Monatsarchiv: August 2022

Abgeschlagen

Und so schreitet die Zeit voran: Der Chaosprinz ist gerade einmal zwei Wochen in der weiterführenden Schule und noch versuchen wir uns in diesem neuen Zeitmanagement zu finden, welche Uhrzeit fürs Aufstehen reicht und welchen Bus wir spätestens bekommen müssen, damit er noch pünktlich auf der Schulbank anlandet, da wird auch schon der erste Vokabeltest geschrieben. Eine grobe Sichtung seiner Materialien ergab immerhin, dass die fünfte Klasse offenbar einer feingliedrigeren Wiederholung der ersten vier dient. Neue Fächer werden langsam eingeführt, alles, was vormals unter Sachkunde fiel, hat jetzt eine eigene Schulstunde. Langsam wird es abends auch wieder früher dunkel. Das Schachtelhaus hat ein großes Schlafzimmer, in dem wir alle drei schlafen, das in voller bodentiefer Fensterfront nach Süden zeigt, und wenn es noch hell ist, kann keiner von uns schlafen. Im Ergebnis reicht der Schlaf dann nicht aus, um morgens um sechs fit am Frühstückstisch zu sitzen.

In den dünnen Zwischenräumen zwischen Arbeit und Schule träume ich mich weit weg von meinen Sorgen und Ängsten und hege meine Zuversicht darauf, dass alles schon irgendwie werden wird, wie ein junges Pflänzchen. In manchen Momenten erscheint die Verzweiflung aber so übermächtig, dass die Fluchtgedanken immer größer werden. Ich bin schon einmal aus meinem Leben geflohen, vor zwölf Jahren. Mit wenig Gepäck und in der Hoffnung, dass von nun an alles besser werden würde. Damals wurde alles nur noch viel schlimmer, so schlimm, wie ich es in meinen größten Albträumen nicht hätte vorhersagen können.

Seltsam, wenn du dich ungeliebt fühlst und dieses Gefühl deiner eigenen Unzulänglichkeit zuschreibst, weil es dir ganz genauso auch immer wieder versichert wird. Weil es leichter ist, den Fehler bei sich zu suchen, statt zuzugeben, dass man sich in seiner Menschenkenntnis kräftig geirrt hat. Wie viel einfacher ist es, die Gefühle der eigenen defekten Persönlichkeit zuzuschreiben, statt sich mit den Tatsachen auseinanderzusetzen. Und dann stecke ich plötzlich fest in dieser völlig lieblosen Beziehung und begreife, dass ich meinem Gegenüber in jeder Hinsicht so gleichgültig bin, dass es an keinem einzigen Punkt der gemeinsamen Zeit irgendeine Gefühlsregung zeigt, außer, wenn sein Ego verletzt ist. Dann fließen die heißen Tränen der erstaunten Entrüstung.
In diesen Augenblicken befällt mich der Verdacht, dass ich der Situation nicht mehr entkommen kann. Ich bin die Gefangene meiner eigenen Dummheit. Vor zwölf Jahren bin ich auf das falsche Pferd gestiegen und steuere seitdem im rasanten Galopp auf einen Abgrund zu, so tief und unfassbar dunkel, dass ich um meine unsterbliche Seele fürchten muss.

Gegen Gleichgültigkeit kommt man nicht an. Man kann nicht ansprechen, nicht anschreiben, nicht anschreien. Gleichgültigkeit lässt jedes verzweifelte Wort, jeden eindringlichen Appell, jede inständige Bitte einfach an sich abperlen. Gleichgültigkeit ist der untere Totpunkt einer jeden Beziehung. Wenn Liebe in Hass umschlägt, hat man wenigstens etwas, mit dem man arbeiten kann. Wenn nie etwas anderes da war außer totaler und tiefster Gleichgültigkeit, dann kann das Leben in höllischer Ewigkeit ganz genau so weitergehen. Gleichgültigkeit ist ein träger Gleichgewichtspunkt, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Verzweiflung wächst und ertränkt jedes Gefühl, bis nur noch die Hilflosigkeit bleibt.

