Wie ein Sandkorn in meiner Hand

Warum auch immer wir gestern auf die Idee kamen, einander abends auf dem Sofa Geschichten zu erzählen von der Zeit bevor wir einander kannten. Es war schon weit nach Mitternacht, die Jungs schliefen längst in ihren Kojen, und ich war so müde, dass mir die Augen zufielen. Trotzdem fragte ich immer weiter nach. Mehr als mein halbes Leben kennen wir uns, mehr als die Hälfte haben wir in der Nähe von einander verbracht. Es sind alte Geschichten und ich hatte sie schon oft gehört, aber trotzdem.

Ihre erste große Liebe war ein Kroate. Sie hatten sich zufällig auf einem spontanen Urlaub kennengelernt. Eigentlich, so sagte sie, war er wie ein Bruder für sie, ein Kumpel, ein guter Freund. Der Sex war nicht unangenehm und gehörte dazu, aber gebraucht hätte sie ihn nicht. Seit jenem Sommer fuhr sie immer mal wieder ins Dorf am Meer, um ihn zu sehen. Sie lernte Kroatisch, um sich besser verständigen zu können. Er kam nach Deutschland, aber es gefiel ihm nicht. Zu stark war der Kontrast zwischen dem warmen, steinigen Süden am Meer und dem saftigen Grün des eng besiedelten Nordens.
Ihre Leben waren verbunden, immer mal wieder, dann rissen sie auseinander, immer mal wieder. Neue Partner, sie heiratete einen Zahnarzt, er eine Frau aus dem Dorf, beide bekamen Kinder, sie einen Sohn, er zwei Töchter. Vor fünfzehn Jahren kam er ein letztes Mal nach Deutschland. Da war sie schon längst vom Zahnarzt geschieden, er lebte in seiner Ehe, fand aber, sie habe die älteren Rechte. Doch schon bei ihrer Begrüßung am Bahnhof wussten beide, es würde nichts mehr laufen zwischen ihnen. Er blieb über das Wochenende, dann war er verschwunden. Zum Abschied sagte er ihr, es sei das letzte Mal gewesen und hat sich daran gehalten.
Was wäre gewesen, wenn, fragten wir uns gestern. Es wäre alles ganz anders gekommen. Sie hätte den Zahnarzt vermutlich nicht geheiratet, hätte den Sohn nicht bekommen. Vielleicht wären wir uns nie begegnet. Ob das alles besser gewesen wäre, wer weiß das schon?

Heute früh googlte ich nach seinem Namen. Manchmal findet man alte Bekannte irgendwo im Netz, wundert sich, wo sie heute sind und was sie dort machen. Ich fand den Namen sofort in einer Todesanzeige. Langsam stieg ich die Treppen hinab. Ich muss dir etwas sagen, begann ich und, setz dich für einen kurzen Moment. Vergänglich dieses Leben, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.
Sie läuft in den Keller, um ein Fotoalbum zu holen. Sie beide in Kroatien, irgendwo am Meer, Stein und Staub um sie herum. Sie lächeln ins Objektiv. Auf einem Boot, es ist winzig, aber mit starkem Motor. Die Farben sind alterstypisch, genauso wie die Mode. Das Kind bekommt Zuckerwatte an einem Stand an der Strandpromenade. Die Freundin ist topless. Ein ganzer Urlaub auf Fotopapier. Kurze Momentaufnahmen des Glücks, denn daran will man sich erinnern und deshalb posiert man für die Kamera. Um später einmal darauf zurückblicken und überzeugt sagen zu können, dass es ein gutes Leben war. Eines voller Glück und Sonnenschein, voller Sommertage und ohne Regenschauer. Man hat es mit einem Lächeln auf dem Gesicht gelebt. Zum Beweis: ein Foto.

Ich denke an die Tasche mit Fotografien aus meinem Leben, die im Keller immer noch darauf wartet, irgendwann sortiert und in Alben geklebt zu werden. Kurze Momentaufnahmen des Glücks, ein Lächeln für die Kamera. Damit man später sagen kann, die eigene Kindheit war ein Leben voller Sonnenschein. Zum Beweis: ein Foto. Darin nicht abgebildet sind die vielen Regentage voller Leid, Schmerz und Trauer. Die Momente der Selbstzweifel, der Mutlosigkeit, der Einsamkeit. Nur hin und wieder kann man in den Augen das Abbild davon erkennen, wie eine Reflektion des Fotografen, der ein Kuscheltier über das Kameraobjektiv hält und einem sagt, man solle lächeln, obwohl einem gar nicht nach Lächeln zumute ist.

