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Eine Ewigkeit später…

Jetzt ist es doch unbemerkt Juni geworden und war nicht gerade noch Silvester, als wir uns aus der garteneigenen Sicherheitszone fast atemlos den zivilen Ungehorsam vereinzelter Feuerwerkskörperzünder angesehen hatten.

Wenn ich etwas nachdenke, erinnere ich mich auch dunkel an eine verregnete Ostereiersuche, die ich dieses Jahr besonders liebevoll gestaltet hatte, weil ich nicht weiß, wie lange der Chaosprinz noch nach Ostereiern suchen will.

Sechs Monate Irrsinn haben ihre Spuren hinterlassen, nur eben nicht unbedingt in meinem Gedächtnis.

Durch Zufall, und weil eine Freundin findet, ich sollte doch unbedingt einen Blog über mein miserables Leben führen, um zumindest ein bisschen Sinn daraus zu pressen, erinnerte ich mich daran, dass ich ja bereits einen Blog über mein miserables Leben führe. Oder mir  zumindest immer wieder vornehme, ihn zu führen, aus eben jenem Grund, den meine Freundin anführte.

Also nehme ich mir wieder einmal vor, mir mehr Zeit zu nehmen, um mein miserables Leben vor der breiten Leserschaft von etwa zwei Besuchern pro Monat auszubreiten.
Denn ich bin als Künstlerin mindestens ebenso unverstanden wie Joseph Beuys, Klaus Kinski oder Franz Kafka. Ich bin nur nicht so gut.

Deshalb bitte: mein miserables Leben nur hier exklusiv für dich!
Thank me later.

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Neues Glück

Pünktlich zum neuen Jahr empfängt mich der alte Wahnsinn.

Was habe ich mir auch gedacht, denke ich, dass mit dem Jahreswechsel aller Spuk aus dem Jahr, das nicht genannt werden darf, vorbei sein würde? Denke ich das nicht an jedem Silvesterabend? Aber kaum ein, zwei Tage später ist der Reiz des neuen Jahres schon verflogen und der Alltag präsentiert sich im gewohnt geblümten Putzkittel.

Ich habe die ersten Tage des Jahres damit zugebracht, meinen frisch erworbenen Laptop dazu zu überreden, die neue Schulsoftware für den Chaosprinzen herunterzuladen. Überraschenderweise hat die Maschine meinem Flehen heute nachgegeben: der Chaosprinz ist nun offizielles Mitglied seiner digitalen Lerngruppe. Natürlich weiß ich nicht, wie viele Verträge ich jetzt abgeschlossen habe, denn das seitenweise Kleingedruckte liest doch kein Mensch, nur damit das Kind die Grundrechenarten lernt.

Sobald ich ihn einschalte, spricht mein neues Laptop zu mir. Ständig will es irgend etwas haben. Ein neues Update hochladen, weil es sich bereits in der ersten Woche nach dem Kauf schon hoffnungslos veraltet fühlt. Es verlangt Zulassungen und Berechtigungen, um mit irgend einem anderen Gerät in der Nähe zu kommunizieren, ganz so, als sei ihm langweilig, Mal schauen, was die Waschmaschine so alles zu erzählen hat. Und permanent weist es mich darauf hin, wie wichtig ihm meine persönlichen Daten sind. Zu meiner Sicherheit. Die ihm auch wichtig ist. Natürlich.

Jedenfalls kann der Chaosprinz jetzt an seinem digitalen Unterricht teilnehmen.
Er möchte aber lieber nicht.

Doch obwohl wir jetzt voll digitalisiert in das Lernen auf Distanz starten könnten, müssen die Arbeitsunterlagen trotzdem noch Montags aus der Schule abgeholt und Donnerstags bearbeitet wieder hingebracht werden.

Voll analog.

Auch ohne das neue Laptop ist der Winter hart.

