Monatsarchiv: Februar 2023

Eisige Kälte

Manchmal, wenn montags früh alles ausgeflogen ist und ich allein zurückbleibe, frage ich mich klammheimlich und ganz leise, wie es mir eigentlich gerade geht. Während ich die Spuren des Wochenendes wegräume, überall die Nerf-Pfeile aus den Ecken hole, damit der Hund sie nicht wieder zerkaut, die Betten frisch beziehe und die Spülmaschine ausräume, führe ich Selbstgespräche, eines von denen, die man überhaupt nur mit sich selbst führen kann, weil niemand sonst die richtigen Fragen zu stellen wüsste. In diesen Momenten bin ich ehrlich, werfe all meine Ängste und Sorgen in den Raum, spreche alte Verletzungen laut aus und konfrontiere mich mit meiner eigenen Verantwortung darin. Dabei fällt mir auf, alle paar Jahre priorisieren sich meine Sorgen und Ängste neu. Seltsam, denke ich manchmal, hätte ich gewusst, dass alles bis hierhin soweit ganz gut ausgeht, hätte ich meine Zeit vielleicht ein wenig genießen können. Daraus sollte man doch für die Zukunft lernen können, denke ich, und sich einfach weniger Sorgen machen, weniger Angst haben, aber ich weiß aus Erfahrung, dass das nicht klappt.

Draußen ist es bitterkalt geworden, Raureif liegt weiß über den Feldern und ausgerechnet heute streikt der öffentliche Nahverkehr. Die Suppenfreundin bringt erst den Chaosprinzen, dann den Dschingis Khan des Nordens zur Schule, bevor sie selbst zur Arbeit fährt. Die Schulen liegen in völlig entgegengesetzten Richtungen. An der Haustür drücke ich den Kindern noch eine warme Tasse Tee in die kalten Hände und winke dem Auto hinterher. Dann schließe ich die Tür und bin froh, heute nicht mehr irgendwo hin zu müssen. Ich rufe in der neuen Schule des Dschingis Khan an, es ist erst sein zweiter Tag und er kommt zu spät zum Unterricht. Immerhin hat er nach fast einem Monat endlich wieder Schule. Bis dahin war es ein weiter Weg und ein harter Kampf. Die Ungerechtigkeit, die dem Dschingis Khan des Nordens hier widerfahren ist, die wird wohl nie jemand gutmachen können oder auch nur wollen. Die Verantwortlichen sind erleichtert, dass die Kuh vom Eis ist, die Konsequenzen daraus muss wohl der Dschingis Khan des Nordens alleine tragen. Das ist so unfair!, rufe ich in den leeren Raum, aber es hallt mir lediglich zurück.

Das kleine Schachtelhaus friert. Durch seine offene Bauweise würde man es bei solchen Temperaturen nur warm bekommen, wenn man ausreichend Geld hätte, die Heizung ordentlich aufzudrehen. Aus diesem Grund besitzt es einen offenen Kamin, aber den darf man ohne zusätzliche Kassette leider nicht mehr anfeuern. Und so ziehe ich mich warm an, wickele mich in meine selbstgestrickte Decke, wärme meine Hände an heißem Tee und warte geduldig auf den Frühling.

In den letzten Tagen hätte ich gerne eine alte Freundschaft wieder neu aufleben lassen. Ich hatte das Handy mehrfach in der Hand, formulierte vor, verwarf, formulierte neu. Ich erinnerte mich an eine Zeit, in der die Dinge anders standen zwischen uns, und wie schön es gewesen war, an der Seite des anderen zu sein. Aber dann erinnerte ich mich wieder daran, warum das manchmal einfach nicht möglich ist.

