als könne ich lediglich konstatieren, und manchmal sieht es mir so aus, als seien mit der reine Aufzählung dessen, was ist, die Grenzen meiner Sprache schon erreicht. Dabei müsste Sprache doch so viel mehr können. Aber in einer Welt, die unablässig Informationen produziert, um sie zu verkaufen, weiß ich schon längst nicht mehr, welche ihr Geld wert sind. Als hätte ich mich irgendwo in der Postmoderne verlaufen, an einer Gabelung falsch abgebogen vielleicht, und jetzt finde ich den Ausgang nicht mehr.

In einer Woche fahren wir weg. Für eine Woche in einem freundlich geliehenen Ferienhäuschen irgendwo in der Eifel, nicht weit weg von uns. Der Chaosprinz und sein bester Freund aus der mongolischen Hochebene haben sich das sehr gewünscht. Mir scheint aber, dass für sie der Ortswechsel nur bedingt einen Unterschied machen wird, denn die Jungs haben seit Freitag Nachmittag das Kinderzimmer einzig zum Pinkeln verlassen. Dreimal am Tag schieben wir Teller mit Essen unter der Tür durch, ansonsten ist unsere Gesellschaft gerade unerwünscht.

Der erste Tag von sechs langen Wochen liegt vor mir, er präsentiert sich in einem trüben deutschen Grau. Ich sollte jetzt im Süden sein, denke ich, am Meer, irgendwo an einem Strand, an dem ich jeden Felsen kenne. Ich sollte mir entspannt und glücklich von der heißen Sonne große Löcher in mein dickes Winterfell brennen lassen und alte Bekannte treffen. Es ist so falsch, denke ich, dass ich alles, was ich jemals an Ressourcen besessen habe, in ein Leben investiere, welches ich abgrundtief verabscheue, an einem Ort, an dem ich lieber sterben als leben wollte.
Aber auch dieses sechs Wochen werden verfliegen, wie es der Zeit zu eigen geworden ist, und dann kommt die weiterführende Schule und mit ihr die ungeliebten Notwendigkeiten und das Rad dreht sich unaufhaltsam, als wäre der Weg nur noch abschüssig und kurvenreich.
Was übrig bleibt, ist Hoffnung, die immer noch da ist, auf Veränderung, auf ein erträumtes Wunder, und die Sehnsucht nach dem Süden.

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Sprechblasen

Ein kurzer Sommerregen, dann ist es wieder warm. Ein Schauer nur, der die Welt verdunkelt und die Luft abkühlt, einmal alles bereinigt, um dann wieder neu Anlauf zu nehmen. Die Wolken ziehen vorüber und geben die Sonne wieder frei. Und so geht es weiter in einem Stillleben mit Sprechblasen: was machst du, ich mache nichts, lass uns etwas zusammen machen, in Ordnung, aber was wollen wir machen? Keine Ahnung. Und so machen wir zusammen nichts.

Ich werde vergesslich für alles, was in der nahen Vergangenheit liegt. Welchen Tag haben wir heute, was ist auf dem Kalender für ein Jahr angegeben und weshalb werde ich in allem, was ich tue, immer langsamer? Was vierzig und mehr Jahre zurückliegt, taucht dafür plötzlich und ungefragt auf, eine Erinnerung zieht die nächste nach sich, aus Assoziationsketten gebildete Sequenzen, die zusammenhanglos zeigen, woher ich komme und wie ich zu der wurde, die ich heute bin. Was war, ist ein Teil von mir und bleibt bis zum Schluss, die Vergangenheit verlässt mich nicht, sie bleibt hartnäckig und richtet mich in meinem Leben und Handeln aus.

Dabei wäre es so einfach, würde ich noch an irgend etwas glauben. Zum Beispiel daran, dass es Ideen gibt, für die es sich gemeinsam zu kämpfen lohnt. Aber alles, was ich tue, mache ich wie zum ersten Mal. Verwundert beobachte ich mich dabei, meine Routine in den einzelnen Handgriffen, zwei links, zwei rechts, eine abheben. Als könnte ich nicht zugeben, dass ich in Wahrheit keine Ahnung habe. Sonnenstrahlen, auf denen der Hausstaub sein Lied spielt. Und überall nur Sprechblasen. Wie sie entstehen, wie sie zerplatzen und neue entstehen, um zu zerplatzen. Eine Ansammlung von belanglosen Alltäglichkeiten in den immergleichen Worten. In jedem Haushalt in jeder Generation. Das alles hat es lange vor mir schon gegeben, daran wird sich auch nichts ändern. Aber für mich ist heute trotzdem alles neu.

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Apfelmännchen

Wer bist du?, fragt mich heute jemand, und ich denke nach. Mir fällt ein, was ich alles bin, und was alles nicht, aber nichts davon wäre etwas, von dem ich sagen würde, dass es mich ausmacht. Eine Ansammlung von Erfahrungen, guten und schlechten, eine Fusion der Erinnerungen an zufällige Begegnungen, ein Ergebnis aus Entscheidungen, richtigen und falschen. Wer bin ich, wenn ich alles wegnehme, was der Strom der Zeit ohnehin zermahlen wird. Was bleibt von mir, wenn ich alles wegnehme, was mir heute anhaftet.

Mühsam ist die Zeit, wenn sie kaum vergeht. Die Tage ziehen sich wie Gummi und flitschen unerwartet fies zurück, wenn man es am wenigsten erwartet. Morgen, Mittag, Abend, der Alltag in Struktur, an der man sich festhalten möchte, um nicht den Boden zu verlieren. So aufgeteilt kann doch nichts schiefgehen, denkt man, aber dann wird es trotzdem Nacht und die bringt eine Dunkelheit, so zeitlos wie hundert Stunden Stille. Ein neuer Tag wird gewiss bereits erwartet, aber es zieht sich alles endlos hin, Tag um Nacht und Nacht um Tag, und nur die Kinder wachsen, der Rest bleibt, wie er ist.

Martin Suter beschreibt in seinem Roman „Die Zeit, die Zeit“ einen Zeit-Nihilisten, der Zeit als Konstrukt ablehnt und lieber an die Veränderung glaubt. Und tatsächlich ist Veränderung der Zeit so immanent, dass man leicht dem Glauben verfallen könnte, Zeit sei nur das Ticken der Uhren, der Wechsel vom Tag zur Nacht, ein Alterungsprozess der Zellen bis zum geplanten Tod. Ich koche einen Tee und er kocht mich. Ich koche einen Tee, aber das lohnt sich gar nicht. Denn ich werde ihn erst trinken, wenn er kalt ist, weil ich über den Tee die Zeit vergesse und über die Zeit den Tee, und dann muss ich den Tee kalt trinken. Dann kocht nichts mehr.

Wer bist du?, frage ich mich und denke nach. Wer bin ich, wenn ich wegnehme, was andere Menschen in mir sehen. Etiketten, die mir anhängen, die mich beschreiben, charakterisieren, kategorisieren sollen. Eine Projektionsfläche zur Identifikation einer Gruppenzugehörigkeit, Gleiches zu Gleichem in die gleiche Schublade. Ich verstehe das gut, es ist der überaus menschliche Wunsch nach Ordnung in einer chaotischen Welt, der diese Zuordnung vornimmt. Mathematiker wissen aber, dass das Universum in Wahrheit gar nicht chaotisch ist, sondern dass jedem vermeintlichen Chaos eine perfekte Ordnung zugrunde liegt, so vollkommen logisch und aufgeräumt, dass es in den schönsten Fraktalen malt.

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