Monatsarchiv: September 2022

Wie ein Sandkorn in meiner Hand

Warum auch immer wir gestern auf die Idee kamen, einander abends auf dem Sofa Geschichten zu erzählen von der Zeit bevor wir einander kannten. Es war schon weit nach Mitternacht, die Jungs schliefen längst in ihren Kojen, und ich war so müde, dass mir die Augen zufielen. Trotzdem fragte ich immer weiter nach. Mehr als mein halbes Leben kennen wir uns, mehr als die Hälfte haben wir in der Nähe von einander verbracht. Es sind alte Geschichten und ich hatte sie schon oft gehört, aber trotzdem.

Ihre erste große Liebe war ein Kroate. Sie hatten sich zufällig auf einem spontanen Urlaub kennengelernt. Eigentlich, so sagte sie, war er wie ein Bruder für sie, ein Kumpel, ein guter Freund. Der Sex war nicht unangenehm und gehörte dazu, aber gebraucht hätte sie ihn nicht. Seit jenem Sommer fuhr sie immer mal wieder ins Dorf am Meer, um ihn zu sehen. Sie lernte Kroatisch, um sich besser verständigen zu können. Er kam nach Deutschland, aber es gefiel ihm nicht. Zu stark war der Kontrast zwischen dem warmen, steinigen Süden am Meer und dem saftigen Grün des eng besiedelten Nordens.
Ihre Leben waren verbunden, immer mal wieder, dann rissen sie auseinander, immer mal wieder. Neue Partner, sie heiratete einen Zahnarzt, er eine Frau aus dem Dorf, beide bekamen Kinder, sie einen Sohn, er zwei Töchter. Vor fünfzehn Jahren kam er ein letztes Mal nach Deutschland. Da war sie schon längst vom Zahnarzt geschieden, er lebte in seiner Ehe, fand aber, sie habe die älteren Rechte. Doch schon bei ihrer Begrüßung am Bahnhof wussten beide, es würde nichts mehr laufen zwischen ihnen. Er blieb über das Wochenende, dann war er verschwunden. Zum Abschied sagte er ihr, es sei das letzte Mal gewesen und hat sich daran gehalten.
Was wäre gewesen, wenn, fragten wir uns gestern. Es wäre alles ganz anders gekommen. Sie hätte den Zahnarzt vermutlich nicht geheiratet, hätte den Sohn nicht bekommen. Vielleicht wären wir uns nie begegnet. Ob das alles besser gewesen wäre, wer weiß das schon?

Heute früh googlte ich nach seinem Namen. Manchmal findet man alte Bekannte irgendwo im Netz, wundert sich, wo sie heute sind und was sie dort machen. Ich fand den Namen sofort in einer Todesanzeige. Langsam stieg ich die Treppen hinab. Ich muss dir etwas sagen, begann ich und, setz dich für einen kurzen Moment. Vergänglich dieses Leben, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.
Sie läuft in den Keller, um ein Fotoalbum zu holen. Sie beide in Kroatien, irgendwo am Meer, Stein und Staub um sie herum. Sie lächeln ins Objektiv. Auf einem Boot, es ist winzig, aber mit starkem Motor. Die Farben sind alterstypisch, genauso wie die Mode. Das Kind bekommt Zuckerwatte an einem Stand an der Strandpromenade. Die Freundin ist topless. Ein ganzer Urlaub auf Fotopapier. Kurze Momentaufnahmen des Glücks, denn daran will man sich erinnern und deshalb posiert man für die Kamera. Um später einmal darauf zurückblicken und überzeugt sagen zu können, dass es ein gutes Leben war. Eines voller Glück und Sonnenschein, voller Sommertage und ohne Regenschauer. Man hat es mit einem Lächeln auf dem Gesicht gelebt. Zum Beweis: ein Foto.

Ich denke an die Tasche mit Fotografien aus meinem Leben, die im Keller immer noch darauf wartet, irgendwann sortiert und in Alben geklebt zu werden. Kurze Momentaufnahmen des Glücks, ein Lächeln für die Kamera. Damit man später sagen kann, die eigene Kindheit war ein Leben voller Sonnenschein. Zum Beweis: ein Foto. Darin nicht abgebildet sind die vielen Regentage voller Leid, Schmerz und Trauer. Die Momente der Selbstzweifel, der Mutlosigkeit, der Einsamkeit. Nur hin und wieder kann man in den Augen das Abbild davon erkennen, wie eine Reflektion des Fotografen, der ein Kuscheltier über das Kameraobjektiv hält und einem sagt, man solle lächeln, obwohl einem gar nicht nach Lächeln zumute ist.