Irgendwie ist ein Foto ihrer standesamtlichen Hochzeit mit dem Zahnarzt dazwischen gerutscht. Es zeigt sie beim Unterzeichnen der Heiratsurkunde. Er beugt sich gerade über das Buch, ein Doppelblatt in festes Leder gefasst, um ihm Gewichtigkeit zu verleihen. Sie sitzt mit überkreuzten Beinen neben ihm und lächelt für die Kamera. In diesem Augenblick, so erzählt sie, wurde ihr bewusst, dass die Ehe nicht halten würde. Er war ein Gentleman und als zwei Jahre später der Sohn geboren wurde, auch ein guter Vater, aber bereits im Augenblick der Unterzeichnung wusste sie, dass sie nicht für einander bestimmt gewesen sind.

Vielleicht liebte meine Mutter deshalb Fotos so sehr. Wann immer sie eines abstauben konnte, steckte sie es ein. Weil Fotos die guten Momente festhalten, in denen die Menschen, die man liebt, glücklich aussehen, und genau so will man sie in Erinnerung behalten, so glücklich und voller Sonnenschein. Die Fotos wurden betrachtet, bevor sie in der „wichtigen Schublade“ verschwanden, in der auch Dokumente ihren Platz fanden. Wann immer diese Schublade zu voll wurde, nahm meine Mutter eine blaue Mülltüte und stopfte alles hinein.
Im Keller stapelten sich diese blauen Müllsäcke. Nach ihrem Tod bin ich jeden einzelnen von ihnen durchgegangen. Geburtsurkunden, Sterbeurkunden, Scheidungsurkunden, Erbscheine, Einbürgerungsurkunden, Dankesurkunden. Briefe von Banken, Versicherungen, Verwandten, Kontoauszüge von vor zwanzig Jahren, Verträge, Pläne, Einkaufslisten. Fotos von Onkeln, die in Weltkriegen fielen, und Tanten am Tag ihrer Hochzeit, Kindergeburtstagen und Beerdigungen. Pittoreske Landschaftsaufnahmen von Tagesausflügen in die Berge, an Seen, in Dörfer. Haufen bedruckten Papiers, ein jedes wichtig, ein jedes steht für eine ganz besondere Erinnerung. Die Ansammlung eines ganzen Lebens, ausgeblichen und verknittert. Das Lebenschaos aus den blauen Säcken meiner Mutter war mein Erbe. Es hat mich Jahre gekostet, die Sammlung zu sichten und wichtige Unterlagen von unwichtigen zu trennen. Am Ende ging ich nach fast vierzig Jahren mit zwei Kartons aus meinem Elternhaus und überließ den Rest einer Firma, die alles in große Container warf und zur Verbrennung abholen ließ.

Eine Stunde nach dem Frühstück sitze ich alleine am Tisch und tippe diesen Eintrag. Mein Kopf ist verwirrt, so würde der Chaosprinz es ausdrücken. Ich denke über das Leben nach. Darüber, wie jeder einzelne Moment davon durchlebt werden will. Jede einzelne Sekunde, die wir gerne weglächeln würden, sei sie noch so schwer zu ertragen. Darüber, wie die Momente unseres Lebens uns unendlich lang erscheinen können. Wie die Ansammlung dieser Momente hinterher zur Geschichte unseres Lebens werden. Und wie sie letztlich davonflattern, vom Wind zu Staub zertragen werden, wie ganze Galaxien geboren werden, während ich einatme, und wieder sterben, noch während ich ausatme. In meine Gedanken hinein klingelt es an der Haustür, der Chaosprinz läuft neugierig hin. Es ist Sonntag, wichtig kann es also nicht sein, denke ich, und bleibe vor dem Computer sitzen. Erst als ich merke, dass der Chaosprinz offenbar eine Konversation führt, stehe ich auf.
An der Haustür steht ihr Sohn. Gerade noch hatten wir Fotos von ihm als kleinem Jungen angesehen, wie er im Meer tauchte und Zuckerwatte an der Strandpromenade naschte. Ich bin überrascht, schalte aber nicht. Sie hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn. Obwohl er im gleichen Dorf wohnt, sprechen die beiden nicht mit einander. Der Grund dafür bin vermutlich ich, auch wenn ich nicht so genau weiß, wie ich in diese Lage geraten bin.

