Rheinisches Durcheinander

Heute früh weckte mich ein seltsamer Traum. Ich glaube, ich war in einem Tempel, zumindest sah es so aus. Aus Marmor gebaute Säulen, die immer wieder kleine Atrien einfassten, in denen Menschen sich bewegten, die ich nicht kannte, um ein Objekt herum, dass ich nicht eindeutig erkennen konnte. Es war sonnig warmer Herbst, was man an dem Einfall goldenen Sonnenlichts durch die Räume erkennen kann und daran, dass es weder zu heiß noch zu kalt war.

Die Tage verbringen der Chaosprinz und ich mit der Systematisierung der Grammatik Arbeitsblätter, die zur Vorbereitung auf die Klassenarbeit aus der Schule gekommen sind. Satzglieder und Wortarten, deklinierbar, konjugierbar, nicht flektierbar. Gemeinsam ordnen wir das Chaos der deutschen Sprache in einer übersichtlichen Mindmap und entdecken die Schönheit der Strukturen. Für die Fälle haben wir uns gestern Abend noch eine kleine Geschichte ausgedacht: Ich stehe morgens auf und schaue in den Garten. Dort entdecke ich einen riesigen Haufen. Ich frage in die Runde der Haustiere: Wer oder was hat in den Garten geschissen? Weil keine Antwort kommt, rufe ich aufgebracht: Wessen Scheiße ist das? Immer noch bekomme ich keine Antwort, deshalb schreie ich wütend: Wem muss ich jetzt eine schallern? Und schließlich, weil sich immer noch keiner bekannt hat, brülle ich: Wen von euch schmeiße ich jetzt aus dem Garten? So lernt sich der Berg deutscher Grammatik deutlich leichter und es läuft tatsächlich ganz gut.

Da war dieser Künstler in diesem Tempel, dessen Kunst niemand verstand und den man deshalb für exzentrisch hielt. Er war das Zentrum, um das sich alles zu bewegen schien, seinetwegen waren all die Menschen im Tempel und als ich das begriff, versuchte ich, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein kleines Wesen, flatterig und flüchtig wie ein durchsichtiger Geist, mal siehst du es, dann wieder nicht. Die Menschen um ihn herum liefen einfach an ihm vorbei und bewunderten die Werke an den Säulen oder unterhielten sich miteinander darüber. Die Einsamkeit, in der der Künstler arbeitet, die seltsam distanzierte Bewunderung seines Schaffens durch seine Umwelt und die Art, ihn wie ein auffälliges Kind zu behandeln, hatten ihn über die Jahre zu einem richtigen Arschloch verrohen lassen. Und wie ich sein Verhalten im Traum so beobachte, fällt mir auf, wie wenig ich selbst über die Beziehung zu anderen Menschen weiß.

Warum ich in den letzten Tagen so wenig geschrieben habe: Ich hatte in einem Nachbarblog ein kleines Detail gelesen, das mich verwirrt hatte. Eine Begebenheit, ein Termin, so nah an meinem eigenen Leben, dass ich plötzlich die Befürchtung hatte, erkannt worden zu sein. Denn ich schreibe hier weitgehend anonym. Ich verlinke meinen Blog nicht in meinem Facebook Profil oder einer anderen sozialen Plattform, ich habe in meinem Umfeld kaum jemandem die Webadresse gegeben, und die wenigen Menschen, die sich hierher verirren, können meinen Texten kein Gesicht zuordnen. Das ist kein Zufall, es ist pure Absicht: ich will nicht, dass jemand mich kennt. Das hat viele Gründe, aber der wichtigste ist wohl, dass ich mich selbst nicht so genau kenne. Ich habe nie genug Zeit investiert, mich kennenzulernen, meiner selbst bewusst zu werden, aus Angst, was ich dort alles finden würde. Die einzige Zeit, die ich mit mir selbst verbringe, ist das Schreiben, und da möchte ich ehrlich mit mir sein können.

Demut braucht es, sagte einmal jemand zu mir, die Demut, seinen Platz im Leben zu erkennen und ihn dann nicht zum eigenen Vorteil auszunutzen. Im Traum versuchte ich verzweifelt, an den zartgliedrigen Künstler heranzukommen. Vielleicht wollte ich zum erlesenen Kreis der Eingeweihten gehören, vielleicht wollte ich aber auch nur wissen, worin die Faszination um seine Person lag. Jedenfalls versuchte ich, einen Termin bei ihm zu erhalten und nach einem langen Tag der Überzeugungsarbeit versprach er mir für den nächsten Tag ein Treffen. Im Traum funktioniert Zeit ja bekanntlich ganz anders, deshalb weiß ich nicht genau, wie viele Tage ich im Tempel schon verbracht hatte, jedenfalls zog ich mich abends in mein altgriechisches Schlafgemach zurück und hoffte, er würde sein Wort halten und mir morgen seine Zeit widmen. Denn Zeit funktioniert ja bekanntlich so, dass niemand sie im Überfluss hat und man sie sich deshalb extra nehmen muss für etwas, das einem wichtig ist. Deshalb überkam mich im Traum die Angst, er würde unsere Verabredung am nächsten Tag vielleicht doch noch absagen, kurzfristig, leichtfertig und grundlos, weil etwas anderes ihm wichtiger war.