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Lohn und Brot

Ich würde gerne mal wieder etwas ganz für mich allein machen, sage ich am Abendtisch nach einem langen Tag zur Suppenfreundin, so nur für mein Wohlbefinden, weißt du, das habe ich einfach ganz lange nicht mehr gemacht.
Die Zeit dafür hättest du doch, erwidert die Suppenfreundin und schaut erstaunt von ihrem Brot auf, du arbeitest ja nicht.
Doch, ich arbeite schon, sage ich, da ist der Chaosprinz, die Schule, das Schreiben.
Siehst du, sagt sie, das Schreiben, das ist doch etwas ganz für dich allein.
Das ist Arbeit, sage ich.
Nein, ist es nicht, sagt sie, du wirst ja nicht dafür bezahlt.

Das stimmt natürlich. Ende meiner Dreißiger habe ich nach ein paar halbherzigen Versuchen beschlossen, dem deutschen Literaturbetrieb den Rücken zu kehren. Gründe dafür gab es viele, die meisten sind jedem geläufig, der es mal versucht hat. Dazu kam die Beobachtung, dass durch die Nutzung der übrigen Medien das Buch als solches immer weiter in den Hintergrund tritt. Mir scheint, als würde die Geduld für das Lesen eines Buches von Generation zu Generation schwinden. Gefragt sind schnelle Thriller und Krimis, und so etwas liegt mir gar nicht. Ich lese es nicht einmal gern. Ich mag die fein gezeichneten Charakterstudien, die mir etwas über die unterschiedlichen Abgründe erzählen, an denen Menschen entlangtanzen können. Und genauso schreibe ich.

Ganz privat und insgeheim halte ich mich auch nicht für gut genug, einen Leser über eine längere Zeitspanne am Text zu halten. Obwohl ich viel schreibe, schüchtert mich Sprache immer noch zu sehr ein, als dass ich Selbstvertrauen hätte aufbauen können. Und so kämpfe ich mich mit haufenweise Selbstzweifeln von Wort zu Wort und Satz zu Satz, freue mich an kleinen Erfolgen und schreibe öffentlich im Blog. Man könnte auch sagen, ich scheitere täglich neu mehr oder weniger an meinen eigenen Anforderungen. Vielleicht entwickle ich mich aber auch noch persönlich weiter oder bin irgendwann soweit zufrieden, dass ich ernsthaft nach einem Verlag zu suchen beginne, ausschließen möchte ich da nichts. Berufseinstieg mit über Fünfzig ist für Autoren jetzt nicht so ungewöhnlich.

Schreibende Menschen wissen ganz genau, wie viel Arbeit zwischen zwei Buchdeckeln (oder eben in einer Seite Blogtext) steckt. In meinen Dreißigern traf ich auf dem Autorinnenforum Berlin viele bekannte Namen, darunter Felicitas Hoppe. Sie sagte mir damals auf Nachfrage folgendes: Ich kenne keinen Autor, der gern schreibt. Alle stöhnen und ächzen unter der Last der Buchstaben, den endlosen Stunden in Einsamkeit, dem kreativen Prozess des Gebärens unter Schmerzen. Es ist nicht das Schreiben, was es ausmacht, es ist das Ergebnis, das hernach vor einem liegt. Das ist es, was Autoren zur Feder greifen lässt, das Ergebnis.
Zadie Smith formuliert in ihrem Essay „Besser Scheitern“ das Schreiben als einen Prozess, der zwangsläufig fehlschlagen muss, weil der Autor selten in der Lage ist, seine in Gedanken sorgfältig ausgearbeitete Fassung ganz genauso auf das Papier zu bringen. Das Ergebnis weicht somit fast immer von den eigenen Ansprüchen daran ab. Sie plädiert daher für eine „Poesie des Scheiterns“, ohne die, da seien wir mal ehrlich, der Buchmarkt um mindestens fünfzig Prozent ärmer wäre.
Sachbücher kann man da vermutlich getrost ausnehmen. So sagte Preisträgerin Kathrin Passig, die bis dato hauptsächlich Sachbücher geschrieben hatte, nach dem Bachmannwettbewerb, sie hätte im Vorfeld nie gedacht, wie anstrengend das Verfassen fiktionaler Literatur sein kann.
Und selbst Peter Hoeg sagte einmal in einem Interview über seinen Weltbestseller „Smillas Gespür für Schnee“, es hätte eigentlich ein ganz passabler Roman werden können, hätte er sich nur etwas mehr Zeit gelassen und noch mehr Arbeit investiert.