Warum konnten Menschen nicht einfach akzeptieren, dass wir unser Leben miteinander verbringen wollten. Dass wir uns mochten und irgendwie spürten, dass wir zueinander gehörten. Dass es nichts mit körperlicher Anziehung zu tun hatte, nichts mit Sex, nichts mit irgendwelchen Vorteilen, die wir uns davon versprachen. Warum konnten die Menschen nicht einfach akzeptieren, dass wir zusammengehörten, weil irgendeine höhere Macht uns zusammengeführt hatte. Dass wir unsere Beziehung niemals hätten definieren können, weil sie in keine der gängigen Kategorien zu passen schien. Dass wir uns auch gar nicht auf irgendetwas davon festlegen wollten, was ohnehin danebengelegen hätte. Konnte sich denn niemand vorstellen, dass wir einander mochten und uns füreinander verantwortlich fühlten. Dass wir für einander da sein wollten. Warum dachten die Menschen nur an Sex und Geld. Wo beides doch überhaupt niemals eine Rolle zwischen uns gespielt hatte.

Der Zahnarzt war gestorben. Deshalb stand ihr Sohn heute vor der Tür seines Elternhauses. Für uns kam diese Nachricht völlig unerwartet, wir wussten nicht einmal, dass der Zahnarzt ernstlich erkrankt war. Niemand hatte sie darüber informiert. Der Sohn vermied das Wort „Mutter“ bewusst und nannte sie beim Vornamen, als er nach ihr fragte. Ich bat ihn herein, aber er wollte nicht. Meine Augen füllten sich mit Tränen, als ich ihm sagte, dass er es sich alles noch einmal überlegen sollte. Das Leben, sagte ich ihm, sei so kurz. Es sei so vergänglich, das Leben, und das Ende sei so unberechenbar. Und am Ende, sagte ich ihm, seien wir doch nur unsere eigenen Geschichten, und ob es ihm nicht angesichts dieser Umstände möglich sei, fragte ich ihn, die Beziehung zumindest in irgendeine Normale zu bringen.
Darüber sollten wir doch jetzt nicht sprechen, sagte er. Dann ging er, er müsse noch die Kinder abholen, entschuldigte er sich.

Meine beste Freundin, die Frau, in deren Nähe ich mehr als mein halbes Leben verbracht habe, bevor wir uns vor nunmehr zwölf Jahren entschieden, zusammenzuziehen, hat an diesem Tag ihre große Liebe und ihren Exmann verloren. Eine Nacht zuvor hatten wir noch über ihr Leben gesprochen. Wir hatten uns morgens die Fotoalben angeschaut, als hätten wir es irgendwie geahnt. Aber natürlich hätten wir es nicht wissen können. Es hatte ja nicht einmal Hinweise darauf gegeben.

Mein Kopf ist nicht mehr verwirrt, auch wenn ich noch wirr schreibe. In Wahrheit erscheint mir nun vieles klarer als zuvor. Zum Beispiel, dass das Leben viel zu kurz ist, um sich seine Zeit vom Alltagskummer auffressen zu lassen. Dass die schönen Augenblicke, die wir auf Fotos festhalten, so flüchtig und vergänglich sind, und so klein wie ein Sandkorn auf meiner ausgestreckten Handinnenfläche. Dass ich meine Suppenfreundin so lieb habe, so sehr, dass ich die mir zugeteilte Zeit an ihrer Seite verbringen wollte, für sie da sein wollte und dass es mir scheißegal ist, warum das irgendjemand nicht versteht. Ich werde niemals wieder über irgendetwas streiten, über rein gar nichts mehr, denn nichts auf der Welt ist es wert, um darüber zu streiten und dafür reicht die Zeit auch einfach nicht mehr. Von nun an will ich die Privilegien des Alters genießen. Ich will lilafarbene Kleidung tragen und einen verrückten Hut. Ab heute werde ich zu meiner eigenen Geschichte. Möge sie eine gute werden.

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2 Antworten zu “Wie ein Sandkorn in meiner Hand

  1. Bitte weiter…! Bitte!

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  2. Wunderbar, so die letzten Sätze…und ich musste an dich denken beim Anschauen des Films. Siehe mein heutiger Blogeintrag.
    Gruß von Sonja

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