Es ist vielleicht wie bei einem Gespenst unter dem blau-weiß karierten Bettlaken, das man fasziniert anstarrt, an dem man aber schnell das Interesse verliert, wenn man erst weiß, wer darunter steckt. So wenig Zeit habe ich mit mir verbracht, dass ich mich gar nicht mehr kenne. Weil man seine Zeit nicht mit sich selbst vergeuden sollte, vielmehr sollte man etwas sinnvolles, etwas nützliches mit seiner Zeit anfangen. Sich mit sich selbst zu beschäftigen tut nicht gut und führt in die Sünde des egozentrischen Müßiggangs. Deshalb habe ich ganz absichtlich verpasst, mir Zeit extra für mich selbst zu nehmen. Vielleicht habe ich aber auch Angst, nicht mehr gemocht zu werden, bin ich erst einmal durchschaut. Als könne man mir nicht vertrauen, meiner heuchlerischen Forderung nach sinnvoller Beschäftigung statt hedonistischem Vergnügen, dem sozialen Bild, in dem ich alle Unebenheiten hinter dicken Farbkleksen emsigen Geschäftigseins verstecke. Es ist schwierig sich selbst auszuhalten, seine eigene Menschlichkeit, die alles andere als perfekt ist, die Seiten an sich zu entdecken, die man niemandem zeigen möchte. Denn in Wahrheit gibt es gut gar nicht, es gibt nur besser. Gut genug bedeutet einfach nur nicht so schlecht – und auf dem Boden der Menschlichkeit gilt es wohl, diesen Umstand zu akzeptieren. So verhält sich das mit mir und meinem inneren Kind.

Als im Traum der nächste Tag anbrach, wartete ich nervös auf das Treffen. Immer noch fürchtete ich eine Absage, aber tatsächlich wurde ich abgeholt und in die Räumlichkeiten des Künstlers geführt. Voller Aufregung schaute ich mich um: bunte Bilder überall, ein kreatives Chaos, in dem dringend einmal geputzt werden müsste, hier ein Berg Müll, dort ein unvollendetes Werk. Alles nicht einmal halb so schillernd, wie ich es mir ausgemalt hatte. Glänzendes Gold nur als vereinzelte Kleckse hier und dort. Der ätherische Künstler hatte mich in sein Reich gelassen und sich damit selbst entzaubert. Ich weiß noch, dass ich den Tag bei ihm damit verbrachte, höflich meine Enttäuschung über seine Menschlichkeit zu verbergen, und am Abend damit begann, die glänzende Persönlichkeit des viel bewunderten Künstlers in den Ordner frustrierter Ernüchterung abzuheften. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir auf, wie mutig es von diesem empyreisch anmutenden Wesen war, mich in sein gut verborgenes Reich zu lassen und dass ich dort die Zeit ja auch anders hätte verbringen können. Ich hätte über die Unordnung und das Chaos hinwegsehen und mir stattdessen die goldenen Kleckse genauer anschauen und entdecken können, hätte ich dort nur die richtigen Fragen gestellt. Aber wer hat dafür denn schon die Zeit?

Vielleicht wollte mir der Traum aber auch etwas ganz anderes sagen, mir erklären, dass ich mich nur deshalb ständig so einsam fühle, weil all meine Anteile pausenlos damit beschäftigt sind, emsig den Alltag zu perfektionieren, ohne zu viel Zeit zu verlieren. Momos graue Herren blasen ihren schmutzigen Rauch in mein alterndes Gesicht. Wann habe ich damit aufgehört, mir die richtigen Fragen zu stellen, warum bin ich so verroht, dass nicht einmal ich mehr Zeit mit mir verbringen möchte. Ich würde diesem Gedanken gern nachgehen. Ich würde jetzt gern mehr Zeit mit mir verbringen, auch wenn das bedeutet, meine schillernde Persönlichkeit entzaubern zu müssen und zwischen all dem Müll und den unvollendeten Werken nach Gold zu suchen. Aber bald ist schon Mittag und ich habe dem Chaosprinzen versprochen, ihm sein Lieblingsessen zu kochen. Danach wollen wir uns wieder der deutschen Grammatik widmen. Bis zur Klassenarbeit ist es noch eine Woche, wir sollten also keine Zeit verlieren.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Rheinisches Durcheinander

  1. Beim Lesen der Beiträge hier gibt es ein leises, inneres Gezittere. Beistimmung, manchmal auch Empörung samt ungestellter Fragen, Freundin-sein-wollen, dann wieder Gewissheit der Unmöglichkeit, die feine Ausdrucksweise, und wie das Leben weitergehe…und wie es doch so verschieden ist…
    Gruß von Sonja

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    • Und doch vermutlich gleicher als gedacht. Jedenfalls glaube ich das. Dass es Unterschiede nur in Nuancen gibt, auch wenn es nicht immer sofort ersichtlich ist. Manche Fragen stelle ich mir nicht einmal selbst. Ich fürchte, die Antwort nicht zu kennen. Und was ist schon unmöglich? Danke fürs Lesen, Danke fürs Kommentieren, Danke fürs Bleiben. Es bedeutet mir viel.

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