Irgendwie ist ein Foto ihrer standesamtlichen Hochzeit mit dem Zahnarzt dazwischen gerutscht. Es zeigt sie beim Unterzeichnen der Heiratsurkunde. Er beugt sich gerade über das Buch, ein Doppelblatt in festes Leder gefasst, um ihm Gewichtigkeit zu verleihen. Sie sitzt mit überkreuzten Beinen neben ihm und lächelt für die Kamera. In diesem Augenblick, so erzählt sie, wurde ihr bewusst, dass die Ehe nicht halten würde. Er war ein Gentleman und als zwei Jahre später der Sohn geboren wurde, auch ein guter Vater, aber bereits im Augenblick der Unterzeichnung wusste sie, dass sie nicht für einander bestimmt gewesen sind.

Vielleicht liebte meine Mutter deshalb Fotos so sehr. Wann immer sie eines abstauben konnte, steckte sie es ein. Weil Fotos die guten Momente festhalten, in denen die Menschen, die man liebt, glücklich aussehen, und genau so will man sie in Erinnerung behalten, so glücklich und voller Sonnenschein. Die Fotos wurden betrachtet, bevor sie in der „wichtigen Schublade“ verschwanden, in der auch Dokumente ihren Platz fanden. Wann immer diese Schublade zu voll wurde, nahm meine Mutter eine blaue Mülltüte und stopfte alles hinein.
Im Keller stapelten sich diese blauen Müllsäcke. Nach ihrem Tod bin ich jeden einzelnen von ihnen durchgegangen. Geburtsurkunden, Sterbeurkunden, Scheidungsurkunden, Erbscheine, Einbürgerungsurkunden, Dankesurkunden. Briefe von Banken, Versicherungen, Verwandten, Kontoauszüge von vor zwanzig Jahren, Verträge, Pläne, Einkaufslisten. Fotos von Onkeln, die in Weltkriegen fielen, und Tanten am Tag ihrer Hochzeit, Kindergeburtstagen und Beerdigungen. Pittoreske Landschaftsaufnahmen von Tagesausflügen in die Berge, an Seen, in Dörfer. Haufen bedruckten Papiers, ein jedes wichtig, ein jedes steht für eine ganz besondere Erinnerung. Die Ansammlung eines ganzen Lebens, ausgeblichen und verknittert. Das Lebenschaos aus den blauen Säcken meiner Mutter war mein Erbe. Es hat mich Jahre gekostet, die Sammlung zu sichten und wichtige Unterlagen von unwichtigen zu trennen. Am Ende ging ich nach fast vierzig Jahren mit zwei Kartons aus meinem Elternhaus und überließ den Rest einer Firma, die alles in große Container warf und zur Verbrennung abholen ließ.

Eine Stunde nach dem Frühstück sitze ich alleine am Tisch und tippe diesen Eintrag. Mein Kopf ist verwirrt, so würde der Chaosprinz es ausdrücken. Ich denke über das Leben nach. Darüber, wie jeder einzelne Moment davon durchlebt werden will. Jede einzelne Sekunde, die wir gerne weglächeln würden, sei sie noch so schwer zu ertragen. Darüber, wie die Momente unseres Lebens uns unendlich lang erscheinen können. Wie die Ansammlung dieser Momente hinterher zur Geschichte unseres Lebens werden. Und wie sie letztlich davonflattern, vom Wind zu Staub zertragen werden, wie ganze Galaxien geboren werden, während ich einatme, und wieder sterben, noch während ich ausatme. In meine Gedanken hinein klingelt es an der Haustür, der Chaosprinz läuft neugierig hin. Es ist Sonntag, wichtig kann es also nicht sein, denke ich, und bleibe vor dem Computer sitzen. Erst als ich merke, dass der Chaosprinz offenbar eine Konversation führt, stehe ich auf.
An der Haustür steht ihr Sohn. Gerade noch hatten wir Fotos von ihm als kleinem Jungen angesehen, wie er im Meer tauchte und Zuckerwatte an der Strandpromenade naschte. Ich bin überrascht, schalte aber nicht. Sie hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn. Obwohl er im gleichen Dorf wohnt, sprechen die beiden nicht mit einander. Der Grund dafür bin vermutlich ich, auch wenn ich nicht so genau weiß, wie ich in diese Lage geraten bin.