Viel Arbeit, viele Zweifel, Scheitern am Ideal und oftmals wenig Erfüllung – niemand hat jemals behauptet, das Schreiben ginge ihm leicht von der Hand. Es ist ein Prozess, in dem man stetig besser werden kann, wenn man nur lange genug übt, vielleicht nicht unbedingt so sehr den Umgang mit Worten, sondern vielmehr das eigene Vertrauen in sie. Und selbst dann noch fehlen manchmal trotzdem die entscheidenden zehn Prozent Inspiration.
Es ist Arbeit, liebe Suppenfreundin, und wie es Arbeit ist. Es ist viel mehr Arbeit, als man sich vorstellen kann, weil es ein Eintauchen erfordert, um etwas zu finden, das es wirklich wert wäre, auf das Papier gebracht zu werden. Das tut manchmal weh und hinterher ist man reichlich benommen. Das Rohmaterial, das vor einem liegt, will bearbeitet werden, erst grob behauen wie ein Stein, dann fein geschliffen wie ein Diamant – und manche dieser Diamanten sind wirklich hart.
Das Ergebnis dieser immensen Arbeit ist immer ungewiss.
Und nur in den aller seltensten Fällen wird es (angemessen) bezahlt.

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Irgendwo ist jetzt noch Sommer

Über Nacht kriecht schon die Herbstkälte ins kleine Schachtelhaus und so sitzen wir morgens frierend am Frühstückstisch. Der frühe Morgen ist für keinen von uns eine gute Zeit. Die Suppenfreundin gähnt, der Chaosprinz schaut blass aus seiner Kapuze. Mit langen Zähnen isst er sein belegtes Milchbrötchen und lässt die Hälfte liegen, bevor er den massigen Ranzen auf die Schultern wuchtet und zum Bus eilt. Dort ist es warm, sagt er, und freut sich drauf. Vor einer Kollektion schmutzigen Geschirrs bleibe ich zurück und erinnere mich, dass auch ich immer froh war, wenn ich aus der Kälte meines Elternhauses in den warmen Bus steigen konnte. So wie die Dinge stehen fürchte ich, dass wir diesen Winter das kleine Schachtelhaus nicht mehr ordentlich beheizen können. Deshalb habe ich begonnen, aus Wollresten eine warme Decke für den Chaosprinzen zu stricken.

In der Schule wurde ein Wimmelbild zum Ausmalen ausgeteilt. Es liegt hier, aber niemand hat ernsthaft vor, so ein Monster zu kolorieren. All die Zeit, die man bräuchte, um jede einzelne Kleinigkeit darauf auszumalen, wo würde die denn hingehen?
Nachts träume ich immer öfter von meiner eigenen Schulzeit. Ich irre durch die endlosen Gänge einer Schule, die ich einmal besucht habe, Der beißende Geruch von Industriereiniger hängt über den Räumen, alles wirkt steril funktional. An den Wänden hängen Gemälde von Ordensschwestern und Erzbischöfen, gefällig in Sichthöhe angebracht, damit das Auge sich schnell gewöhnt, so dass man sich bald keines mehr genau anschaut. Was sah ich, als ich sie zum ersten Mal sah? Das weiß ich nicht mehr.
Ich bin einsam, aber nicht allein, denn um mich herum sind hunderte Schülerinnen, die alle genau wissen, wohin sie gehen. Ich suche eine dunkle Ecke, in der ich allein sein kann, um der Hilflosigkeit in mir eine Heimat zu geben. Es ist kein Leben, es ist ein Alltagskrieg.

Es ist, als hätte ich mehrere Leben auf einmal gelebt, eines für jede Gelegenheit. Weil ich mich zwischen den unzähligen Möglichkeiten nie habe entscheiden wollen. Es ist viel bequemer, sich nicht festzulegen, als immer den richtigen Weg zu suchen. Eines Tages gehe ich einfach hinaus und niemand weiß, wo ich bin. Ich gehe, bis ich an einen Fluss komme, an dessen Ufer ich die vorbeiziehenden Containerschiffe beobachten kann. So umrunde ich die ganze Welt und bereise das halbe Universum und bin in Wahrheit immer noch dieselbe. Kurz bevor es dunkel wird, komme ich nach Hause.
Aus reiner Gewohnheit wünsche ich mir, was von mir erwartet wird, und komme mir dabei sehr individuell vor. Nur hin und wieder ziehe ich einen Strich und wundere mich, dass das, was ich sehe, das bestmögliche ist, was ich für mich erreichen konnte. Dann werde ich schwermütig, aber nur kurz, denn der Kosmos wartet nicht auf meine Befindlichkeit. Vielleicht rettet mich jede Nacht die Gewissheit über den neuen Tag. Vielleicht ist aber auch das nur Gewohnheit.

