Jahresrückblick

Als wüsste die Welt, dass der letzte Tag des Jahres angebrochen ist. Graue Wolken schieben sich über das Siebengebirge wie aus einer Filmkulisse. Der Wind animiert das Stillleben im Garten, über den Nachbardächern kann ich einen bunten Drachen fliegen sehen. Im Wohnzimmer noch die Spuren der vergangenen Tage – deutsches Weihnachten, Geschenke auf dem Esstisch, eine wunderschöne Zimmerpflanze, die ich vom Chaosprinzen zum Geburtstag bekam. Träge fließt die Zeit dem Ende dieses Jahres entgegen, der Winter torkelt wie betrunken dahin, so richtig kalt will es gar nicht werden. Nach dem ersten Schnee fiel keiner mehr, um das Grau dieser Zeit zu verwehen. In den Nachbarblogs lese ich in den letzten Tagen vermehrt absatzartige Jahresrückblicke und frage mich, wie viel Antwort solche standardisierten Fragen erlauben. Vielleicht geht es dabei darum, sich an genau die angefragten Details zu erinnern, unverfänglich und deshalb wenig gefährlich.

Um einen Drachen steigen zu lassen, braucht es ein weites Feld, in dessen Mitte man steht, um ihn in jede Richtung mit dem Wind ziehen zu lassen. Das Jahresende verführt dazu, seine Zeit mit einem Rückblick zu verbringen, weil das Datum ein Abschnittsende erzwingt. Genaugenommen wäre dies aber wohl der Tag vor dem nächsten Geburtstag. Für mich fallen kalendarisch diese beiden Daten nur um ein paar Tage auseinander, weshalb ich heute viel Zeit damit verbracht habe, im Blog mein Jahr rückwärts zu lesen. Was dort alles steht und was ich absichtlich ausgelassen habe, weil ich es dem weißen Hintergrund so schwarz nicht zumuten wollte. Tausend Worte, die mir jetzt einfielen, aber kein einziges, um das sterbende Jahr zu beschreiben. Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, in den letzten Stunden noch ein anderes Adjektiv finden zu wollen als vergangen. Manche Worte bekommen ohnehin erst eine Bedeutung, wenn man sie nicht ausspricht. Einige gute Erinnerungen aus diesem Jahr werden bleiben und so wie die Welt heute ist, so wird sie morgen auch noch sein.

Jede Minute dieses Tages erscheint mir gleich. Manchmal bricht die Sonne schwach durch die Wolkendecke, Strahlen, die vom Himmel fallen und für den Moment das Grau erhellen. Immer noch wissen wir nicht, wie wir Silvester feiern wollen. Der Chaosprinz hat keine große Lust, sich auf eines der wenigen Gesellschaftsspiele festzulegen und auch beim Essen äußert er keine Präferenzen. Ihm wurde das Knallen untersagt, was er nur widerwillig akzeptiert. Zu verlockend liegen die Böller in den Auslagen und da muss man sich als kleiner Chaosprinz dann schon daran erinnern lassen, dass man ja eigentlich die Umwelt schonen und die Tiere schützen will. Es ist manchmal wirklich schwer, seinem kleinen Magier wahre Werte zu vermitteln, wenn die wahren Werte sich vor der eigenen Haustür als unwahr präsentieren. Ich kann nur eine Handvoll Samen säen, ob etwas daraus wächst, das wird sich zeigen.

Wohin ich heute auch gehe, dahin folgen mir die Wellen. Was ich im alten Jahr zurücklassen will, kann getrost in den Fluten der Zeit versinken. Geschichten, die der Chaosprinz schon alle kennt. Alles, was in diesem Jahr war, ist das Beste, was hat sein können, daran glaube ich fest. Und wie jedes Silvester werde ich mich auch dieses ein klein wenig trotzig in der Mitte eines ehemaligen Ozeans auf ein weites Feld stellen, um meinen kleinen Alltag in einen großen Kontext zu bringen, bereit, ihn in jede Richtung ziehen zu lassen, die der Wind mir vorgibt.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Jahresrückblick

  1. „ein klein wenig trotzig“, das finde ich voll cool…(nicht nur das)
    Gruß von Sonja

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