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Rheinisches Durcheinander

Heute früh weckte mich ein seltsamer Traum. Ich glaube, ich war in einem Tempel, zumindest sah es so aus. Aus Marmor gebaute Säulen, die immer wieder kleine Atrien einfassten, in denen Menschen sich bewegten, die ich nicht kannte, um ein Objekt herum, dass ich nicht eindeutig erkennen konnte. Es war sonnig warmer Herbst, was man an dem Einfall goldenen Sonnenlichts durch die Räume erkennen kann und daran, dass es weder zu heiß noch zu kalt war.

Die Tage verbringen der Chaosprinz und ich mit der Systematisierung der Grammatik Arbeitsblätter, die zur Vorbereitung auf die Klassenarbeit aus der Schule gekommen sind. Satzglieder und Wortarten, deklinierbar, konjugierbar, nicht flektierbar. Gemeinsam ordnen wir das Chaos der deutschen Sprache in einer übersichtlichen Mindmap und entdecken die Schönheit der Strukturen. Für die Fälle haben wir uns gestern Abend noch eine kleine Geschichte ausgedacht: Ich stehe morgens auf und schaue in den Garten. Dort entdecke ich einen riesigen Haufen. Ich frage in die Runde der Haustiere: Wer oder was hat in den Garten geschissen? Weil keine Antwort kommt, rufe ich aufgebracht: Wessen Scheiße ist das? Immer noch bekomme ich keine Antwort, deshalb schreie ich wütend: Wem muss ich jetzt eine schallern? Und schließlich, weil sich immer noch keiner bekannt hat, brülle ich: Wen von euch schmeiße ich jetzt aus dem Garten? So lernt sich der Berg deutscher Grammatik deutlich leichter und es läuft tatsächlich ganz gut.

Da war dieser Künstler in diesem Tempel, dessen Kunst niemand verstand und den man deshalb für exzentrisch hielt. Er war das Zentrum, um das sich alles zu bewegen schien, seinetwegen waren all die Menschen im Tempel und als ich das begriff, versuchte ich, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein kleines Wesen, flatterig und flüchtig wie ein durchsichtiger Geist, mal siehst du es, dann wieder nicht. Die Menschen um ihn herum liefen einfach an ihm vorbei und bewunderten die Werke an den Säulen oder unterhielten sich miteinander darüber. Die Einsamkeit, in der der Künstler arbeitet, die seltsam distanzierte Bewunderung seines Schaffens durch seine Umwelt und die Art, ihn wie ein auffälliges Kind zu behandeln, hatten ihn über die Jahre zu einem richtigen Arschloch verrohen lassen. Und wie ich sein Verhalten im Traum so beobachte, fällt mir auf, wie wenig ich selbst über die Beziehung zu anderen Menschen weiß.

Warum ich in den letzten Tagen so wenig geschrieben habe: Ich hatte in einem Nachbarblog ein kleines Detail gelesen, das mich verwirrt hatte. Eine Begebenheit, ein Termin, so nah an meinem eigenen Leben, dass ich plötzlich die Befürchtung hatte, erkannt worden zu sein. Denn ich schreibe hier weitgehend anonym. Ich verlinke meinen Blog nicht in meinem Facebook Profil oder einer anderen sozialen Plattform, ich habe in meinem Umfeld kaum jemandem die Webadresse gegeben, und die wenigen Menschen, die sich hierher verirren, können meinen Texten kein Gesicht zuordnen. Das ist kein Zufall, es ist pure Absicht: ich will nicht, dass jemand mich kennt. Das hat viele Gründe, aber der wichtigste ist wohl, dass ich mich selbst nicht so genau kenne. Ich habe nie genug Zeit investiert, mich kennenzulernen, meiner selbst bewusst zu werden, aus Angst, was ich dort alles finden würde. Die einzige Zeit, die ich mit mir selbst verbringe, ist das Schreiben, und da möchte ich ehrlich mit mir sein können.

Demut braucht es, sagte einmal jemand zu mir, die Demut, seinen Platz im Leben zu erkennen und ihn dann nicht zum eigenen Vorteil auszunutzen. Im Traum versuchte ich verzweifelt, an den zartgliedrigen Künstler heranzukommen. Vielleicht wollte ich zum erlesenen Kreis der Eingeweihten gehören, vielleicht wollte ich aber auch nur wissen, worin die Faszination um seine Person lag. Jedenfalls versuchte ich, einen Termin bei ihm zu erhalten und nach einem langen Tag der Überzeugungsarbeit versprach er mir für den nächsten Tag ein Treffen. Im Traum funktioniert Zeit ja bekanntlich ganz anders, deshalb weiß ich nicht genau, wie viele Tage ich im Tempel schon verbracht hatte, jedenfalls zog ich mich abends in mein altgriechisches Schlafgemach zurück und hoffte, er würde sein Wort halten und mir morgen seine Zeit widmen. Denn Zeit funktioniert ja bekanntlich so, dass niemand sie im Überfluss hat und man sie sich deshalb extra nehmen muss für etwas, das einem wichtig ist. Deshalb überkam mich im Traum die Angst, er würde unsere Verabredung am nächsten Tag vielleicht doch noch absagen, kurzfristig, leichtfertig und grundlos, weil etwas anderes ihm wichtiger war.

Es ist vielleicht wie bei einem Gespenst unter dem blau-weiß karierten Bettlaken, das man fasziniert anstarrt, an dem man aber schnell das Interesse verliert, wenn man erst weiß, wer darunter steckt. So wenig Zeit habe ich mit mir verbracht, dass ich mich gar nicht mehr kenne. Weil man seine Zeit nicht mit sich selbst vergeuden sollte, vielmehr sollte man etwas sinnvolles, etwas nützliches mit seiner Zeit anfangen. Sich mit sich selbst zu beschäftigen tut nicht gut und führt in die Sünde des egozentrischen Müßiggangs. Deshalb habe ich ganz absichtlich verpasst, mir Zeit extra für mich selbst zu nehmen. Vielleicht habe ich aber auch Angst, nicht mehr gemocht zu werden, bin ich erst einmal durchschaut. Als könne man mir nicht vertrauen, meiner heuchlerischen Forderung nach sinnvoller Beschäftigung statt hedonistischem Vergnügen, dem sozialen Bild, in dem ich alle Unebenheiten hinter dicken Farbkleksen emsigen Geschäftigseins verstecke. Es ist schwierig sich selbst auszuhalten, seine eigene Menschlichkeit, die alles andere als perfekt ist, die Seiten an sich zu entdecken, die man niemandem zeigen möchte. Denn in Wahrheit gibt es gut gar nicht, es gibt nur besser. Gut genug bedeutet einfach nur nicht so schlecht – und auf dem Boden der Menschlichkeit gilt es wohl, diesen Umstand zu akzeptieren. So verhält sich das mit mir und meinem inneren Kind.