Es gibt ja Begegnungen, da geht man mit dem Gefühl tief empfundener Dankbarkeit einfach so auseinander. Die Begegnung hat ihren Zweck erfüllt und ein auf beiden Seiten gutes Ende gefunden. Sie wird nicht um eine Episode verlängert, es finden keine weiteren Begegnungen statt und allen Beteiligten ist es recht so.
Verpasst man diesen Augenblick, so scheint mir, ignoriert man dieses vom Schicksal vorgesehene Ende, mündet das über kurz oder lang erst in einem Gefühl lästiger Verpflichtung, dann irgendwann sogar in einem hässlichen Streit. Als versuche das Universum, den Fehler des fortgesetzten Kontakts irgendwie zu korrigieren. Das macht wütend. Weil das tief empfundene Glücksgefühl der Dankbarkeit damit einfach so verschwindet. Lässt man Gras über die Sache wachsen, stellt sich das Gefühl mitunter irgendwann auch wieder ein, und man erinnert sich gern. Die Zeit lässt sich aber nicht mehr zurückholen, soviel ist klar, weshalb sich immer auch eine Spur Bitterkeit zwischen die Erinnerungen mischt.

Und manchmal da hat man gar nicht vor, sich wiederzusehen. Wenn das Schicksal es aber anders plant, trifft man sich ziemlich unverhofft zwischen den Türen der Universität, beim Einkaufen oder auf einem Klassentreffen wieder. Fast wäre man an einander vorbeigelaufen, aber dann erinnert der andere sich an deinen Namen, du drehst dich um und erkennst ihn. Und dann geht man einen Kaffee trinken, tauscht Nummern aus, verspricht, sich zu melden, und tatsächlich meldet man sich bei einander, und plötzlich wächst da eine Freundschaft, aus einem tief empfundenen Gefühl der Dankbarkeit heraus, völlig unverhofft, und schließlich steht da ein riesiger Baum aus Freundschaft und Dankbarkeit, und der Garten blüht.
Selbst im eisigen Winter.

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Alte Bekannte

Eine neue Woche, ein Theaterbesuch und ein Gespräch, das nie stattgefunden hat. Eine Betrachtung auf das Leben anderer Menschen und die heimliche Erkenntnis, dass es manche gibt, die alles bekommen haben, was sie wollten, und andere, die immer wählen mussten.

Der Chaosprinz ist wieder fit und fährt heute mit der Klasse ins Theater. Montags aufzustehen ist für uns alle die Hölle. Irgendwie schaffen wir es, eine Viertelstunde vor Abflug alle im schwachen Schein der Sparleuchte am kleinen Frühstückstisch zu sitzen. Vor mir dampft ein milchig wässriges Getränk, Kaffee offenbar, der Chaosprinz lässt lustlos seine Cerealien in der Hafermilch matschig werden. Die Suppenfreundin blättert schweigend durch die Schlagzeilen des Tages. Ein Bild, wie man es nicht im Kopf hatte, als man sich nach einer eigenen Familie sehnte. Im Alltag sind halt öfter mal Abstriche zu machen. Ein Morgen wie aus der Nutellawerbung ist ein Ideal, und wir alle verlieben uns in Ideale.

In der Sache mit der vermeintlich Obdachlosen hat sich nichts mehr getan. Genaugenommen unternehme ich nichts mehr darin und so langsam verschwindet auch mein Groll darüber. Als ich noch dachte, helfen zu können, hatte ich einen Priester aus meiner Schulzeit angerufen. Er hat jetzt eine Gemeinde im Zentrum und die Freundin hatte ihn bereits dreimal kontaktiert. Ich wollte mich mit ihm besprechen, ob er bereits etwas erreicht hatte und wie man jetzt weiter vorgehen könnte, und bat deshalb seine Sekretärin um einen Rückruf. Der ist nie erfolgt und heute bin ich dankbar dafür. Das Gespräch, das beinahe stattgefunden hätte, geistert trotzdem durch meine Gedanken. Sätze, die ich mir vorsichtshalber zurecht gelegt und dann nicht gebraucht hatte, die mein Kurzzeitgedächtnis nun getrost verlassen könnten.
Ich wäre nervös gewesen vor diesem Gespräch. Denn der Priester und ich waren nach meinem Abitur in so etwas wie Unfrieden auseinander gegangen. Genaugenommen war ich unzufrieden, ihm wird es wohl eher gleichgültig gewesen sein.