Im Süden, so schreibt meine Schwester, ist es noch Sommer. Die Tage sind heiß und das Meer viel zu warm für eine Abkühlung. Das Schuljahr beginnt hier erst Anfang September, aber eigentlich ist auch das noch zu früh. Sie schickt ein Foto, abends bei einem Glas Weißweinschorle im Restaurant. Durch die Dunkelheit des Hintergrunds scheint das rote Licht des kleinen Leuchtturms, der die Einfahrt in den Hafen deutet. Seltsamerweise erinnert mich genau dieses kleine Licht auf dem Foto plötzlich wieder daran, dass alles im Leben nur eine Frage des guten Willens ist.

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Zwischenbericht

Die Ferien sind vorüber und hier hat der Ernst des Lebens wieder zugeschlagen. Natürlich nimmt der Chaosprinz in seinem Alter noch recht wenig wirklich ernst, was ein absoluter Segen ist, für mich aber etwas mehr Organisation erfordert, gerade jetzt im Übergang auf die weiterführende Schule. Und so habe ich mich in den vergangenen Wochen damit befasst, die Beschaffungslisten der Schule abzuarbeiten, ein verlässliches System für das Einbinden von Schulbüchern zu erfinden, Checklisten für den Alltag aufzustellen, die es ihm erleichtern, seine Aufgaben mühelos abzuarbeiten, und Lunchbox – Vorschläge bei Youtube zu suchen. So sehr man sich bemüht, man schafft es als Eltern einfach nicht, alles perfekt auf den Punkt zu bekommen. Irgend etwas bleibt dabei immer auf der Strecke und meistens bin das ich.

Deshalb schreibe ich im Augenblick kaum noch in meinen Blog. An die tausend Themen sind mir immer wieder durch den Kopf geschossen, Fragen, die ich hier für mich gern erörtern würde, weil sie ansonsten keinen Platz im Leben finden. Zwischendurch blitzt jüngste Vergangenheit auf, erinnert mich, weshalb ich nicht möchte, dass irgendwer mich genauer kennt. An manchen Tagen wage ich einen deutlicheren Blick auf diese Blitze, lese alte Mitteilungen und schaue mir Fotos an. Und dann ist wieder alles klar, denn am Ende läuft es immer auf die Frage hinaus: wer bin ich für dich und wer für mich selbst.

Manchmal fürchte ich, dass ich das falsche Medium gewählt habe. Die Sprache ist so allseitig und vielgestaltig, dass ich aufpassen muss, bei ihrer Verwendung nicht in Allgemeinplätze zu rutschen. Sicher, je allgemeiner ich schreibe, desto besser treffe ich die Mehrheitsmeinung, desto mehr potentielle Zustimmung ist mir gewiss. Im Ergebnis entstehen dann aber profane Plattitüden und banale Binsenweisheiten, die total gut auf Schilder passen.

Wer bin ich für mich selbst?
Ich trinke meinen Kaffee mit Zucker und Milchschaum und dazu einen gesunden Shake aus grünem Gemüse mit einem Schuss Weizengraskonzentrat, denn selfcare ist essenziell. Ich streife durch dichten Nebel, eine Hand an der Leine gehe ich der Sonne entgegen, denn das tut mir gut. Am Rand des abgemähten Feldes warte ich geduldig auf mich selbst und empfinde, dass alles, was ich tue, von außen betrachtet reichlich seltsam aussieht. Es hilft nichts, ich ändere mich einfach nicht. Ich spüle das Geschirr, denn wir essen davon, ich mache die Betten, denn wir schlafen darin, ich wische den Boden, denn wir laufen darauf. Vor dem Spiegel lobe ich mich selbst, denn positive Bestätigung ist elementar für die intrinsische Motivation. Ich gehe in den Tag, als wäre heute der Neujahrstag, denn jeder Schritt ist Heautognomie, vorausgesetzt, die Wahrnehmung ist scharf und das Erleben im flow. Alles ergibt einen weichgespülten Sinn, und nur das, was wirklich mir gehört, bleibt auch bis zum Schluss.