Als im Traum der nächste Tag anbrach, wartete ich nervös auf das Treffen. Immer noch fürchtete ich eine Absage, aber tatsächlich wurde ich abgeholt und in die Räumlichkeiten des Künstlers geführt. Voller Aufregung schaute ich mich um: bunte Bilder überall, ein kreatives Chaos, in dem dringend einmal geputzt werden müsste, hier ein Berg Müll, dort ein unvollendetes Werk. Alles nicht einmal halb so schillernd, wie ich es mir ausgemalt hatte. Glänzendes Gold nur als vereinzelte Kleckse hier und dort. Der ätherische Künstler hatte mich in sein Reich gelassen und sich damit selbst entzaubert. Ich weiß noch, dass ich den Tag bei ihm damit verbrachte, höflich meine Enttäuschung über seine Menschlichkeit zu verbergen, und am Abend damit begann, die glänzende Persönlichkeit des viel bewunderten Künstlers in den Ordner frustrierter Ernüchterung abzuheften. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir auf, wie mutig es von diesem empyreisch anmutenden Wesen war, mich in sein gut verborgenes Reich zu lassen und dass ich dort die Zeit ja auch anders hätte verbringen können. Ich hätte über die Unordnung und das Chaos hinwegsehen und mir stattdessen die goldenen Kleckse genauer anschauen und entdecken können, hätte ich dort nur die richtigen Fragen gestellt. Aber wer hat dafür denn schon die Zeit?

Vielleicht wollte mir der Traum aber auch etwas ganz anderes sagen, mir erklären, dass ich mich nur deshalb ständig so einsam fühle, weil all meine Anteile pausenlos damit beschäftigt sind, emsig den Alltag zu perfektionieren, ohne zu viel Zeit zu verlieren. Momos graue Herren blasen ihren schmutzigen Rauch in mein alterndes Gesicht. Wann habe ich damit aufgehört, mir die richtigen Fragen zu stellen, warum bin ich so verroht, dass nicht einmal ich mehr Zeit mit mir verbringen möchte. Ich würde diesem Gedanken gern nachgehen. Ich würde jetzt gern mehr Zeit mit mir verbringen, auch wenn das bedeutet, meine schillernde Persönlichkeit entzaubern zu müssen und zwischen all dem Müll und den unvollendeten Werken nach Gold zu suchen. Aber bald ist schon Mittag und ich habe dem Chaosprinzen versprochen, ihm sein Lieblingsessen zu kochen. Danach wollen wir uns wieder der deutschen Grammatik widmen. Bis zur Klassenarbeit ist es noch eine Woche, wir sollten also keine Zeit verlieren.

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Mein geliebtes Kind,

zu deinem heutigen Geburtstag möchte deine Mutter dir sagen, wie unglaublich stolz sie auf dich ist. Wie dankbar und gesegnet sie sich fühlt, dich ihren Sohn zu nennen. Wie außergewöhnlich und besonders du jeden Augenblick ihres Lebens machst. Und wie glücklich sie ist, wenn sie in deine Augen sieht.

Mein wundervoller Sohn, zu deinem heutigen Geburtstag richtet deine Mutter sich für dich zu ihrer vollen Größe auf – im Rheinland sagen wir: sie macht sich grad!-, bereit, für deine glückliche Zukunft bis vor den Obersten aller Götter zu ziehen. Wer jetzt noch glaubt, du seist leichte Beute, nur weil du noch ein Kind bist, der hat die Löwin in deinem Rücken noch nicht gesehen.

Zu deinem Geburtstag, lieber Chaosprinz, schenke ich dir meine Kraft und all meinen Mut, mein Wissen und meine über Jahrzehnte erworbene Weisheit. Ich schenke dir jedes meiner je geschriebenen Worte und all meine klugen Gedanken. Ich schenke dir all meine Fürsorge und meine Liebe. Für immer.

Es ist mir eine riesige Freude, ein größtes Glück und die höchste Ehre, deine Mutter zu sein.

Ich liebe dich!

Mama

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Kakao zum Frühstück

Wenn der Morgen kommt, kurz bevor der Wecker klingelt, weckt mich mein eigener Biorhythmus. Freundlich flüstert er mir leise ein, dass es jetzt Zeit zum Aufwachen wird. Denn gleich ertönt der Alarm. Und damit ich mich nicht erschrecke, lässt meine autonome Intelligenz mich kurz vorher sanft aufwachen. In den wenigen Minuten zwischen innerem und äußerem Weckruf ist der Morgen um diese Jahreszeit noch ganz still. Ich liege zwischen Traum und Tag, langsam spannen sich die Muskeln an, Bilder des neuen Tages reihen sich vor das innere Auge. Manchmal will ich in diesen Momenten hektisch zum Handy greifen, um zu sehen, ob es tatsächlich kurz vor sechs ist, aber meistens zwinge ich mich zur Langsamkeit und überdenke lieber meine Träume.

Als gäbe es im Leben nur den einen Weg, dem man folgen müsste. Wie auf den Schienen einer Safari oder in der Geisterbahn: Verlassen Sie bitte auf gar keinen Fall den befestigten Weg, wenn Sie nicht erfahren wollen, dass wir Sie nur auf eine Reise durch Ihre eigene Angst schicken. Alles um Sie herum ist lediglich eine große Illusion, aber wenn Sie das erkennen, dann macht es doch gar keinen Spaß mehr. Bleiben Sie also bitte in Ihrem eigenen Interesse auf dem Weg und genießen Sie die von uns zu Ihrer Unterhaltung vorbereitete Dramatik. Und wenn Sie doch unbedingt vom Weg abkommen wollen, dann werden wir Sie ganz sicherlich nicht suchen. Dann haben Sie halt Pech gehabt.