Jedes Jahr scheint er ein kleines bisschen härter zu werden. Jedes Jahr dunkler, kälter und matschiger. Jedes Jahr versprechen sie im Fernsehen weiße Weihnacht und irgendwo in der Republik schneit es dann auch, denn jedes Jahr posten hunderte von Facebookfreunden Schneepracht und selbstgebaute Schneemänner mit Steinen statt Augen und Karotten als Nasen. Nur bei uns bleibt es matschig kalt und wintergrau.

Der Chaosprinz mault. Er möchte gerne mal eine Schneeballschlacht machen mit mir, aber jedes Jahr ist mir viel zu kalt, um das Haus zu verlassen und mit ihm in die Schneepracht zu fahren.

Lesen, denke ich, das wäre jetzt fein, und kurz erscheint ein Bild aus der Erinnerung.

Immer wieder kaufe ich mir hoffnungsvoll Bücher, die ich gern lesen würde, und langsam wächst der Stapel auf dem Nachttisch. Irgendwann, denke ich, nehme ich mir die Zeit. Doch bis dahin frisst die Zeit sich auf.

Ich sollte mal wieder, denke ich, etwas mehr an mich selbst denken Das letzte Schaumbad war im Frühherbst, als die Tage begannen, kälter zu werden. Aber dann steht da noch der geschmückte Weihnachtsbaum.

Ich sollte, denke ich, meine Zeit besser einteilen, schließlich haben andere doch auch nur diese 24 Stunden am Tag und scheinen gut damit auszukommen. Nur bei mir scheinen sie nicht auszureichen, denn ständig konkurrieren die Aufgaben um meine Aufmerksamkeit. Was alles noch zu machen ist, was noch erledigt werden will, was schon länger wartet, bis –

Bis was?

Und während es draußen dämmert, dämmert mir, dass das vielleicht genau die Frage sein könnte, auf die ich eine Antwort suche.

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Albträume

Das, was in der Dunkelheit passiert, im halbwachen Zustand, auf der dünnen Grenze zwischen Bewusstsein und tiefstem Unbewussten.
Albträume offenbaren Gedankenspiele, zu denen du dich tagsüber nicht traust. Sie zeigen parallele Leben auf, die du ganz genauso würdest leben können, würde nicht das, was du über dich zu wissen glaubst, dich davon abhalten.
Was, wenn ich in Wahrheit eine ganz Andere bin?
Albträume zeigen es dir.
Gedankenspiel: Ich bin in einem Raum. Um mich herum stehen andere Versionen meines Selbst. In der Mitte des Raumes ist eine Kuppel. Wenn ich mich hineinbegebe, eine kleine Glasfiole in der Hand, dehnt sich der Inhalt der Fiole aus, bis er die ganze Kuppel ausfüllt.
Über das, was dann mit mir passiert, gibt es vage Theorien. In jedem Fall scheint es folgenlos für meine Existenz zu sein, da es mich im Raum ja mehrfach gibt.
Was auch immer passieren wird unter Schrödingers Kuppel, es wird schnell gehen, denken wir.
Und so ist das im Leben: wenn man etwas nicht ausprobiert, kann man nicht wissen, was passieren wird. Unter sorgfältiger Risikoabwägung, soweit das mit unvollständigen Informationen überhaupt möglich ist, betrete ich die Kuppel.
Was immer passieren wird, es wird schnell gehen.
Ich wache auf.
Natürlich ist man geneigt, solche Träume analysieren zu wollen. Aber meine Träume ergeben selten einen Sinn und außerdem bin ich nicht Freud.
Gedankenspiel: Wer wäre ich, wenn ich jemand anderes wäre? Wie viele von mir gäbe es dann? Würden wir die Entscheidung, wer in die Kuppel geht, gemeinsam treffen? Oder hätten die anderen das für mich entschieden?
Unter der Kuppel wird die Luft knapp. Die Fiole in der Hand warte ich darauf zu ersticken.
Von wegen schnell, denke ich, es zieht sich.

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Julias Text

In manchen Nächten ist an Schlaf nicht zu denken.