Übers Wochenende war wieder der Dschingis Khan des Nordens hier. Er aß brav den ungeliebten Blumenkohlauflauf mit Kartoffeln mit, räumte mit dem Chaosprinzen das Kinderzimmer auf und verwandelte es gleich darauf wieder mit ihm in eine Chaoshöhle. Und nebenbei erzählte er uns, seine Eltern fänden, er sei zu alt für ein Kostüm und kauften ihm deshalb dieses Jahr keines. Das machte nicht nur den Dschingis Khan des Nordens traurig, sondern auch mich. Als Rheinländerin mit Migrationshintergrund gibt es keinen einzigen Karneval, den ich habe ausfallen lassen. An manche erinnere ich mich noch gut, an andere nicht mehr so richtig. Jedenfalls ist Karneval keine Frage der Wahl im Rheinland. Gefällt es dir nicht, dann zieh halt in ein anderes Bundesland. Bei uns gibt es Brings und Bläck Fööss, Umzüge und jede Menge Kamelle, Strüßche und Bützje, Kölschstangen, halve Hähne und Alaafrufe! Zu alt wird man dafür nicht. Auch mit Zweiundneunzig nicht! Und so verbrachte ich einige Zeit des Wochenendes damit, dem Dschingis Khan des Nordens ein geeignetes Kostüm zu suchen.

Man wird älter, man entwickelt sich, so Gott will, man begreift, dass Wut und Ärger etwas ist, was nur einem selbst schadet, und Vergebung deshalb unausweichlich zum Leben dazu gehört. Man pflegt seinen Glauben und erkennt, dass der Richter über die Welt und alles, was es auf ihr an Verbrechen und Ungerechtigkeiten gibt, ein Anderer, ein Größerer ist. Das packt einem eine ungeheure Last von den Schultern.
Der Priester hat damals mit seinem Glauben arg gehadert. Er war jung, umgeben von einem Haufen pubertierender Mädchen, die ihn mit lang getuschten Wimpern und sorgfältig bemalten Lippen von der Schulbank aus anhimmelten. Die sich haufenweise Probleme ausdachten, nur um in seine Seelsorgesprechstunde zu kommen. So ein Priester ist eine sichere Bank für die erste Schwärmerei, ähnlich einem Schauspieler oder Rockstar, dem man ohnehin nie begegnen würde. Wie weit das Ganze nun tatsächlich gegangen war, darüber gab es lediglich ein paar unzuverlässige Gerüchte, die durch die Schulflure flüsterten. Für den Priester wurde die Situation jedenfalls reichlich unbequem und nach nur drei Jahren an der Schule hielt er im Abschlussgottesdienst anstelle der Predigt eine flammende Rede vor der im Dom versammelten Schule, in der er nicht nur seinen Rücktritt bekanntgab, sondern auch detailliert die Umstände, die zu seiner Entscheidung geführt hatten. Das war damals schon ein mittlerer Skandal. Ich verstand auch nur die Hälfte davon und fand, der Priester hätte sich preiswert aus seiner Verantwortung für die Schülerinnen herausgezogen. Lange Jahre nahm ich ihm das insgeheim sehr übel.

Mitte März organisiert der Bürgerverein einen gemeinsamen Frühjahrsputz. An zwei Nachmittagen wird kollektiv der Müll zusammengesammelt. Unter anfänglichem, schwachen Protest habe ich die Jungs dafür angemeldet. Ich habe ihnen erklärt, dass, wenn sie es nicht tun, es niemand tun wird. Das konnten sie gut nachvollziehen und freuen sich nun darauf, mit Warnweste und Gartenhandschuhen durchs Dorf zu ziehen.