Es ist neu für mich, dass meine innere Uhr mich weckt. Früher bin ich vom Klingeln des Weckers heftig aus einem Traum aufgeschreckt, dessen Inhalt ich zwar nicht mehr wusste, der in mir aber das Gefühl hinterließ, etwas besonders wichtiges vergessen zu haben. Während ich hektisch meine Zähne schrubbte, versuchte ich aus den übrig gebliebenen Fetzen auf den Inhalt des Traums zu schließen. Manchmal erwischte ich noch einen Zipfel, ein Bild wie aus einem Parallelleben, auf dem Balkon in einer Wohnung in der Südstadt. In einem Cabrio unterwegs mit Menschen, die ich schon aus früheren Träumen kenne. Wer weiß, wohin wir da fuhren, aber wir freuten uns darauf. Aus dem Autoradio erklingt Musik, die meinen Körper zum Tanzen auffordert und mich wünschen lässt, ich hätte Schlagzeugspielen gelernt.

Träume ziehen meine Seele nackt aus. Wenn alle anderen weg sind und ich mich ganz alleine im Dunklen wiederfinde, mit nichts weiter als mir selbst. Ich schließe die Augen, um zu sehen, was ich alles sein könnte, wenn ich die wäre, die ich sein wollte. Mit Spannung folge ich der Lebensgeschichte, die sich im Traum vor mir entfaltet. Margriet de Moor schrieb einmal, dass sich „in der Nähe des Lebens, in dem man zufällig gelandet ist, ein anderes befindet, das man seelenruhig genauso gut hätte führen können“. Wenn der Chaosprinz nur wüsste, wie viele Wege ich genommen habe, wie viele Brücken ich versucht habe zu überqueren, um wenigstens einen guten Kompromiss mit der Landkarte meines Lebens zu erreichen.

„Weißt du, was ich immer mache, wenn der Lehrer mich anschnauzt?“, fragt mein Sohn beim Frühstück. „Ich drücke immer mit meinem Daumennagel ganz fest in meinen Mittelfinger, damit mir das mehr wehtut als die Worte des Lehrers.“

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Herbstbunt

Die Ferien sind vorüber und der Herbst hat nun langsam die Landschaft übernommen. Im Garten verblüht das Unkraut und unter den vertrockneten Resten kommt wieder grüner Rasen zum Vorschein. Heimlich still über Nacht steigt immer öfter ein dichter Nebel über dem Feld vor dem Schachtelhaus auf. Morgens ist es jetzt schon dunkel und bitterkalt, wenn der Chaosprinz zur Bushaltestelle geht.

Um mich herum versinken Menschen im Unglück. Ich empfange schlechte Nachrichten wie ein falsch eingestellter Radiosender und frage mich, ob das schon immer so gewesen ist. Jemand liegt schwerverletzt im Krankenhaus, ein anderer ist jung gestorben. Ein Paar hat sich getrennt, weil sie wieder eine Fehlgeburt hatte, ein anderes, weil sie sich nach über 35 Jahren Ehe nichts mehr zu sagen haben. Vor meinem Fenster wird es dennoch bunt, die Natur setzt ihren Kreislauf fort. Seltsam, denke ich manchmal, dass alles der Veränderung unterworfen ist, nur eben der Kreis der Jahreszeiten nicht.
Vielleicht ist es auch nur ein menschlicher Irrglaube, dass die Jahresuhr sich konstant in ihrer Ebene dreht. Die Zeit gibt ihr als vierte Dimension doch vielmehr die Form einer Spirale. Und doch, in diesem ganzen Entstehen und Vergehen scheint nichts auf der Welt sich wesentlich zu verändern, außer uns selbst.

Tagsüber ist es noch warm im Schachtelhaus. Noch heizen die Sonnenstrahlen die Innenräume auf, auch wenn die Sonne jetzt viel tiefer steht und dadurch mehr blendet als wärmt. Am Nachmittag, wenn die Hausaufgaben erledigt sind, brühen wir uns eine Kanne Tee auf und kuscheln uns gemeinsam auf das Sofa. Ich nehme mein Strickzeug zur Hand und der Chaosprinz schaut mir zu.
Früher war die Welt viel bunter, sagt er, jetzt bleicht sie aus. Grau wird es, sagt er, und ich habe nicht das Herz, ihm zu sagen, dass es nicht die Welt ist, die ergraut, sondern das Leben. Überhaupt mache ich mir Sorgen um seine Zukunft, in den fünfzig Jahren meiner Zeit schien mir das Leben noch nie so nah am Abgrund gestanden zu haben wie heute.

Es ist nur der Herbst, denke ich dann. Er kommt zwar in bunten Blättern und goldenem Schein verheißungsvoll daher, aber wir wissen, dass nun der Winter auf uns wartet, kalt und dunkel und nur schwer zu ertragen. Deshalb sorge ich vor, ich stricke warme Decken aus bunter Wolle und singe dabei alte Kinderlieder, die ich fast vergessen hätte, würde ich sie dem Chaosprinzen nicht unermüdlich vorsingen. Die größte Angst bleibt unbesungen, sagt der Chaosprinz, während er sich an mich kuschelt, und ich denke, ich weiß ganz genau, was er damit meint.

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Wie ein Sandkorn in meiner Hand

Warum auch immer wir gestern auf die Idee kamen, einander abends auf dem Sofa Geschichten zu erzählen von der Zeit bevor wir einander kannten. Es war schon weit nach Mitternacht, die Jungs schliefen längst in ihren Kojen, und ich war so müde, dass mir die Augen zufielen. Trotzdem fragte ich immer weiter nach. Mehr als mein halbes Leben kennen wir uns, mehr als die Hälfte haben wir in der Nähe von einander verbracht. Es sind alte Geschichten und ich hatte sie schon oft gehört, aber trotzdem.