Weil es dunkel geworden ist, und die Nacht über mir hängt wie ein leeres Versprechen, während die guten Menschen schlafen und an nichts Böses denken, weil es Angst macht, in die Sterne zu schauen und dem Chaosprinzen zu erklären, dass wir jetzt in eine unbekannte Unendlichkeit sehen, anstatt wie tagsüber ins Zentrum unserer kleinen Galaxis.

Warum wohnen wir hier? fragt er mich, und ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich das nicht weiß.

Die einfachsten Fragen werden zu den größten Mysterien, wenn der Mond erst aufgegangen ist. Was im Tageslicht selbstverständlich scheint, lässt sich mit Anbruch der Nacht nur bei geschlossenen Augen in Sicherheit betrachten.

Warum sind wir hier? fragt der Prinz, und ich würde ihm jetzt gern ein Schaf in die Luft malen, ein perfektes, eines das in der Kiste, die ich drum herum gemalt habe, eingeschlafen ist und vom Morgen träumt, von gleißend hellem Sonnenschein, saftig grünen Wiesen und einem kristallklaren Bachlauf.

Aber ich kann nicht malen. Und ich habe keine Antworten mehr, wenn die Dunkelheit hereinbricht.

Der Chaosprinz rollt sich ein wie ein Kätzchen. Er hat gelernt, dass seine Mutter die Nächte fürchtet. Er weiß nicht, dass ich, wenn er eingeschlafen ist, auf den Balkon gehe und bis zum Tagesanbruch frierend die Sterne zähle.

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Erklärversuch

Ich habe geträumt, du hättest mir endlich die Wahrheit gesagt darüber, was du wirklich von mir denkst, und es war nichts Gutes, was du über mich dachtest, denn ich bin kein guter Mensch.

Deine Worte offenbarten jene eisige Kälte einer kürzlich überwundenen Enttäuschung und grenzenlose Verachtung.

Es war schwer, sie anzuhören, deine Wahrheit über mich und du hast mich nicht erklären lassen, wie es zu all dem kam. Kein Wunder, dass du dich mir gegenüber so verhalten hattest, ich selbst hätte mich auch nicht besser behandelt.

Als es raus war, wusste ich, der Abschied ist da. Er wird schwer werden und bitter und ich werde weinen müssen, aber Tränen sind kein Grund, jetzt dramatisch zu werden.

Ich habe mein Herz wieder eingepackt in dicken Wollstoff und schwere Ketten darum gelegt. Ich habe versucht, den Kopf aufrecht zu halten, während ich dir zusah, wie du gingst.

Du hast dich nicht mehr umgedreht.

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Immer, immer, immer gehen die Dinge kaputt.