Vielleicht habe nicht ich die Sprache gewählt, sondern sie mich. Jedes Mal, wenn ich tief eintauche in die schier unerschöpflichen Möglichkeiten sich auszudrücken, wenn ich die großen Meister der kleinen Worte lese, erschaudere ich in Ehrfurcht und denke, ich kann gar nicht so vermessen gewesen sein zu glauben, ich würde die Sprache zähmen und irgendwann tatsächlich beherrschen können. Selbst dann nicht, wenn ich mir wahrhaftig Mühe gebe. Vielleicht habe ich gar keine andere Wahl gehabt, als mich der Faszination der Worte zu ergeben. Und vielleicht ist diese Kapitulation ja sogar einvernehmlich – was immer das jetzt bedeuten mag.

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Erinnern heißt Vergessen

Wie die Zeit vergeht, in riesigen Sprüngen hüpft sie davon, wie die Hasen auf den vor einigen Tagen gemähten Feldern vor dem Haus. Große Heuballen Zeit blieben darauf zurück, sie blenden sich mit ihrer Farbe ins Feld, bis ein Traktor sie irgendwann fortfährt.

Heute Morgen im Bett zeigte mir mein Handy an, ich hätte nicht mehr genug Speicher. Das Handy ist kurz vor seiner Pensionierung, es hat einen guten Job gemacht und eigentlich bräuchte es einen Nachfolger. Und so beginne ich, unnötige Daten davon zu löschen, alte Notizen, schnelle Schnappschüsse und überholte Chatverläufe. In den vergangenen sechs Jahren gab es einige kurze Begegnungen, die getrost gelöscht werden können. Eine davon schleppe ich nun seit fast zwei Jahren durch jede Löschaktion, weil ich sie bis heute aufbewahren musste. Damit ich mich erinnere, bevor ich vergessen kann. Denn Erinnern heißt Vergessen, sagt man. Das liegt daran, dass im Gedächtnis das eigentliche Ereignis mit jeder neuen Erinnerung daran überschrieben wird. So verändert sich das ursprüngliche Geschehen, wird reduziert auf das Wesentliche, Gedächtnislücken werden aufgefüllt mit dem nächstliegenden, es entstehen Geschichten und daraus werden Legenden. Mit dem ursprünglich Geschehenen haben die meist nicht mehr viel zu tun.

Es ist ein sehr individueller Prozess, scheint mir, das Erinnern. Wenn ich mich mit Bekannten an alte Zeiten erinnere, haben wir immer ganz verschiedene Entwürfe von dem gemeinsam Erlebten. Vor einigen Jahren schrieb mich eine alte Schulkameradin auf Facebook an. Mit einiger Vorsicht las ich ihre Nachricht, antwortete unverbindlich, denn in meiner Schulzeit war ich ein gemobbtes Kind. An guten Tagen wurde ich ignoriert, doch wenn es unvermeidbar war, dass man auf mich traf, dann nutzte man die Gelegenheit, um mich zu ärgern, beleidigen und zu erniedrigen. Deshalb ist mir meine Schulzeit in keiner guten Erinnerung geblieben.

Es ist natürlich ein anderes Thema, aber es dient der Vollständigkeit und ist ja auch kein Geheimnis mehr, wenn ich erwähne, dass Mehrheitsgesellschaften noch nie mein Ding waren. Bis heute habe ich keinen blassen Schimmer, woran das liegen könnte, aber irgendwie falle ich den Menschen immer ins Auge wie ein bunter Hund. Als hätte ich eine Plakette mit der Aufschrift „Ich gehöre nicht dazu!“, meiden sie mich, sobald ich sie nur grüße. Ein anderes Thema, natürlich.

Jedenfalls hatte besagte Schulkameradin unsere gemeinsame Schulzeit ganz anders in Erinnerung als ich. Auf meine vorsichtige Antwort auf ihre Nachricht ergoss sich eine Lobeshymne auf unsere Freundschaft. Es fielen Sätze, die nahelegten, wie gut wir uns verstanden hätten, wie hilfreich ich ihr bei der Bewältigung der Herausforderungen des Erwachsenwerdens gewesen sei, wie nett wir es doch hatten. Tja, und da stehst du jetzt mit deinen eigenen Erinnerungen an diese gruselige Zeit und fragst dich, ob du deine Horrorszenarien nicht getrost überschreiben könntest mit ihren Schmetterlingsregenbogengeschichten. Die Versuchung dazu ist groß.

