Frohes neues Jahr

Das Paar zwei Häuser weiter ist fast heimlich vor einigen Tagen wieder ausgezogen. Sie haben es nur ein knappes Jahr ausgehalten in dieser Nachbarschaft, und obwohl ich sie kaum kannte, nahm ich ihnen dieser übereilte Flucht übel.
Es gibt Nächte, da wache ich auf, aus irgendeinem Albtraum, in dem ich mit beiden Fäusten auf einen Körper einschlage, bis ich merke, es ist mein eigener. Dann schleiche ich auf den geliehenen Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Mein Blick wandert durch die vom Russen für kleines Geld gepflegten Gärten, und ich frage mich, was ich hier noch mache und wie ich überhaupt hier landen konnte, um mich herum nur ordentliche und sauber mit einem Hochdruckreiniger auf Hochglanz gespritzte Leben.
Dann wird mir übel von all dieser Gutbürgerlichkeit der Zahnarztprofessoren und Gymnasiallehrer, und ich fühle mich am völlig falschen Ort zur völlig falschen Zeit, eine perfekt mimikrierte Zelle in einer viel zu dicken Ursuppe.
Dabei habe ich immer nur das Glück gesucht. Wie Herr Rossi damals, aber der hat es ja auch nicht gefunden, trotz guter Fee und Trillerpfeife.
So ist das eben mit dem Glück, sagt mein Nachbar. Es lässt sich einfach nicht finden. Selbst wenn du es findest, sprecht ihr nicht die gleiche Sprache. Und selbst wenn ihr die gleiche Sprache sprecht, versteht ihr euch nicht. Und wenn ihr euch doch versteht, dann ist der Sex schlecht.
Als sei das Glück eine Ansammlung unglücklich formulierter Konditionalsätze.
Seine Freundin hat ihn kürzlich verlassen, erzählt er, sie wurde unruhig, sagte, es sei Zeit zu gehen und sich ein neues Arschloch zu suchen. Er konnte das zwar nicht verstehen, half ihr aber trotzdem beim Packen. Seitdem nimmt er Psychopharmaka. Das macht ihn nicht glücklicher, ist ihm jetzt aber scheißegal. 
Da erinnert dich etwas an die Vergangenheit, eine irgendwann gerauchte Zigarette, irgendwo auf einem Gott verlassenen Parkplatz, der nachts zum Schwulentreff wird, und hättest du es gewusst, wie man glücklich wird?
Vielleicht wird man mit dem Alter bescheiden, was das Glück anbelangt. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, ein weiß getünchter Gartenzaun drum herum gebaut – und schon ist man glücklich. Vielleicht hält man sich im Alter aber auch dann schon für glücklich, wenn man nicht völlig unglücklich ist.
Herrn Rossi machte der Hund seines Nachbarn wahnsinnig. Und seine beschissene Arbeit in einer stinkenden Fischfabrik. Herr Rossi fühlte sich auch dann noch nicht glücklich, als er durch die Zeit reisen konnte. Weil wir unseren Arschlöchern immer wieder begegnen. Weil wir ihnen einfach nicht entkommen können. Das ist offenbar karmisch.
Drei Tage hat es jetzt gestürmt, und wenn es nicht gestürmt hat, hat es geschüttet. Dem Regen ist kein Ende abzusehen.
Aus tropfenverhangenen Fenstern starren wir uns schmallippig an, die Gutbürgerlichen und ich, wie Psychopathen, auf der Stelle bereit, sich scharf zu duellieren, wenn nur die Pfützen auf der Straße zwischen uns nicht so nass wären.
Frohes Neues Jahr, formen die Lippen der Zahnarztprofessorengattin und sie nickt leicht, bevor sie dem Fenster den Rücken kehrt.
Herr Rossi hat es gut, denke ich. Der hat jetzt frei.
 
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