Ihre erste große Liebe war ein Kroate. Sie hatten sich zufällig auf einem spontanen Urlaub kennengelernt. Eigentlich, so sagte sie, war er wie ein Bruder für sie, ein Kumpel, ein guter Freund. Der Sex war nicht unangenehm und gehörte dazu, aber gebraucht hätte sie ihn nicht. Seit jenem Sommer fuhr sie immer mal wieder ins Dorf am Meer, um ihn zu sehen. Sie lernte Kroatisch, um sich besser verständigen zu können. Er kam nach Deutschland, aber es gefiel ihm nicht. Zu stark war der Kontrast zwischen dem warmen, steinigen Süden am Meer und dem saftigen Grün des eng besiedelten Nordens.
Ihre Leben waren verbunden, immer mal wieder, dann rissen sie auseinander, immer mal wieder. Neue Partner, sie heiratete einen Zahnarzt, er eine Frau aus dem Dorf, beide bekamen Kinder, sie einen Sohn, er zwei Töchter. Vor fünfzehn Jahren kam er ein letztes Mal nach Deutschland. Da war sie schon längst vom Zahnarzt geschieden, er lebte in seiner Ehe, fand aber, sie habe die älteren Rechte. Doch schon bei ihrer Begrüßung am Bahnhof wussten beide, es würde nichts mehr laufen zwischen ihnen. Er blieb über das Wochenende, dann war er verschwunden. Zum Abschied sagte er ihr, es sei das letzte Mal gewesen und hat sich daran gehalten.
Was wäre gewesen, wenn, fragten wir uns gestern. Es wäre alles ganz anders gekommen. Sie hätte den Zahnarzt vermutlich nicht geheiratet, hätte den Sohn nicht bekommen. Vielleicht wären wir uns nie begegnet. Ob das alles besser gewesen wäre, wer weiß das schon?

Heute früh googlte ich nach seinem Namen. Manchmal findet man alte Bekannte irgendwo im Netz, wundert sich, wo sie heute sind und was sie dort machen. Ich fand den Namen sofort in einer Todesanzeige. Langsam stieg ich die Treppen hinab. Ich muss dir etwas sagen, begann ich und, setz dich für einen kurzen Moment. Vergänglich dieses Leben, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.
Sie läuft in den Keller, um ein Fotoalbum zu holen. Sie beide in Kroatien, irgendwo am Meer, Stein und Staub um sie herum. Sie lächeln ins Objektiv. Auf einem Boot, es ist winzig, aber mit starkem Motor. Die Farben sind alterstypisch, genauso wie die Mode. Das Kind bekommt Zuckerwatte an einem Stand an der Strandpromenade. Die Freundin ist topless. Ein ganzer Urlaub auf Fotopapier. Kurze Momentaufnahmen des Glücks, denn daran will man sich erinnern und deshalb posiert man für die Kamera. Um später einmal darauf zurückblicken und überzeugt sagen zu können, dass es ein gutes Leben war. Eines voller Glück und Sonnenschein, voller Sommertage und ohne Regenschauer. Man hat es mit einem Lächeln auf dem Gesicht gelebt. Zum Beweis: ein Foto.

Ich denke an die Tasche mit Fotografien aus meinem Leben, die im Keller immer noch darauf wartet, irgendwann sortiert und in Alben geklebt zu werden. Kurze Momentaufnahmen des Glücks, ein Lächeln für die Kamera. Damit man später sagen kann, die eigene Kindheit war ein Leben voller Sonnenschein. Zum Beweis: ein Foto. Darin nicht abgebildet sind die vielen Regentage voller Leid, Schmerz und Trauer. Die Momente der Selbstzweifel, der Mutlosigkeit, der Einsamkeit. Nur hin und wieder kann man in den Augen das Abbild davon erkennen, wie eine Reflektion des Fotografen, der ein Kuscheltier über das Kameraobjektiv hält und einem sagt, man solle lächeln, obwohl einem gar nicht nach Lächeln zumute ist.

Irgendwie ist ein Foto ihrer standesamtlichen Hochzeit mit dem Zahnarzt dazwischen gerutscht. Es zeigt sie beim Unterzeichnen der Heiratsurkunde. Er beugt sich gerade über das Buch, ein Doppelblatt in festes Leder gefasst, um ihm Gewichtigkeit zu verleihen. Sie sitzt mit überkreuzten Beinen neben ihm und lächelt für die Kamera. In diesem Augenblick, so erzählt sie, wurde ihr bewusst, dass die Ehe nicht halten würde. Er war ein Gentleman und als zwei Jahre später der Sohn geboren wurde, auch ein guter Vater, aber bereits im Augenblick der Unterzeichnung wusste sie, dass sie nicht für einander bestimmt gewesen sind.

Vielleicht liebte meine Mutter deshalb Fotos so sehr. Wann immer sie eines abstauben konnte, steckte sie es ein. Weil Fotos die guten Momente festhalten, in denen die Menschen, die man liebt, glücklich aussehen, und genau so will man sie in Erinnerung behalten, so glücklich und voller Sonnenschein. Die Fotos wurden betrachtet, bevor sie in der „wichtigen Schublade“ verschwanden, in der auch Dokumente ihren Platz fanden. Wann immer diese Schublade zu voll wurde, nahm meine Mutter eine blaue Mülltüte und stopfte alles hinein.
Im Keller stapelten sich diese blauen Müllsäcke. Nach ihrem Tod bin ich jeden einzelnen von ihnen durchgegangen. Geburtsurkunden, Sterbeurkunden, Scheidungsurkunden, Erbscheine, Einbürgerungsurkunden, Dankesurkunden. Briefe von Banken, Versicherungen, Verwandten, Kontoauszüge von vor zwanzig Jahren, Verträge, Pläne, Einkaufslisten. Fotos von Onkeln, die in Weltkriegen fielen, und Tanten am Tag ihrer Hochzeit, Kindergeburtstagen und Beerdigungen. Pittoreske Landschaftsaufnahmen von Tagesausflügen in die Berge, an Seen, in Dörfer. Haufen bedruckten Papiers, ein jedes wichtig, ein jedes steht für eine ganz besondere Erinnerung. Die Ansammlung eines ganzen Lebens, ausgeblichen und verknittert. Das Lebenschaos aus den blauen Säcken meiner Mutter war mein Erbe. Es hat mich Jahre gekostet, die Sammlung zu sichten und wichtige Unterlagen von unwichtigen zu trennen. Am Ende ging ich nach fast vierzig Jahren mit zwei Kartons aus meinem Elternhaus und überließ den Rest einer Firma, die alles in große Container warf und zur Verbrennung abholen ließ.