Immer, immer, immer gehen die Dinge kaputt, sage ich. Kaum hat man den geeigneten Platz auf dem Regal gefunden, die Funktionsweise endlich verstanden, sich an das eigenwillige Muster gewöhnt, gehen die Dinge kaputt.
Es ist schon spät, das Kind schläft und der Hund schnarcht am Bettende. Ich humple in dein Zimmer und lasse mich auf die Couch fallen.
Immer, immer, immer gehen die Dinge kaputt, wiederhole ich, weil du beim ersten Mal gar nicht reagiert hast.
Was ist kaputt? fragst du.
Ja, was denn nicht, frage ich rhetorisch, denn ich weiß, dass du weißt, was ich meine. Wir hatten das Thema über die Jahre immer mal wieder sporadisch. Kaputte Möbel, Elektrik, Beziehungen. Angeschlagenes Geschirr, Gesundheit, Selbstbewusstsein. Löchrige Schuhe, Shirts, Zähne. Immer, immer, immer geht alles kaputt.
Geplante Obsoleszenz, sage ich und bin wütend, ich habe das recherchiert. Miele, zum Beispiel, führe ich an, Miele ist ja nicht blöd, eine Waschmaschine zu bauen, die zehn Jahre hält, wenn sie mit nur einer Sollbruchstelle an einem Dichtungsring, an den keine Sau drankommt, ohne die Trommel zu zerlegen, alle drei Jahre eine neue verkaufen kann.
Ich gebe zu: manchmal verstehe ich die Dinge nicht, obwohl ich nicht dumm bin. Manchmal verstehe ich sie auch falsch, obwohl die Anzeichen unmissverständlich sind. Für mein Leben macht das allerdings keinen paktischen Unterschied.
Wieso denn jetzt Waschmaschinen? fragst du.
Das dient lediglich als Beispiel, sage ich.
Dafür, dass die Dinge kaputt gehen? fragst du.
Für geplante Obsoleszenz, sage ich. Oder die Dreistigkeit, mit der wir Konsumenten angelogen werden, wenn es um Profit geht.
Darum geht es dir doch gar nicht, sagst du, aber falls doch, dann kannst du eine Waschmaschine von einer anderen Firma kaufen, sagst du, eine, die länger hält.
Das machen doch alle Hersteller so, sage ich und überhöre deinen Einwand, dass ich statt von Äpfeln von Tomaten rede. Du kriegst doch auf dem Markt keine Waschmaschine mehr, die länger als drei Jahre hält.
Dann musst du eben mit der Hand waschen, wenn dich das stört, sagst du ergeben müde, und außerdem, wenn du weißt, wie lange so eine Waschmaschine hält und Miele nicht Langlebigkeit verspricht, ist es auch keine Lüge.
Sie schreiben aber auch kein Mindesthaltbarkeitsdatum drauf, sage ich starrsinnig, und außerdem geht es nicht um Handwäsche.
Nein, sagst du, es geht ja auch nicht um Waschmaschinen.
Das spielt doch jetzt gar keine Rolle, sage ich, worum es mir eigentlich geht. Und überhaupt, seit wann ist denn überhaupt wichtig, worum es mir eigentlich geht?
Du argumentierst unlogisch, wendest du ein, weil sich der Satz in vergangenen Diskussionen ähnlicher Couleur oft als hilfreich erwiesen hatte und du außerdem schlafen willst.
Ja, aber das macht mir nichts aus, sage ich, das macht mir echt überhaupt rein gar nichts aus, musst du wissen.
Hmmhn, murmelst du schlaftrunken in die Bettwäsche.
Ja, okay, du hast ja Recht, das war gelogen, das gebe ich zu. Es macht mir etwas aus.
Das sollte nur eine, zugegebenermaßen missglückte Bestätigung sein, sagst du, und, ich muss jetzt wirklich schlafen.
Achso, sage ich, na ja, macht ja nichts. Passiert den Besten.

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Was ich schreibe, wenn ich schreibe

Über einen Zufall, wie es oft so ist, komme ich mit einer alten Freundin ins Gespräch. Sie schreibe nicht mehr, sagt sie, sie vermisse es nicht einmal. Es sei auch nicht so, dass sie nicht wollte oder keine Zeit hätte, nein, sie habe einfach nur aufgegeben. Es drangegeben. Wie das bei mir sei, fragt sie, und ich denke nach.
Dabei fällt mir auf, wie lange ich nicht mehr geschrieben habe und wie viel das Schreiben zu meiner Identität beigetragen hat. Und ich denke, vielleicht war es ja Gottgewollt, mein Scheitern, vielleicht sollte ich niemals zu mir selbst finden, weil es mich ja gar nicht hätte geben sollen und deshalb geht es hier auch gar nicht um mich.
Und dann denke ich: Wer soll das denn jetzt verstehen, Unastre, und wenn du immer so eine kryptische Scheiße schreibst und dabei immer so eine beschissene Kryptik rauskommt, dann musst du dich doch nicht wundern, wenn das keiner lesen will.
Aber dann denke ich an Camus und Kafka und Bukowski, und wie sie alle immer nur sich selbst beschrieben haben und das hat auch keiner kapiert.
Wobei die heute auch niemand mehr lesen würde. Weil sie heute alle nur noch Geduld für eine Twitterlänge Text aufbringen.
Ein Buch. Das werden wir künftigen Generationen erklären müssen. Es hat Seiten, nein, echte, aus Papier, meine ich. Ja du kannst darin blättern, nur nicht so. Nein, man muss keinen Produktkey aktivieren, man muss es nur aufschlagen. Alexa, google mal „Buch“.
Jedenfalls, wenn es doch gar nicht um mich geht und es sowieso keiner liest, dann kann ich es genauso gut auch genau so hinschreiben wie es ist.
Und mich vielleicht wieder selbst darin finden.