Warum konnten Menschen nicht einfach akzeptieren, dass wir unser Leben miteinander verbringen wollten. Dass wir uns mochten und irgendwie spürten, dass wir zueinander gehörten. Dass es nichts mit körperlicher Anziehung zu tun hatte, nichts mit Sex, nichts mit irgendwelchen Vorteilen, die wir uns davon versprachen. Warum konnten die Menschen nicht einfach akzeptieren, dass wir zusammengehörten, weil irgendeine höhere Macht uns zusammengeführt hatte. Dass wir unsere Beziehung niemals hätten definieren können, weil sie in keine der gängigen Kategorien zu passen schien. Dass wir uns auch gar nicht auf irgendetwas davon festlegen wollten, was ohnehin danebengelegen hätte. Konnte sich denn niemand vorstellen, dass wir einander mochten und uns füreinander verantwortlich fühlten. Dass wir für einander da sein wollten. Warum dachten die Menschen nur an Sex und Geld. Wo beides doch überhaupt niemals eine Rolle zwischen uns gespielt hatte.

Der Zahnarzt war gestorben. Deshalb stand ihr Sohn heute vor der Tür seines Elternhauses. Für uns kam diese Nachricht völlig unerwartet, wir wussten nicht einmal, dass der Zahnarzt ernstlich erkrankt war. Niemand hatte sie darüber informiert. Der Sohn vermied das Wort „Mutter“ bewusst und nannte sie beim Vornamen, als er nach ihr fragte. Ich bat ihn herein, aber er wollte nicht. Meine Augen füllten sich mit Tränen, als ich ihm sagte, dass er es sich alles noch einmal überlegen sollte. Das Leben, sagte ich ihm, sei so kurz. Es sei so vergänglich, das Leben, und das Ende sei so unberechenbar. Und am Ende, sagte ich ihm, seien wir doch nur unsere eigenen Geschichten, und ob es ihm nicht angesichts dieser Umstände möglich sei, fragte ich ihn, die Beziehung zumindest in irgendeine Normale zu bringen.
Darüber sollten wir doch jetzt nicht sprechen, sagte er. Dann ging er, er müsse noch die Kinder abholen, entschuldigte er sich.

Meine beste Freundin, die Frau, in deren Nähe ich mehr als mein halbes Leben verbracht habe, bevor wir uns vor nunmehr zwölf Jahren entschieden, zusammenzuziehen, hat an diesem Tag ihre große Liebe und ihren Exmann verloren. Eine Nacht zuvor hatten wir noch über ihr Leben gesprochen. Wir hatten uns morgens die Fotoalben angeschaut, als hätten wir es irgendwie geahnt. Aber natürlich hätten wir es nicht wissen können. Es hatte ja nicht einmal Hinweise darauf gegeben.

Mein Kopf ist nicht mehr verwirrt, auch wenn ich noch wirr schreibe. In Wahrheit erscheint mir nun vieles klarer als zuvor. Zum Beispiel, dass das Leben viel zu kurz ist, um sich seine Zeit vom Alltagskummer auffressen zu lassen. Dass die schönen Augenblicke, die wir auf Fotos festhalten, so flüchtig und vergänglich sind, und so klein wie ein Sandkorn auf meiner ausgestreckten Handinnenfläche. Dass ich meine Suppenfreundin so lieb habe, so sehr, dass ich die mir zugeteilte Zeit an ihrer Seite verbringen wollte, für sie da sein wollte und dass es mir scheißegal ist, warum das irgendjemand nicht versteht. Ich werde niemals wieder über irgendetwas streiten, über rein gar nichts mehr, denn nichts auf der Welt ist es wert, um darüber zu streiten und dafür reicht die Zeit auch einfach nicht mehr. Von nun an will ich die Privilegien des Alters genießen. Ich will lilafarbene Kleidung tragen und einen verrückten Hut. Ab heute werde ich zu meiner eigenen Geschichte. Möge sie eine gute werden.

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T-2

Ob es der Klang ist?
Das Geräusch, ein Schall nur, kein Wort, spät nachts oder früh am Morgen, wenn niemand damit rechnet, weil alles schläft.