Eine Stunde nach dem Frühstück sitze ich alleine am Tisch und tippe diesen Eintrag. Mein Kopf ist verwirrt, so würde der Chaosprinz es ausdrücken. Ich denke über das Leben nach. Darüber, wie jeder einzelne Moment davon durchlebt werden will. Jede einzelne Sekunde, die wir gerne weglächeln würden, sei sie noch so schwer zu ertragen. Darüber, wie die Momente unseres Lebens uns unendlich lang erscheinen können. Wie die Ansammlung dieser Momente hinterher zur Geschichte unseres Lebens werden. Und wie sie letztlich davonflattern, vom Wind zu Staub zertragen werden, wie ganze Galaxien geboren werden, während ich einatme, und wieder sterben, noch während ich ausatme. In meine Gedanken hinein klingelt es an der Haustür, der Chaosprinz läuft neugierig hin. Es ist Sonntag, wichtig kann es also nicht sein, denke ich, und bleibe vor dem Computer sitzen. Erst als ich merke, dass der Chaosprinz offenbar eine Konversation führt, stehe ich auf.
An der Haustür steht ihr Sohn. Gerade noch hatten wir Fotos von ihm als kleinem Jungen angesehen, wie er im Meer tauchte und Zuckerwatte an der Strandpromenade naschte. Ich bin überrascht, schalte aber nicht. Sie hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn. Obwohl er im gleichen Dorf wohnt, sprechen die beiden nicht mit einander. Der Grund dafür bin vermutlich ich, auch wenn ich nicht so genau weiß, wie ich in diese Lage geraten bin.

Warum konnten Menschen nicht einfach akzeptieren, dass wir unser Leben miteinander verbringen wollten. Dass wir uns mochten und irgendwie spürten, dass wir zueinander gehörten. Dass es nichts mit körperlicher Anziehung zu tun hatte, nichts mit Sex, nichts mit irgendwelchen Vorteilen, die wir uns davon versprachen. Warum konnten die Menschen nicht einfach akzeptieren, dass wir zusammengehörten, weil irgendeine höhere Macht uns zusammengeführt hatte. Dass wir unsere Beziehung niemals hätten definieren können, weil sie in keine der gängigen Kategorien zu passen schien. Dass wir uns auch gar nicht auf irgendetwas davon festlegen wollten, was ohnehin danebengelegen hätte. Konnte sich denn niemand vorstellen, dass wir einander mochten und uns füreinander verantwortlich fühlten. Dass wir für einander da sein wollten. Warum dachten die Menschen nur an Sex und Geld. Wo beides doch überhaupt niemals eine Rolle zwischen uns gespielt hatte.

Der Zahnarzt war gestorben. Deshalb stand ihr Sohn heute vor der Tür seines Elternhauses. Für uns kam diese Nachricht völlig unerwartet, wir wussten nicht einmal, dass der Zahnarzt ernstlich erkrankt war. Niemand hatte sie darüber informiert. Der Sohn vermied das Wort „Mutter“ bewusst und nannte sie beim Vornamen, als er nach ihr fragte. Ich bat ihn herein, aber er wollte nicht. Meine Augen füllten sich mit Tränen, als ich ihm sagte, dass er es sich alles noch einmal überlegen sollte. Das Leben, sagte ich ihm, sei so kurz. Es sei so vergänglich, das Leben, und das Ende sei so unberechenbar. Und am Ende, sagte ich ihm, seien wir doch nur unsere eigenen Geschichten, und ob es ihm nicht angesichts dieser Umstände möglich sei, fragte ich ihn, die Beziehung zumindest in irgendeine Normale zu bringen.
Darüber sollten wir doch jetzt nicht sprechen, sagte er. Dann ging er, er müsse noch die Kinder abholen, entschuldigte er sich.

Meine beste Freundin, die Frau, in deren Nähe ich mehr als mein halbes Leben verbracht habe, bevor wir uns vor nunmehr zwölf Jahren entschieden, zusammenzuziehen, hat an diesem Tag ihre große Liebe und ihren Exmann verloren. Eine Nacht zuvor hatten wir noch über ihr Leben gesprochen. Wir hatten uns morgens die Fotoalben angeschaut, als hätten wir es irgendwie geahnt. Aber natürlich hätten wir es nicht wissen können. Es hatte ja nicht einmal Hinweise darauf gegeben.

Mein Kopf ist nicht mehr verwirrt, auch wenn ich noch wirr schreibe. In Wahrheit erscheint mir nun vieles klarer als zuvor. Zum Beispiel, dass das Leben viel zu kurz ist, um sich seine Zeit vom Alltagskummer auffressen zu lassen. Dass die schönen Augenblicke, die wir auf Fotos festhalten, so flüchtig und vergänglich sind, und so klein wie ein Sandkorn auf meiner ausgestreckten Handinnenfläche. Dass ich meine Suppenfreundin so lieb habe, so sehr, dass ich die mir zugeteilte Zeit an ihrer Seite verbringen wollte, für sie da sein wollte und dass es mir scheißegal ist, warum das irgendjemand nicht versteht. Ich werde niemals wieder über irgendetwas streiten, über rein gar nichts mehr, denn nichts auf der Welt ist es wert, um darüber zu streiten und dafür reicht die Zeit auch einfach nicht mehr. Von nun an will ich die Privilegien des Alters genießen. Ich will lilafarbene Kleidung tragen und einen verrückten Hut. Ab heute werde ich zu meiner eigenen Geschichte. Möge sie eine gute werden.

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T-2

Ob es der Klang ist?
Das Geräusch, ein Schall nur, kein Wort, spät nachts oder früh am Morgen, wenn niemand damit rechnet, weil alles schläft.