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Ausgeknockt

Auf der Suche nach uns selbst stolpern wir abends auf der Terrasse zufällig über einander, jeder in seinem eigenen Universum, unberührbar und deshalb ungerührt, und es fallen Worte, wie man sie sonst nur vom Stuhlkreis kennt.
Wir wollen jetzt über uns sprechen, sagst du, aber ohne den üblichen Pathos, denn ich werde nicht deine Hand halten und dir sagen, dass alles schon irgendwie gut werden wird.
Und ich schweige und nicke, und nicke und denke, wie sehr mir das Quaken der Frösche im kleinen Gartenteich auf die Nerven geht und dass man sie aussetzen müsste, irgendwo im Ennert, fern ab der Straßen, aber es würden neue Frösche kommen, die quaken, das Generve hätte ohnehin kein Ende.
Die Sonne geht unter, die Nacht ist Gottlos und Liebe, die braucht, ist keine. Das sage ich dir aber nicht, das behalte ich für mich, damit es geschützt bleibt, denn es ist mein Eigentum.
Wir sitzen also still auf viel zu harten Stühlen, weil die Sitzkissen noch im Keller überwintern, und glotzen auf das Dunkel des Ölbergs, der sein winziges rotes Licht wie ein Leuchtturm ins Nichts schickt.
Das muss so, sagst du, der Klang deiner Stimme macht mich nervös, und ich schlucke trocken die klare Luft einer kühlen Nacht.
Wenn du das Gefühl hast, dass dir etwas fehlt und du dich deshalb unwohl fühlst, dann trink ein Glas Wasser, sagte meine Mutter immer, denn es ist immer Wasser, das dir fehlt.
Der Rauch deiner Zigarette weht zu mir herüber und lässt mich automatisch nach der Packung tasten.
Wir müssen unsere Gewohnheiten überdenken, sagst du und rauchst, vielleicht werden wir dann glücklich.
Der Alltag ist ein Allesfresser, denke ich und rauche, und, dass dich das im Grunde gar nicht betrifft. Du greifst morgens in die Kommode und holst frische Unterwäsche heraus. Abends wirfst du sie in den Wäschekorb neben der Badewanne. Über deine sonstigen Gewohnheiten weiß ich nichts.
Meine eigenen frisst täglich die Zeit. Lediglich das Wetter ändert sich und mit ihm die Auslagen des Bauern, bei dem ich unser Obst und Gemüse kaufe, weil ich denke, dass es dort gesünder ist.
Aber was weißt du schon über mich oder über dich, und was weiß eigentlich ich, wenn alles, was du tust, den Anschein der Perfektion zu haben hat.
Es ist doch nie zu spät, sagst du.
Wir wissen beide, das ist gelogen, doch wer will denn jetzt noch um Jahrzehnte alte vergossene Milch weinen.
Ach, du, sagst du.
Ach was, sage ich und wische mit der Hand die Schwärze fort.

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Verbrannte Erde

Was ist das eigentlich, was die Erde so brennen lässt? Licht lodert das Feuer, heiß und voller Leidenschaft.
Ein Wort, eilig notiert auf billigem Papier, hält nicht mehr, was es verspricht. Es gibt Sätze, die sind noch nie geschrieben worden. Des Kaisers neue Kleider sind hingegen erstaunlich genau beschrieben.
Ich schreibe Konditionalsätze im Konjuktiv. Ich schreibe Kannlisten auf weiße Bögen voller Überraschung, denn Kunst kommt von Können. Oder von Kannen – ich habe beides schon gehört.
Des Kaisers neue Kleider werden gehalten von zwei Buchdeckeln, zwischen denen jeder Scheiß seinen Platz findet.
Ohne Halt verbrennt die Erde, aber halt: gib mir noch ein Buch. Die Asche, die zurückbleibt, ist ein guter Dünger.