Man wird älter und abgeklärter. Man erfährt Dinge, von denen man lieber nicht erfahren hätte, begreift, dass wir uns auf der Welt wie der Globus selbst unablässig umeinander drehen, manchmal links, manchmal rechtsherum nehmen wir Kontakte auf und lassen sie wieder fallen. Man liest Geschichten über Arschengel und weise Sprüche gleichmütiger tibetischer Mönche, lernt Distanz und eigene Grenzen kennen. Man versteht, dass man selbst die Hand ist, die gereicht wird, denn sonst tut es niemand. Wir begegnen einander, angeblich immer zweimal, und begleiten einander auf unterschiedlich weiter Strecke und je älter ich werde, desto kostbarer wird mir meine Zeit, und ich fange an zu priorisieren, wem ich diese Zeit schenke. Der obdachlosen Freundin nicht und auch dem alten Priester nicht mehr. Mein Leben hat mit dem vor fünfunddreißig Jahren nicht mehr viel gemein, und ich danke täglich mindestens einmal dafür. Natürlich lässt sich die Vergangenheit nicht einfach abstreifen wie ein viel zu eng gewordener Mantel. Sie wird immer mir gehören, bis zum Schluss bei mir bleiben. Die Lücken in meinem Lebenslauf werden sich niemals schließen lassen, das weiß ich und bin auch bereit, den Preis dafür zu bezahlen.

Der Chaosprinz hat um ein Uhr schulfrei. Die Suppenfreundin ist unterwegs und wird ihn dann gleich abholen. Manchmal frage ich den Chaosprinzen, ob er sich geliebt fühlt. Er begegnet dieser Frage immer mit einer Mischung aus unverhohlenem Unverständnis, aufrichtiger Selbstverständlichkeit und einer winzigen Spur Verlegenheit. Heute soll es Spinat mit Rührei und Püree geben. Und hinterher vielleicht einen Schokopudding mit Vanillesoße.

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Dicke Luft

Alle Vöglein sind ausgeflogen, zurück blieben der Kater und ich. Der Kater schätzt meine Gesellschaft nicht, er hat sich in den Keller verzogen. Ich sitze vor der kalten Tasse Kaffee und spiele in meinem Handy Backgammon. Es ist mir nicht aufgefallen, wie es plötzlich still um mich wurde, obwohl alle sich ordentlich verabschiedet hatten und der Kuss des Chaosprinzen noch auf meiner Stirn brennt. Bis mich ein Geräusch von meinem Nichtstun ablenkt, das ich kenne. Ich brauche trotzdem etwas Zeit, es zuzuordnen – die Lüftung vom Laptop.
Die Suppenfreundin war zuletzt am Laptop. Sie hat ihn nicht heruntergefahren. Normalerweise ist sie die Strompolizei im Haushalt. Alles, was wir anlassen, schaltet sie gnadenlos ab, berechtigt oder nicht. Das gilt aber nur für uns, sie selbst lässt das Licht brennen, den Laptop laufen, den Fernseher auf standby.

Es ist ein Charakterfehler der Suppenfreundin, Dinge an anderen Menschen ausgiebig zu kritisieren, obwohl sie sie selbst gar keine Kritik vertragen kann. Wenn ich im Stress mit dem Chaosprinzen bin, weil er nicht will, wie ich es gerne hätte, kommen haufenweise korrigierende Zurufe vom Spielfeldrand. Die Suppenfreundin und ich sind deshalb im Augenblick keine guten Freunde, im Augenblick gehen wir alle drei uns gehörig auf den Zeiger. In solchen Phasen kann der Chaosprinz es der Suppenfreundin auch gar nicht recht machen. Ständig flippt sie bei jeder Kleinigkeit aus, verliert schnell die Geduld und mäkelt am Chaosprinzen herum. Sie ist nicht wütend auf den Chaosprinzen, sie ist wütend auf mich, aber der Chaosprinz gibt ihr den willkommenen Anlass, hemmungslos herum zu motzen.