Vielleicht ist es der Klang.
Ich tue mich schwer mit diesem Herbst.
Es ist zu kalt, und wenn es kalt ist, dann sollte ich gar nicht hier sein, dann ist vielleicht der Ort falsch. Es gäbe welche, die wären weniger falsch, aber der richtige war noch nicht dabei. Jedenfalls ist die Zeit falsch, da bin ich mir sicher.

Es summt in meinen Ohren, irgendwie betäubend, und warum sagst du nichts? Weil es zu laut ist, weil ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann, wenn alles bricht und bröckelt, und was einmal kaputt ist, das lässt sich auch nicht mehr kleben, und genau deshalb muss man vorsichtig sein. Aber wem sag ich das.

Jedenfalls tue ich mich schwer mit diesem Herbst und diesen Nächten, und dabei sollte man meinen, ich hätte mich längst daran gewöhnt, und dass es mich doch keine schlaflosen Nächte mehr kostet.

Vielleicht ist es das Gesamtkonzept – was erscheint, ist auf Links gedreht und wirkt deshalb irgendwie falsch, ohne dass man sagen könnte, wie es denn nun richtig wäre.
Ein Suchbild vielleicht, in dem man keine Fehler findet, das aber trotzdem falsch aussieht.
Vielleicht ist es das.

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52 Stunden

Eine nicht unerhebliche Anzahl Stunden habe ich in meinem Leben mit Warten zugebracht. Warten auf besondere Ereignisse, auf Urlaube oder Wochenenden. Warten auf Klausurtermine, Geschäftsmeetings, Arztbesuche. Warten auf Ankünfte und Abfahrten, das Klingeln von Schulglocken oder den Postboten, auf Sonnenuntergänge und darauf, dass es wieder Morgen wird.

Der Chaosprinz ist seit einer Stunde unterwegs auf Klassenfahrt. Sie fahren in irgend ein Nest irgendwo im Westerwald, einfach nur, um wegzufahren, denn zu sehen gibt es dort eher nichts. Ich habe ihm tapfer jede Menge Spaß gewünscht und, kaum dass er aus der Tür war, meinen Timer auf 52 Stunden gesetzt. Die gilt es jetzt abzuwarten und durchzustehen. Ich widerstehe dem Impuls, in meine Schrottschleuder zu springen und ihm einfach nachzufahren. Mich dort irgendwo einzuquartieren und ihn aus der Ferne zu beobachten. Ich bin keine Helikoptermutter!

Jemand warf mir einmal vor, kein Vertrauen ins Leben zu haben. Wie sollte man das denn auch haben? Dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest sind wir doch völlig gleichgültig und selbst einander bedeuten wir nichts.

Ich bin keine Helikoptermutter, aber es ist so schwierig, erwachsen zu werden. Das weiß ich, denn ich musste ja selbst mal erwachsen werden. Allerdings waren das noch ganz andere Zeiten. So erinnere ich mich als Achtjährige, wie ich vor dem Podestpult von Schwester Carola stand. Sie schob ihre Lesebrille auf die Spitze ihrer Knollennase und sah über die Brillengläser hinweg prüfend auf mich herunter, bevor sie einen Blick in mein Heft warf. Und für diesen einen, kurzen Moment blieb mein Herz einfach stehen.
Ich bin keine Helikoptermutter. Leichter ist es im Laufe der Zeit nicht gerade geworden, das Erwachsenwerden. Das Erwachsensein aber auch nicht. Denn ganz gleich, wie du es machst, du machst es ohnehin verkehrt. Bei all dem, was Eltern alles falsch machen, ist es ein Wunder, dass es uns überhaupt noch gibt. Bei allem, was Eltern alles falsch machen könnten, ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen beschließen, keine werden zu wollen. Und, da seien wir mal ganz ehrlich, hätten Eltern immer ganz genau gewusst, was da eigentlich auf sie zukommt, wären wir längst ausgestorben. Andererseits ist das wohl auch so, wenn du dir eine verdammte Zimmerpflanze im Gartencenter kaufst. Immer, immer, immer kommt irgendjemand daher, der sich berufen fühlt, dir wortreich zu erklären, wie du es besser machen könntest.

Zweiundfünfzig Stunden.
Durchzustehen mit viel gutem Willen und einer ordentlichen Portion Ablenkung.
Und so wird es gehen. Irgendwie.

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Der Chaosprinz, die Schule und ein Witz

Ich mag die ersten Tage eines Monats, wenn das Kalenderblatt noch frisch und die Zeit eines ganzen Monats vor mir liegt. Es ist wie ein Neubeginn, die Geburt eines Monats, der so viele Möglichkeiten bereit hält, so viel Zeit, die die Chance bietet, alles noch ein bisschen besser zu machen, das Leben immer näher an das erträumte Ideal zu bringen. Ein exzeptioneller Tag, an dem einfach alles möglich wäre, und wenn es gut läuft, ist das ein gutes Omen für den ganzen Monat.

Drei Wochen ist der Chaosprinz jetzt auf der weiterführenden Schule und es beginnt sich auszuzahlen, dass ich im Vorfeld bereits eine gute Organisationsstruktur für ihn aufgebaut habe. Es gibt beschriftete Ablagefächer für jedes Fach und eine Liste, wie der neue Tag am Abend vorher vorbereitet sein will. Darüber hängt der Stundenplan und daneben ein Zettel mit goldenen Regeln und wichtigen Terminen, so dass nichts verpasst wird. Der Ranzen ist fachübergreifend, aber gut sortiert, so dass mit einem Griff alles hervorgeholt und auch wieder verstaut werden kann. Meine eigene Ordnungsstruktur wird durch ein gutes Organisationsmanagement aus der Schule komplementiert, so dass der Chaosprinz nicht lange grübeln muss, was er jetzt eigentlich zu tun hat, sondern sich ganz auf das Lernen konzentrieren kann. So bleibt er stets am Ball.

