Abgeschlagen

Und so schreitet die Zeit voran: Der Chaosprinz ist gerade einmal zwei Wochen in der weiterführenden Schule und noch versuchen wir uns in diesem neuen Zeitmanagement zu finden, welche Uhrzeit fürs Aufstehen reicht und welchen Bus wir spätestens bekommen müssen, damit er noch pünktlich auf der Schulbank anlandet, da wird auch schon der erste Vokabeltest geschrieben. Eine grobe Sichtung seiner Materialien ergab immerhin, dass die fünfte Klasse offenbar einer feingliedrigeren Wiederholung der ersten vier dient. Neue Fächer werden langsam eingeführt, alles, was vormals unter Sachkunde fiel, hat jetzt eine eigene Schulstunde. Langsam wird es abends auch wieder früher dunkel. Das Schachtelhaus hat ein großes Schlafzimmer, in dem wir alle drei schlafen, das in voller bodentiefer Fensterfront nach Süden zeigt, und wenn es noch hell ist, kann keiner von uns schlafen. Im Ergebnis reicht der Schlaf dann nicht aus, um morgens um sechs fit am Frühstückstisch zu sitzen.

In den dünnen Zwischenräumen zwischen Arbeit und Schule träume ich mich weit weg von meinen Sorgen und Ängsten und hege meine Zuversicht darauf, dass alles schon irgendwie werden wird, wie ein junges Pflänzchen. In manchen Momenten erscheint die Verzweiflung aber so übermächtig, dass die Fluchtgedanken immer größer werden. Ich bin schon einmal aus meinem Leben geflohen, vor zwölf Jahren. Mit wenig Gepäck und in der Hoffnung, dass von nun an alles besser werden würde. Damals wurde alles nur noch viel schlimmer, so schlimm, wie ich es in meinen größten Albträumen nicht hätte vorhersagen können.

Seltsam, wenn du dich ungeliebt fühlst und dieses Gefühl deiner eigenen Unzulänglichkeit zuschreibst, weil es dir ganz genauso auch immer wieder versichert wird. Weil es leichter ist, den Fehler bei sich zu suchen, statt zuzugeben, dass man sich in seiner Menschenkenntnis kräftig geirrt hat. Wie viel einfacher ist es, die Gefühle der eigenen defekten Persönlichkeit zuzuschreiben, statt sich mit den Tatsachen auseinanderzusetzen. Und dann stecke ich plötzlich fest in dieser völlig lieblosen Beziehung und begreife, dass ich meinem Gegenüber in jeder Hinsicht so gleichgültig bin, dass es an keinem einzigen Punkt der gemeinsamen Zeit irgendeine Gefühlsregung zeigt, außer, wenn sein Ego verletzt ist. Dann fließen die heißen Tränen der erstaunten Entrüstung.
In diesen Augenblicken befällt mich der Verdacht, dass ich der Situation nicht mehr entkommen kann. Ich bin die Gefangene meiner eigenen Dummheit. Vor zwölf Jahren bin ich auf das falsche Pferd gestiegen und steuere seitdem im rasanten Galopp auf einen Abgrund zu, so tief und unfassbar dunkel, dass ich um meine unsterbliche Seele fürchten muss.

Gegen Gleichgültigkeit kommt man nicht an. Man kann nicht ansprechen, nicht anschreiben, nicht anschreien. Gleichgültigkeit lässt jedes verzweifelte Wort, jeden eindringlichen Appell, jede inständige Bitte einfach an sich abperlen. Gleichgültigkeit ist der untere Totpunkt einer jeden Beziehung. Wenn Liebe in Hass umschlägt, hat man wenigstens etwas, mit dem man arbeiten kann. Wenn nie etwas anderes da war außer totaler und tiefster Gleichgültigkeit, dann kann das Leben in höllischer Ewigkeit ganz genau so weitergehen. Gleichgültigkeit ist ein träger Gleichgewichtspunkt, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Verzweiflung wächst und ertränkt jedes Gefühl, bis nur noch die Hilflosigkeit bleibt.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Abgeschlagen

  1. Schreibfertigkeit und – kunst: Hoch zu loben!
    Wo und wie gelernt? Oder auf geheimnisvolle Art und Weise zugeflogen? (Oh, da reimt sich was.)
    Gruß von Sonja

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