Ich bin nicht gut dran die letzten Tage. Der Chaosprinz war die Woche krank und aus der Schule kamen stapelweise Arbeitsblätter zum nacharbeiten. Sechs Schulstunden plus Hausaufgaben aus vier Tagen wollten nachgeholt werden. Die Motivation des Prinzen sank auf Minusgrade. Während die Suppenfreundin demente ältere Herren im Park herumschob, schrieben wir Tierbeschreibungen, berechneten Flächeninhalte und legten einen Taschengeldplaner an. Wir lernten Englisch Vokabeln und Possessivbegleiter, suchten weit entfernte Orte im Atlas und legten eine Liste der evolutionären Adaption bei Fledermäusen an. Die Hausarbeit blieb liegen, gegessen wurden Sandwiches und das Wohnzimmer verwandelte sich in eine Lagerhalle für Büroartikel und Erkältungsutensilien. Die Suppenfreundin kam nach der Arbeit jeden Abend in das Chaos unseres Tages, räumte auf, fegte den größten Dreck weg, kochte notdürftig irgend etwas Warmes, ging mit dem Hund raus und fiel danach ins Bett. Die Suppenfreundin ist keine Hausfrau. Sie hat keine Ahnung, wie man einen Staubsauger bedient oder ein Omelette macht, das haben für die Suppenfreundin immer andere gemacht. Die Suppenfreundin kann nur sich selbst versorgen, allenfalls noch ein Haustier, alles darüber mündet schnell in völliger Überforderung. Deshalb haben wir auch keine Zimmerpflanzen.

Da sucht man sich dann Strategien. Meine ist, die Dinge zu priorisieren und die unwichtigen dann einfach unerledigt zu lassen. Nach zwölf Jahren mit einer neurologischen Muskelerkrankung lernt man schnell, seine Kraft einzuteilen, denn tut man es nicht, dann ist sie bereits mittags aufgebraucht. Und wo meine Prioritäten liegen, daraus habe ich ja nie ein Geheimnis gemacht. Der Chaosprinz kommt immer zuerst. Das ist mein Charakterfehler, findet die Suppenfreundin. Und in gewisser Weise hat sie damit sogar Recht. Es gibt doch diese Flugzeuganweisungen, die hinter jeder Sitztasche klemmen. Darin wird ausdrücklich beschrieben, dass man im Notfall die Sauerstoffmaske immer zuerst über das eigene Gesicht zieht, bevor man den Kindern hilft, ihre anzulegen. Der Sinn dahinter ist einleuchtend: Wenn man selbst nicht mehr atmen kann, kann man auch keinem anderen helfen. Aber ist es nicht seltsam, dass ich darüber wirklich lange nachdenken musste? Und mich im Notfall dann doch immer anders entscheiden würde? Manche von uns haben das aber richtig gut drauf. Wir fliegen nicht – aus tausend Gründen – aber würden wir es tun, könnte ich mich im Notfall darauf verlassen, dass die Sauerstoffmaske der Suppenfreundin auf jeden Fall sitzt.

Gestern Mittag fiel wie jeden Freitag der Dschingis Khan des Nordens hier ein. Erleichtert, der Enge seiner Unterkunft zu entkommen, und froh, einen Gleichaltrigen zu sehen. Denn der Dschingis Khan des Nordens sitzt immer noch ohne Schulplatz zu Hause rum und langweilt sich. Sein Fall liegt zwar mittlerweile beim Dezernat der Bezirksregierung, aber da liegt er richtig gut. Nächste Woche ist Karneval und ob bis dahin überhaupt noch etwas entschieden wird, ist im Rheinland eher fraglich. Manchmal denke ich, das wäre doch jetzt eigentlich der perfekte Augenblick, meine Jugendambitionen einer investigativen Journalistin neu aufzulegen. Ich begnüge mich damit, dem Dschingis Khan schweren Herzens Geduld anzuraten.
Immerhin haben wir uns dieses Jahr noch halbwegs rechtzeitig um ein neues Kostüm bemüht. Das alte war schon ein, zwei Nummern zu klein geworden. Jetzt hat der Chaosprinz das gleiche bekommen, nur ein, zwei Nummern zu groß. Es musste ein Frosch sein, ein ganz bestimmter Onesie, den er auch ohne Karneval gern anzieht, da ist der Chaosprinz nämlich eigen. Der Dschingis Khan des Nordens legt derweil für die beiden Jungs eine gute Strategie zur Sammlung von Süßigkeiten auf dem Umzug fest.