Die Klassengemeinschaft ist wie jede Klassengemeinschaft: Es gibt Häme und Spott, starke Männer und hübsche Mädchen, Streber und Klassenclowns. Abends, wenn der Chaosprinz im Bett liegt, setze ich mich zu ihm und lasse mir von den sozialen Strukturen in der Klasse erzählen. Gestern, so erzählte der Chaosprinz mir, kam ein Junge nach Bio auf ihn zu und boxte ihm in die Rippen. Erstaunt sah der Chaosprinz ihn an und fragte, warum er ihn geboxt habe. Da sagte der Junge: Weil du nervst!
Was macht man da?, fragt er mich, wie soll ich denn auf sowas reagieren?
Ich dachte einen Augenblick nach, wie ich dem Chaosprinzen in diesem Fall raten soll. Am Ende entschied ich mich für einen Rat, den ich für meinen Geschmack viel zu spät von einer Tante bekommen hatte. Das Leben, so sagte sie mir damals, ist manchmal ein Meer aus Scheiße und wir schwimmen alle bis zum Hals darin. Die Kunst des Lebens ist es nun, sich immer nur neben denjenigen aufzuhalten, die keine Wellen schlagen. Von allen anderen hält man sich besser fern, wenn man keine Scheiße schlucken will.

Die Digitalisierung der Schulen hat sicher seine Vorteile, vor allem, wenn so eine Pandemie den Planeten überrollt und alle Menschen zu Hause bleiben müssen. Ein Nachteil ist, dass wir am letzten Wochenende einen Haufen Zeit in die Anmeldung und die Erforschung der Plattform stecken mussten. Intuitiv ist da für mich überhaupt gar nichts. Glücklicherweise gehört der Chaosprinz schon zur Generation Internet und hat offenbar dadurch eine genetische Prädisposition, die ganzen Seiten und Links und Foren und Programme viel schneller zu begreifen als ich. Um die Kinder an die Plattformkommunikation zu gewöhnen, war eine Hausaufgabe der Lehrerin, ihr einen Witz über email zu schicken. Der Chaosprinz überlegte, dann entschied er sich für einen selbst erdachten, und ich finde, das ist ein ganz wundervoller Witz:

Eine Familie bekommt ein Kind.
Der Vater fragt: „Wie sollen wir es nennen? Hans vielleicht? Oder Klaus? Oder vielleicht doch lieber Johann?“
Die Mutter antwortet: „Nein, wir nennen es Schulfrei – vertrau mir, das wird lustig.“
Elf Jahre später.
In der Klasse prüft die Lehrerin die Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler.
„Sabine?“, sagt sie.
Sabine ruft: „Ja!“
„Klaus?“, sagt die Lehrerin.
„Ja!“, ruft Klaus.
„Schulfrei?“, sagt die Lehrerin.
Die ganze Klasse ruft: „Jaaaaaaa!“

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Abgeschlagen

Und so schreitet die Zeit voran: Der Chaosprinz ist gerade einmal zwei Wochen in der weiterführenden Schule und noch versuchen wir uns in diesem neuen Zeitmanagement zu finden, welche Uhrzeit fürs Aufstehen reicht und welchen Bus wir spätestens bekommen müssen, damit er noch pünktlich auf der Schulbank anlandet, da wird auch schon der erste Vokabeltest geschrieben. Eine grobe Sichtung seiner Materialien ergab immerhin, dass die fünfte Klasse offenbar einer feingliedrigeren Wiederholung der ersten vier dient. Neue Fächer werden langsam eingeführt, alles, was vormals unter Sachkunde fiel, hat jetzt eine eigene Schulstunde. Langsam wird es abends auch wieder früher dunkel. Das Schachtelhaus hat ein großes Schlafzimmer, in dem wir alle drei schlafen, das in voller bodentiefer Fensterfront nach Süden zeigt, und wenn es noch hell ist, kann keiner von uns schlafen. Im Ergebnis reicht der Schlaf dann nicht aus, um morgens um sechs fit am Frühstückstisch zu sitzen.

In den dünnen Zwischenräumen zwischen Arbeit und Schule träume ich mich weit weg von meinen Sorgen und Ängsten und hege meine Zuversicht darauf, dass alles schon irgendwie werden wird, wie ein junges Pflänzchen. In manchen Momenten erscheint die Verzweiflung aber so übermächtig, dass die Fluchtgedanken immer größer werden. Ich bin schon einmal aus meinem Leben geflohen, vor zwölf Jahren. Mit wenig Gepäck und in der Hoffnung, dass von nun an alles besser werden würde. Damals wurde alles nur noch viel schlimmer, so schlimm, wie ich es in meinen größten Albträumen nicht hätte vorhersagen können.

Seltsam, wenn du dich ungeliebt fühlst und dieses Gefühl deiner eigenen Unzulänglichkeit zuschreibst, weil es dir ganz genauso auch immer wieder versichert wird. Weil es leichter ist, den Fehler bei sich zu suchen, statt zuzugeben, dass man sich in seiner Menschenkenntnis kräftig geirrt hat. Wie viel einfacher ist es, die Gefühle der eigenen defekten Persönlichkeit zuzuschreiben, statt sich mit den Tatsachen auseinanderzusetzen. Und dann stecke ich plötzlich fest in dieser völlig lieblosen Beziehung und begreife, dass ich meinem Gegenüber in jeder Hinsicht so gleichgültig bin, dass es an keinem einzigen Punkt der gemeinsamen Zeit irgendeine Gefühlsregung zeigt, außer, wenn sein Ego verletzt ist. Dann fließen die heißen Tränen der erstaunten Entrüstung.
In diesen Augenblicken befällt mich der Verdacht, dass ich der Situation nicht mehr entkommen kann. Ich bin die Gefangene meiner eigenen Dummheit. Vor zwölf Jahren bin ich auf das falsche Pferd gestiegen und steuere seitdem im rasanten Galopp auf einen Abgrund zu, so tief und unfassbar dunkel, dass ich um meine unsterbliche Seele fürchten muss.