Vielleicht ist es der Klang.
Ich tue mich schwer mit diesem Herbst.
Es ist zu kalt, und wenn es kalt ist, dann sollte ich gar nicht hier sein, dann ist vielleicht der Ort falsch. Es gäbe welche, die wären weniger falsch, aber der richtige war noch nicht dabei. Jedenfalls ist die Zeit falsch, da bin ich mir sicher.

Es summt in meinen Ohren, irgendwie betäubend, und warum sagst du nichts? Weil es zu laut ist, weil ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann, wenn alles bricht und bröckelt, und was einmal kaputt ist, das lässt sich auch nicht mehr kleben, und genau deshalb muss man vorsichtig sein. Aber wem sag ich das.

Jedenfalls tue ich mich schwer mit diesem Herbst und diesen Nächten, und dabei sollte man meinen, ich hätte mich längst daran gewöhnt, und dass es mich doch keine schlaflosen Nächte mehr kostet.

Vielleicht ist es das Gesamtkonzept – was erscheint, ist auf Links gedreht und wirkt deshalb irgendwie falsch, ohne dass man sagen könnte, wie es denn nun richtig wäre.
Ein Suchbild vielleicht, in dem man keine Fehler findet, das aber trotzdem falsch aussieht.
Vielleicht ist es das.

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52 Stunden

Eine nicht unerhebliche Anzahl Stunden habe ich in meinem Leben mit Warten zugebracht. Warten auf besondere Ereignisse, auf Urlaube oder Wochenenden. Warten auf Klausurtermine, Geschäftsmeetings, Arztbesuche. Warten auf Ankünfte und Abfahrten, das Klingeln von Schulglocken oder den Postboten, auf Sonnenuntergänge und darauf, dass es wieder Morgen wird.

Der Chaosprinz ist seit einer Stunde unterwegs auf Klassenfahrt. Sie fahren in irgend ein Nest irgendwo im Westerwald, einfach nur, um wegzufahren, denn zu sehen gibt es dort eher nichts. Ich habe ihm tapfer jede Menge Spaß gewünscht und, kaum dass er aus der Tür war, meinen Timer auf 52 Stunden gesetzt. Die gilt es jetzt abzuwarten und durchzustehen. Ich widerstehe dem Impuls, in meine Schrottschleuder zu springen und ihm einfach nachzufahren. Mich dort irgendwo einzuquartieren und ihn aus der Ferne zu beobachten. Ich bin keine Helikoptermutter!

Jemand warf mir einmal vor, kein Vertrauen ins Leben zu haben. Wie sollte man das denn auch haben? Dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest sind wir doch völlig gleichgültig und selbst einander bedeuten wir nichts.

Ich bin keine Helikoptermutter, aber es ist so schwierig, erwachsen zu werden. Das weiß ich, denn ich musste ja selbst mal erwachsen werden. Allerdings waren das noch ganz andere Zeiten. So erinnere ich mich als Achtjährige, wie ich vor dem Podestpult von Schwester Carola stand. Sie schob ihre Lesebrille auf die Spitze ihrer Knollennase und sah über die Brillengläser hinweg prüfend auf mich herunter, bevor sie einen Blick in mein Heft warf. Und für diesen einen, kurzen Moment blieb mein Herz einfach stehen.
Ich bin keine Helikoptermutter. Leichter ist es im Laufe der Zeit nicht gerade geworden, das Erwachsenwerden. Das Erwachsensein aber auch nicht. Denn ganz gleich, wie du es machst, du machst es ohnehin verkehrt. Bei all dem, was Eltern alles falsch machen, ist es ein Wunder, dass es uns überhaupt noch gibt. Bei allem, was Eltern alles falsch machen könnten, ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen beschließen, keine werden zu wollen. Und, da seien wir mal ganz ehrlich, hätten Eltern immer ganz genau gewusst, was da eigentlich auf sie zukommt, wären wir längst ausgestorben. Andererseits ist das wohl auch so, wenn du dir eine verdammte Zimmerpflanze im Gartencenter kaufst. Immer, immer, immer kommt irgendjemand daher, der sich berufen fühlt, dir wortreich zu erklären, wie du es besser machen könntest.

Zweiundfünfzig Stunden.
Durchzustehen mit viel gutem Willen und einer ordentlichen Portion Ablenkung.
Und so wird es gehen. Irgendwie.