Ein weiteres, großes Zitat lautet: „Alles, was vergangen ist, ist schön!“ Keine Ahnung, wo ich es gehört habe, ich meine, es wird einem russischen Autor zugeschrieben, aber seit ich es kenne, denke ich darüber nach. Ich frage mich, ob es wirklich so ist, dass man seine Vergangenheit nur deshalb verklärt, weil sie vergangen ist. Weil es einfacher und auch viel angenehmer ist, sich nur an das Schöne zu erinnern statt an das Furchtbare. Damit überschreibt die Freude das Leid jedes Mal aufs Neue, bis man sich nicht mehr so genau erinnern kann, bis nur noch der Sonnenschein vom Sommer bleibt und der Regen vergessen ist. Was waren das für schöne Zeiten damals.

Eine Hypothese, nach der das persönliche Empfinden von Leid zu einer Frage der Zeit wird. Je näher die Vergangenheit, desto seltener ist sie freundlich überschrieben worden, desto präziser erinnern wir sie. Je weiter die Vergangenheit sich entfernt, desto öfter ist sie überschrieben worden mit Freude und Sonnenschein. Deshalb war früher wohl auch alles besser und nicht etwa, wie angenommen, der bloßen Tatsache geschuldet, dass wir das Früher überlebt haben, also kann es so schlimm ja nicht gewesen sein. Kompliziertes Gehirn.

Im Falle der bisher noch nicht gelöschten Kommunikation aus meinem Handy ist die Erinnerung noch frisch. Einzelheiten wurden vergessen, das gebe ich zu, aber das Wesentliche ist noch vorhanden. Aus Wut und Enttäuschung ist mit der Zeit ein Wundern geworden, darüber, wie einfach ich vertrauen konnte und wie leichtfertig mein Vertrauen missbraucht wurde. Ich habe mich immer schon darüber gewundert, wie Vertrauen funktioniert. Es ist, als würde ich selbst mir gar nicht aussuchen können, wem ich vertraue. Aus einer Flut von Begegnungen taucht plötzlich jemand auf, der mir vertrauenswürdig erscheint und zu dem ich dann ganz selbstverständlich Vertrauen fasse. Als Kind habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass derjenige mein Vertrauen gar nicht wollte, seitdem bin ich vorsichtiger geworden, wenn es darum geht, jemandem zu vertrauen.

Natürlich hat das viel zu tun mit der Angst vor Ablehnung, mit der Überzeugung, dem Gegenüber nicht zumutbar zu sein, mit dem Selbstbewusstsein darüber, wer ich bin, und dem Selbstwertgefühl, was ich kann. Als ich klein war, gab ich mich gern der sehnsüchtigen Illusion hin, dass jeder Mensch das Kind von jemandem sei. Dass jeder Mann ein Vater und jede Frau eine Mutter ist. Ich dachte mir aus, dass Familie immer selbstverständlich ist, wenigstens einer da, der liebt und einer, der geliebt wird. Ich wusste auch damals schon, dass das so nicht stimmt, aber diese Vorstellung gab dem Dasein doch irgendwie einen Sinn.

An diesem Sinnbild hat sich bis heute nicht viel geändert, ich habe es lediglich etwas überarbeitet. Würde ich jetzt spirituell werden wollen, so würde ich behaupten, dass, wenn wir alle aus dem Einem hervorgehen und zu dem Einen zurückkehren, der einzige Grund unserer Menschwerdung, unserer Manifestation in einer materiellen Welt, die Begegnung ist. Wir werden einander kurzfristig zum Gegenüber, bevor wir in der Summe dann wieder Eins ergeben. So oder so ähnlich vielleicht, jedenfalls kann man sich nur auf einem Spielfeld begegnen. Und mir gefällt diese Vorstellung, weil sie den Raum offen lässt für alle möglichen Spielarten. Auch wenn ich eigentlich genug von Begegnung habe, weshalb ich meist versuche, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Und doch sind trotzdem ab und an immer wieder welche da, manche gewaltig wie ein Orkan und manche unscheinbar fast. Begegnungen, die mich lehren, verändern, prägen, und wenn sie lange genug her sind, dann ist die Erinnerung an sie auch immer schön.

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