Gegen Gleichgültigkeit kommt man nicht an. Man kann nicht ansprechen, nicht anschreiben, nicht anschreien. Gleichgültigkeit lässt jedes verzweifelte Wort, jeden eindringlichen Appell, jede inständige Bitte einfach an sich abperlen. Gleichgültigkeit ist der untere Totpunkt einer jeden Beziehung. Wenn Liebe in Hass umschlägt, hat man wenigstens etwas, mit dem man arbeiten kann. Wenn nie etwas anderes da war außer totaler und tiefster Gleichgültigkeit, dann kann das Leben in höllischer Ewigkeit ganz genau so weitergehen. Gleichgültigkeit ist ein träger Gleichgewichtspunkt, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Verzweiflung wächst und ertränkt jedes Gefühl, bis nur noch die Hilflosigkeit bleibt.

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Lohn und Brot

Ich würde gerne mal wieder etwas ganz für mich allein machen, sage ich am Abendtisch nach einem langen Tag zur Suppenfreundin, so nur für mein Wohlbefinden, weißt du, das habe ich einfach ganz lange nicht mehr gemacht.
Die Zeit dafür hättest du doch, erwidert die Suppenfreundin und schaut erstaunt von ihrem Brot auf, du arbeitest ja nicht.
Doch, ich arbeite schon, sage ich, da ist der Chaosprinz, die Schule, das Schreiben.
Siehst du, sagt sie, das Schreiben, das ist doch etwas ganz für dich allein.
Das ist Arbeit, sage ich.
Nein, ist es nicht, sagt sie, du wirst ja nicht dafür bezahlt.

Das stimmt natürlich. Ende meiner Dreißiger habe ich nach ein paar halbherzigen Versuchen beschlossen, dem deutschen Literaturbetrieb den Rücken zu kehren. Gründe dafür gab es viele, die meisten sind jedem geläufig, der es mal versucht hat. Dazu kam die Beobachtung, dass durch die Nutzung der übrigen Medien das Buch als solches immer weiter in den Hintergrund tritt. Mir scheint, als würde die Geduld für das Lesen eines Buches von Generation zu Generation schwinden. Gefragt sind schnelle Thriller und Krimis, und so etwas liegt mir gar nicht. Ich lese es nicht einmal gern. Ich mag die fein gezeichneten Charakterstudien, die mir etwas über die unterschiedlichen Abgründe erzählen, an denen Menschen entlangtanzen können. Und genauso schreibe ich.

Ganz privat und insgeheim halte ich mich auch nicht für gut genug, einen Leser über eine längere Zeitspanne am Text zu halten. Obwohl ich viel schreibe, schüchtert mich Sprache immer noch zu sehr ein, als dass ich Selbstvertrauen hätte aufbauen können. Und so kämpfe ich mich mit haufenweise Selbstzweifeln von Wort zu Wort und Satz zu Satz, freue mich an kleinen Erfolgen und schreibe öffentlich im Blog. Man könnte auch sagen, ich scheitere täglich neu mehr oder weniger an meinen eigenen Anforderungen. Vielleicht entwickle ich mich aber auch noch persönlich weiter oder bin irgendwann soweit zufrieden, dass ich ernsthaft nach einem Verlag zu suchen beginne, ausschließen möchte ich da nichts. Berufseinstieg mit über Fünfzig ist für Autoren jetzt nicht so ungewöhnlich.

Schreibende Menschen wissen ganz genau, wie viel Arbeit zwischen zwei Buchdeckeln (oder eben in einer Seite Blogtext) steckt. In meinen Dreißigern traf ich auf dem Autorinnenforum Berlin viele bekannte Namen, darunter Felicitas Hoppe. Sie sagte mir damals auf Nachfrage folgendes: Ich kenne keinen Autor, der gern schreibt. Alle stöhnen und ächzen unter der Last der Buchstaben, den endlosen Stunden in Einsamkeit, dem kreativen Prozess des Gebärens unter Schmerzen. Es ist nicht das Schreiben, was es ausmacht, es ist das Ergebnis, das hernach vor einem liegt. Das ist es, was Autoren zur Feder greifen lässt, das Ergebnis.
Zadie Smith formuliert in ihrem Essay „Besser Scheitern“ das Schreiben als einen Prozess, der zwangsläufig fehlschlagen muss, weil der Autor selten in der Lage ist, seine in Gedanken sorgfältig ausgearbeitete Fassung ganz genauso auf das Papier zu bringen. Das Ergebnis weicht somit fast immer von den eigenen Ansprüchen daran ab. Sie plädiert daher für eine „Poesie des Scheiterns“, ohne die, da seien wir mal ehrlich, der Buchmarkt um mindestens fünfzig Prozent ärmer wäre.
Sachbücher kann man da vermutlich getrost ausnehmen. So sagte Preisträgerin Kathrin Passig, die bis dato hauptsächlich Sachbücher geschrieben hatte, nach dem Bachmannwettbewerb, sie hätte im Vorfeld nie gedacht, wie anstrengend das Verfassen fiktionaler Literatur sein kann.
Und selbst Peter Hoeg sagte einmal in einem Interview über seinen Weltbestseller „Smillas Gespür für Schnee“, es hätte eigentlich ein ganz passabler Roman werden können, hätte er sich nur etwas mehr Zeit gelassen und noch mehr Arbeit investiert.

Viel Arbeit, viele Zweifel, Scheitern am Ideal und oftmals wenig Erfüllung – niemand hat jemals behauptet, das Schreiben ginge ihm leicht von der Hand. Es ist ein Prozess, in dem man stetig besser werden kann, wenn man nur lange genug übt, vielleicht nicht unbedingt so sehr den Umgang mit Worten, sondern vielmehr das eigene Vertrauen in sie. Und selbst dann noch fehlen manchmal trotzdem die entscheidenden zehn Prozent Inspiration.
Es ist Arbeit, liebe Suppenfreundin, und wie es Arbeit ist. Es ist viel mehr Arbeit, als man sich vorstellen kann, weil es ein Eintauchen erfordert, um etwas zu finden, das es wirklich wert wäre, auf das Papier gebracht zu werden. Das tut manchmal weh und hinterher ist man reichlich benommen. Das Rohmaterial, das vor einem liegt, will bearbeitet werden, erst grob behauen wie ein Stein, dann fein geschliffen wie ein Diamant – und manche dieser Diamanten sind wirklich hart.
Das Ergebnis dieser immensen Arbeit ist immer ungewiss.
Und nur in den aller seltensten Fällen wird es (angemessen) bezahlt.

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