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Frohes neues Jahr

Das Paar zwei Häuser weiter ist fast heimlich vor einigen Tagen wieder ausgezogen. Sie haben es nur ein knappes Jahr ausgehalten in dieser Nachbarschaft, und obwohl ich sie kaum kannte, nahm ich ihnen dieser übereilte Flucht übel.
Es gibt Nächte, da wache ich auf, aus irgendeinem Albtraum, in dem ich mit beiden Fäusten auf einen Körper einschlage, bis ich merke, es ist mein eigener. Dann schleiche ich auf den geliehenen Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Mein Blick wandert durch die vom Russen für kleines Geld gepflegten Gärten, und ich frage mich, was ich hier noch mache und wie ich überhaupt hier landen konnte, um mich herum nur ordentliche und sauber mit einem Hochdruckreiniger auf Hochglanz gespritzte Leben.
Dann wird mir übel von all dieser Gutbürgerlichkeit der Zahnarztprofessoren und Gymnasiallehrer, und ich fühle mich am völlig falschen Ort zur völlig falschen Zeit, eine perfekt mimikrierte Zelle in einer viel zu dicken Ursuppe.
Dabei habe ich immer nur das Glück gesucht. Wie Herr Rossi damals, aber der hat es ja auch nicht gefunden, trotz guter Fee und Trillerpfeife.
So ist das eben mit dem Glück, sagt mein Nachbar. Es lässt sich einfach nicht finden. Selbst wenn du es findest, sprecht ihr nicht die gleiche Sprache. Und selbst wenn ihr die gleiche Sprache sprecht, versteht ihr euch nicht. Und wenn ihr euch doch versteht, dann ist der Sex schlecht.
Als sei das Glück eine Ansammlung unglücklich formulierter Konditionalsätze.
Seine Freundin hat ihn kürzlich verlassen, erzählt er, sie wurde unruhig, sagte, es sei Zeit zu gehen und sich ein neues Arschloch zu suchen. Er konnte das zwar nicht verstehen, half ihr aber trotzdem beim Packen. Seitdem nimmt er Psychopharmaka. Das macht ihn nicht glücklicher, ist ihm jetzt aber scheißegal. 
Da erinnert dich etwas an die Vergangenheit, eine irgendwann gerauchte Zigarette, irgendwo auf einem Gott verlassenen Parkplatz, der nachts zum Schwulentreff wird, und hättest du es gewusst, wie man glücklich wird?
Vielleicht wird man mit dem Alter bescheiden, was das Glück anbelangt. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, ein weiß getünchter Gartenzaun drum herum gebaut – und schon ist man glücklich. Vielleicht hält man sich im Alter aber auch dann schon für glücklich, wenn man nicht völlig unglücklich ist.
Herrn Rossi machte der Hund seines Nachbarn wahnsinnig. Und seine beschissene Arbeit in einer stinkenden Fischfabrik. Herr Rossi fühlte sich auch dann noch nicht glücklich, als er durch die Zeit reisen konnte. Weil wir unseren Arschlöchern immer wieder begegnen. Weil wir ihnen einfach nicht entkommen können. Das ist offenbar karmisch.
Drei Tage hat es jetzt gestürmt, und wenn es nicht gestürmt hat, hat es geschüttet. Dem Regen ist kein Ende abzusehen.
Aus tropfenverhangenen Fenstern starren wir uns schmallippig an, die Gutbürgerlichen und ich, wie Psychopathen, auf der Stelle bereit, sich scharf zu duellieren, wenn nur die Pfützen auf der Straße zwischen uns nicht so nass wären.
Frohes Neues Jahr, formen die Lippen der Zahnarztprofessorengattin und sie nickt leicht, bevor sie dem Fenster den Rücken kehrt.
Herr Rossi hat es gut, denke ich. Der hat jetzt frei.
 

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