Bald fliegen die Vöglein wieder ein. Ich merke es am Kater, der die Ankunftszeit irgendwie immer eine halbe Stunde vorher ahnt. Langsam kommt er die Kellertreppe hinauf, den Schwanz spitz in die Luft gereckt stolziert er am mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen und legt sich auf dem Flurteppich unübersehbar in Pose. Ich werde den Eintrag beenden und dann den Laptop kommentarlos herunterfahren. Heute soll es Pizza geben für die Jungs.

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Anstrengende Zeiten

Die letzten Tage waren angefüllt mit Problemen, die nicht uns gehören und trotzdem gelöst sein wollen. Wie ein Uhrwerk laufe ich: Telefonat hier, Gespräch dort, Email schreiben. Was ich herausfinde, klingt ungeheuerlich. Ein Schüler, die aus Gründen der Kommunalpolitik in eine Schule geschickt wird, die ihn nur deshalb aufnimmt, weil sie die Quote erfüllen muss. Sie weiß, sie wird ihn nach der Erprobungsphase wieder los, auf die eine oder andere Weise. Ein Förderbedarf der im AO-SF Verfahren von der Grundschule festgestellt wurde, fällt dabei unter den Tisch, er wird einfach vergessen. Nach der ordentlichen Kündigung will ihn aufgrund der fehlenden Förderung der letzten zweieinhalb Jahre jetzt keine Schule mehr aufnehmen. Eigentlich müssten hier Köpfe rollen. Wir sprechen von Veruntreuung von Geldern, Betrug und Vorspiegelung falscher Tatsachen. Wir sprechen von Verantwortungslosigkeit und mangelnder Fürsorge für ein zwölfjähriges Kind.

Die sich dem Ende zuneigende Woche verbrachte ich im Gespräch mit den höchsten Schulgöttern: Dezernenten der Bezirksregierung, Schulräten, Direktoren. Ich höre mir Geschichten an, Rechtfertigungen, Erklärungen. Es dauert, bis ich begreife, was da eigentlich passiert ist, und insgeheim denke ich, wäre das ein deutsches Kind, dann würden die Eltern seine Rechte kennen, und dann läge das Ganze längst bei einem Anwalt. Wäre ich kräftiger, würde ich die Presse informieren. Gäbe es ein Interesse an Kindern als wichtigste Ressourcen unserer Zukunft, müsste hier gerade alles in die Luft fliegen. Vielleicht werde ich, sobald das Kind ordentlich beschult wird, die Geschichte öffentlich machen. Vielleicht nur hier. Um einfach die Ungeheuerlichkeit aufzuzeigen, mit der nicht nur zweieinhalb Jahre Fördergelder eingestrichen wurden, sondern mit der Zukunft von Kindern gespielt wurde. Vielleicht stelle ich den Direktor bloß, der mich gestern kleinlaut darum bat, die Zeugnisse der vergangenen zweieinhalb Jahre vorbeizubringen, damit sie umgedruckt werden können. Das Armutszeugnis seiner Versäumnis würde dann einfach durch den Reißwolf geschickt.

