Herbstbunt

Die Ferien sind vorüber und der Herbst hat nun langsam die Landschaft übernommen. Im Garten verblüht das Unkraut und unter den vertrockneten Resten kommt wieder grüner Rasen zum Vorschein. Heimlich still über Nacht steigt immer öfter ein dichter Nebel über dem Feld vor dem Schachtelhaus auf. Morgens ist es jetzt schon dunkel und bitterkalt, wenn der Chaosprinz zur Bushaltestelle geht.

Um mich herum versinken Menschen im Unglück. Ich empfange schlechte Nachrichten wie ein falsch eingestellter Radiosender und frage mich, ob das schon immer so gewesen ist. Jemand liegt schwerverletzt im Krankenhaus, ein anderer ist jung gestorben. Ein Paar hat sich getrennt, weil sie wieder eine Fehlgeburt hatte, ein anderes, weil sie sich nach über 35 Jahren Ehe nichts mehr zu sagen haben. Vor meinem Fenster wird es dennoch bunt, die Natur setzt ihren Kreislauf fort. Seltsam, denke ich manchmal, dass alles der Veränderung unterworfen ist, nur eben der Kreis der Jahreszeiten nicht.
Vielleicht ist es auch nur ein menschlicher Irrglaube, dass die Jahresuhr sich konstant in ihrer Ebene dreht. Die Zeit gibt ihr als vierte Dimension doch vielmehr die Form einer Spirale. Und doch, in diesem ganzen Entstehen und Vergehen scheint nichts auf der Welt sich wesentlich zu verändern, außer uns selbst.

Tagsüber ist es noch warm im Schachtelhaus. Noch heizen die Sonnenstrahlen die Innenräume auf, auch wenn die Sonne jetzt viel tiefer steht und dadurch mehr blendet als wärmt. Am Nachmittag, wenn die Hausaufgaben erledigt sind, brühen wir uns eine Kanne Tee auf und kuscheln uns gemeinsam auf das Sofa. Ich nehme mein Strickzeug zur Hand und der Chaosprinz schaut mir zu.
Früher war die Welt viel bunter, sagt er, jetzt bleicht sie aus. Grau wird es, sagt er, und ich habe nicht das Herz, ihm zu sagen, dass es nicht die Welt ist, die ergraut, sondern das Leben. Überhaupt mache ich mir Sorgen um seine Zukunft, in den fünfzig Jahren meiner Zeit schien mir das Leben noch nie so nah am Abgrund gestanden zu haben wie heute.

Es ist nur der Herbst, denke ich dann. Er kommt zwar in bunten Blättern und goldenem Schein verheißungsvoll daher, aber wir wissen, dass nun der Winter auf uns wartet, kalt und dunkel und nur schwer zu ertragen. Deshalb sorge ich vor, ich stricke warme Decken aus bunter Wolle und singe dabei alte Kinderlieder, die ich fast vergessen hätte, würde ich sie dem Chaosprinzen nicht unermüdlich vorsingen. Die größte Angst bleibt unbesungen, sagt der Chaosprinz, während er sich an mich kuschelt, und ich denke, ich weiß ganz genau, was er damit meint.

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