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Der Chaosprinz, die Schule und ein Witz

Ich mag die ersten Tage eines Monats, wenn das Kalenderblatt noch frisch und die Zeit eines ganzen Monats vor mir liegt. Es ist wie ein Neubeginn, die Geburt eines Monats, der so viele Möglichkeiten bereit hält, so viel Zeit, die die Chance bietet, alles noch ein bisschen besser zu machen, das Leben immer näher an das erträumte Ideal zu bringen. Ein exzeptioneller Tag, an dem einfach alles möglich wäre, und wenn es gut läuft, ist das ein gutes Omen für den ganzen Monat.

Drei Wochen ist der Chaosprinz jetzt auf der weiterführenden Schule und es beginnt sich auszuzahlen, dass ich im Vorfeld bereits eine gute Organisationsstruktur für ihn aufgebaut habe. Es gibt beschriftete Ablagefächer für jedes Fach und eine Liste, wie der neue Tag am Abend vorher vorbereitet sein will. Darüber hängt der Stundenplan und daneben ein Zettel mit goldenen Regeln und wichtigen Terminen, so dass nichts verpasst wird. Der Ranzen ist fachübergreifend, aber gut sortiert, so dass mit einem Griff alles hervorgeholt und auch wieder verstaut werden kann. Meine eigene Ordnungsstruktur wird durch ein gutes Organisationsmanagement aus der Schule komplementiert, so dass der Chaosprinz nicht lange grübeln muss, was er jetzt eigentlich zu tun hat, sondern sich ganz auf das Lernen konzentrieren kann. So bleibt er stets am Ball.

Die Klassengemeinschaft ist wie jede Klassengemeinschaft: Es gibt Häme und Spott, starke Männer und hübsche Mädchen, Streber und Klassenclowns. Abends, wenn der Chaosprinz im Bett liegt, setze ich mich zu ihm und lasse mir von den sozialen Strukturen in der Klasse erzählen. Gestern, so erzählte der Chaosprinz mir, kam ein Junge nach Bio auf ihn zu und boxte ihm in die Rippen. Erstaunt sah der Chaosprinz ihn an und fragte, warum er ihn geboxt habe. Da sagte der Junge: Weil du nervst!
Was macht man da?, fragt er mich, wie soll ich denn auf sowas reagieren?
Ich dachte einen Augenblick nach, wie ich dem Chaosprinzen in diesem Fall raten soll. Am Ende entschied ich mich für einen Rat, den ich für meinen Geschmack viel zu spät von einer Tante bekommen hatte. Das Leben, so sagte sie mir damals, ist manchmal ein Meer aus Scheiße und wir schwimmen alle bis zum Hals darin. Die Kunst des Lebens ist es nun, sich immer nur neben denjenigen aufzuhalten, die keine Wellen schlagen. Von allen anderen hält man sich besser fern, wenn man keine Scheiße schlucken will.

Die Digitalisierung der Schulen hat sicher seine Vorteile, vor allem, wenn so eine Pandemie den Planeten überrollt und alle Menschen zu Hause bleiben müssen. Ein Nachteil ist, dass wir am letzten Wochenende einen Haufen Zeit in die Anmeldung und die Erforschung der Plattform stecken mussten. Intuitiv ist da für mich überhaupt gar nichts. Glücklicherweise gehört der Chaosprinz schon zur Generation Internet und hat offenbar dadurch eine genetische Prädisposition, die ganzen Seiten und Links und Foren und Programme viel schneller zu begreifen als ich. Um die Kinder an die Plattformkommunikation zu gewöhnen, war eine Hausaufgabe der Lehrerin, ihr einen Witz über email zu schicken. Der Chaosprinz überlegte, dann entschied er sich für einen selbst erdachten, und ich finde, das ist ein ganz wundervoller Witz:

Eine Familie bekommt ein Kind.
Der Vater fragt: „Wie sollen wir es nennen? Hans vielleicht? Oder Klaus? Oder vielleicht doch lieber Johann?“
Die Mutter antwortet: „Nein, wir nennen es Schulfrei – vertrau mir, das wird lustig.“
Elf Jahre später.
In der Klasse prüft die Lehrerin die Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler.
„Sabine?“, sagt sie.
Sabine ruft: „Ja!“
„Klaus?“, sagt die Lehrerin.
„Ja!“, ruft Klaus.
„Schulfrei?“, sagt die Lehrerin.
Die ganze Klasse ruft: „Jaaaaaaa!“

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