Parallel dazu beschäftigte mich die Geschichte einer alten Schulfreundin, deren Hilferuf mich stellvertretend, aber vertraulich über weitere Schulfreundinnen erreicht. Sie ist seit August obdachlos. Zwei Wochen engagiere ich mich auch hier auf allen Ebenen, suche nach Lösungen, finde Ansprechpartner, ziehe Strippen. Es stellt sich heraus, dass der Fall schon stadtbekannt ist. Durch die Blume gibt man mir zu verstehen, dass ich besser die Finger davon lasse. Denn besagte Schulfreundin schafft es offenbar immer wieder, andere Menschen so heftig zu manipulieren und unter Druck zu setzen, dass sie sie bei sich aufnehmen oder ihr eine private Unterkunft zahlen. Das Muster ist schnell ausgemacht: immer wenn sie ihr Interimsdomizil verlassen soll, droht sie, sich etwas anzutun. So lässt sich dann schnell wieder eine Alternative finden. In der Zwischenzeit lehnt sie ab, sich beraten zu lassen, ihre Schulden zu sichten und sich selbst um eine Bleibe zu kümmern. Sie lehnt aber auch alle konkreten Hilfsangebote öffentlicher Stellen ab. Die sind ja auch alle nicht nötig, solange sich nur ausreichend Idioten finden, die ihren verantwortungslosen Lebensstil bereitwillig finanzieren, sobald sie ihnen verzweifelt ins Telefon schreit, niemand würde ihr helfen wollen, die ganze Welt habe sich gegen sie verschworen und überhaupt seien alle ja ohnehin nur hypokritische Tölpel außer ihr selbst. Das hat weite Kreise durch die Stadt gezogen, soviel wird mir schnell klar. Ich informiere die anderen Beteiligten und versuche sie davon zu überzeugen, dass es keine Hilfe geben kann, wenn jemand sich vehement weigert, sie anzunehmen. Zwei Wochen lang halten mich alte Schulfreundinnen nachts wach, um die Inszenierung der vermeintlich Hilfsbedürftigen aus allen Blickwinkeln zu beleuchten. Und immer wieder verhallt ungehört mein sanfter Hinweis darauf, dass es für eine geförderte Wohnung mit negativer Schufa in einer solchen Großstadt mehr als nur eine Fee mit Feenstaub bräuchte. Dass es um die Wohnung aber gar nicht gehe. Und dass man die Schulfreundin eher dazu ermutigen sollte, sich professionelle psychologische Unterstützung zu suchen, statt den nächsten Hausarzt, der ihr in ihrer Eigenmedikation Psychopharmaka verschreibt.
Vor zwei Tagen stand ihr nächster Auszug an. Die Schulfreundin tobt. Sie wird ausfallend, sie droht. Ihr Publikum ist beunruhigt und verunsichert. Schließlich packt sie ihr Handy und fährt los, auf dem Tisch liegen drei Abschiedsbriefe, die sorgfältig geplante und immer wieder ausgeführte Inszenierung erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt. Hektisch werden Nachrichten hin und her geschickt, angespannt wird die Lage beobachtet. Eine Nacht voller Gespräche bricht an, die Polizei wird informiert und bringt die Schulfreundin schließlich in die Notfallambulanz der Psychiatrie. Von dort wird sie nach einem halbstündigen Gespräch wieder entlassen. Ich beobachte mich dabei, wie ich selbst zwischen Angst, Mitgefühl und Abscheu vor dieser Schmierenkomödie stehe. Schließlich findet sich gegen Morgen der nächste Idiot, der ein Air B&B für die nächsten sechs Wochen finanziert. Ihr Ziel hat die Schulfreundin wieder einmal erreicht und alle atmen erleichtert auf. Eine Fortsetzung ist für heute in sechs Wochen angesetzt.

Heute früh befällt mich eine ungeheure Erschöpfung infolge meines zweiwöchigen Ausflugs in die ehrenamtliche Sozialarbeit.
Ich werde versuchen, die Schulgeschichte des Dschingis Khan des Nordens zu klären, im Sinne des Kindes die Familie bei ihren nächsten Schritten zu unterstützen, und mich dabei nicht von obersten Schulgöttern einschüchtern zu lassen. Hilfe, die ich gern angeboten habe, auch wenn dieses Schuldrama mich an den Rand meiner Kräfte gebracht hat. Das und sehr viel mehr hat der Dschingis Khan des Nordens absolut verdient. Das und sehr viel mehr hätte jedes Kind verdient.
Was die gestörte Schulfreundin angeht, so werde ich sie und all ihre künftigen Komparsen ihrem schlechten Bühnenauftritt überlassen müssen, denn dieses schmierige Drama um ausgemachte Verantwortungslosigkeit, manipulative Egozentrik und undankbare Hybris hat mir nicht gefallen. Ich verlasse deshalb dieses Theater unter Buhrufen.

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